Nontsikelelo (Lolo) Veleko (Ausschnitt)

NONKULULEKO/GOODMAN GALLERY/JOHANNESBURG UND THE WALTHER COLLECTION

The Walther Collection

Afrikanische Fotografie einst & heute

Sein Vermögen erwirtschaftete er als Banker an der Wall Street. Seine Leidenschaft gilt der Fotografie. Seit Mitte der 1990er Jahren hat der deutsch-amerikanische Sammler Artur Walther eine umfangreiche und einzigartige Fotografie-Sammlung aufgebaut, deren Fokus auf Werken aus Afrika und der afrikanischen Diaspora liegt. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt nun Arbeiten aus der Walther Collection und stellt Bezüge zwischen fotografischen Traditionen in Afrika und Europa her.

Sie ragen hoch in die Luft, thronen - so als wollten sie den Gesetzen der Schwerkraft trotzen - auf filigranen Betonstelzen, oder erinnern an ein Spaceshuttle mit runder Kapsel, das mitten im Ruhrpott gelandet ist. Seit Ende der 1950er Jahre dokumentierte das Künstlerpaar Bernd und Hiller Becher anonyme Industriebauten: verlassene und aufgelassene Wassertürme, Gasbehälter, Kohlebunker und Fördertürme. Es sind architektonische Zeugen eines Strukturwandels, der die hochindustrialisierten Zonen Nordrhein-Westfalens spätestens in den 1960er Jahren erfasst hat. Die verwaiste postindustrielle Landschaft mit ihren funktionslos gewordenen, fast bizarr wirkenden Gebäuden wird zum Ausgangspunkt einer fotografischen Spurensuche, die Typologien des Verfalls und Niedergangs sichtbar macht.

Typologien des fotografischen Blicks

Den ikonischen Arbeiten von Bernd und Hiller Becher, die als Begründer der so genannten Düsseldorfer Fotoschule die Fotografie der alten Bundesrepublik nachhaltig geprägt haben, stellt die Schau "Dialoge im Wandel - Fotografien aus der Walther Collection" Bilder des nigerianischen Fotografen J.D. 'Okhai Ojeikere gegenüber. Auch er sucht nach einer Typologie der Formen und widmet sich einem großen seriellen Fotoprojekt.

Fotocollage mit neun Frisuren

MAGNIN-A/PARIS AND THE WALTHER COLLECTION

J.D. 'Okhai Ojeikere, Hairstyles, 1970-1979

"J.D. 'Okhai Ojeikere hat in den 1970er Jahren vor allem in Lagos fotografiert, in einer Zeit, in der Nigerias Unabhängigkeit noch sehr jung war", so Kuratorin Vivien Trommer. "Er hat ein Archiv von mehr als hundert Hinterköpfen, bzw. seitlichen Kopfansichten angelegt. Abgebildet sich Frauen mit unterschiedlichen Frisuren - mit Cornrows oder diverse Flechtfrisuren zum Beispiel. Diese Frisuren erzählen unterschiedliche Geschichten und verarbeiten kulturelle Erfahrungen. J.D. 'Okhai Ojeikere hat diese Geschichte festgehalten und dokumentiert." Vor neutralen Hintergrund setzt der Künstler die flüchtigen Kunstwerke, deren filigrane Flechten mitunter an abstrakte Skulpturen erinnern, ins Bild und dokumentiert eine Kulturtechnik, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Abstrakte Skulpturen auf dem Kopf

Die Gegenüberstellung europäischer und afrikanischer Fotokunst öffnet immer wieder überraschende Blickachsen, zeigt transkontinentale Parallelen aber auch Bruchlinien auf. Gezeigt werden Arbeiten aus der umfangreichen Sammlung des ehemaligen Investment-Bankers Artur Walther. Es sei eine Sammlung, so Kuratorin Vivien Trommer, die ihresgleichen suche. "Artur Walter hat nicht Werke des westlichen Kanons gesammelt - große Namen der zeitgenössischen Fotografie wie Andreas Gursky oder Candida Höfer. Er hat dahin geschaut, wo sonst keiner hingeschaut hat und hat sich ganz bewusst mit der afrikanischen Szene und mit Fotografinnen der afrikanischen Diaspora auseinandergesetzt."

Mann mit roter Brille vor Schwarz-Weiß-Fotos

Artur Walther in der Ausstellung "Dialoge im Wandel"

ANDREAS ENDERMANN

Eine erste große Ausstellung mit den Sammlungsbeständen kuratierte der 2019 verstorbene Kurator Okwui Enwezor, der unter anderem als Kurator der Kunst-Biennale in Venedig federführend daran beteiligt war, eurozentristische Perspektiven der zeitgenössischen Kunst in Frage zu stellen und zu erweitern. Die Schau "Dialoge im Wandel" spannt einen großen Bogen auf und erzählt die Geschichte der afrikanischen Fotografie von der Zeit des Kolonialismus bis heute. In Afrika erscheint der fotografische Blick zunächst als Instrument koloniale Unterwerfung.

Davon zeugen etwa die Bilder des irischen Fotografen Alfred Martin Duggan-Cronins, dessen rassistisch verbrämte Abbildungen so genannter afrikanischer Stämme und Dorfgemeinschaften unverhohlen zeigen, mit welchen Zuschreibungen der hegemoniale Westen dem Fremden begegnet ist. Die Studiofotografie, die sich ab den 1940er Jahren in vielen afrikanischen Staaten entwickelt hat, antwortet auf diesen ethnographischen Blick von außen mit einer vitalen, eigenständigen Bildsprache. Sie ist der Humus, auf dem die zeitgenössische Szene Afrikas gedeiht. Einblicke in diese großteils unentdeckte Welt bietet die Ausstellung "Dialoge im Wandel".

Service

Kunstsammlung NRW – Dialoge im Wandel. Fotografien aus The Walther Collection, bis 25. September 2022

Gestaltung