Die Seebühne zu Beginn der Proben der Oper "Madame Butterfly"

APA/STIPLOVSEK DIETMAR

Getragen von vielen Säulen

Bregenzer Festspiele in Ö1

Wer in der Nähe eines Bachs oder Sees aufgewachsen ist, hat sicher irgendwann einmal ein Papierschiffchen gebaut und ihm zugeschaut, wie es über die Wellen glitt. Papier und Wasser stehen auch im Mittelpunkt des neuen Bühnenbilds der Bregenzer Festspiele.

Wie ein riesiges Blatt Papier, das zerknüllt und auf den Bodensee geworfen wurde, schaut die Kulisse heuer aus, wenn Giacomo Puccinis "Madame Butterfly" gegeben wird. Hauchdünn erscheint dieses Blatt Papier, das aber Teil eines circa 300 Tonnen schweren Bühnenaufbaus ist. Es sei ein "Spiegelbild der Seele", sagte Intendantin Elisabeth Sobotka.

Tieftraurig und emotional sei diese Puccini-Oper, in der die junge Cio-Cio-San, genannt Butterfly, vom US-Navy-Offizier Pinkerton emotional und sexuell ausgebeutet wird. Traurig und dennoch musikalisch außergewöhnlich schön - denn Puccinis Musik trage den Blick hoffnungsvoll in die Weite, meint die Intendantin.

"Madame Butterfly" & "Siberia"

Auf vielen Säulen steht das imposante Bühnenbild im Bodensee, und auch das Programm der Bregenzer Festspiele wird von mehreren Säulen getragen. Während draußen mittels digitaler Bühneneffekte, Skulpturen, Lichtdesigns und fantasievoller Kostüme die große Opernbühne bespielt wird, steht im Festspielhaus immer eine Rarität auf dem Spielplan. Dieses Jahr ist es Umberto Giordanos "Siberia". Ein "Drama der Leidenschaften", wie es der Komponist selbst nannte.

Giordano setzte sich intensiv mit Musik aus Russland auseinander, und diese Einflüsse zeigen sich ganz konkret bereits im ersten Akt mit einem "Lied der russischen Bauern" oder einem Zitat der russischen Kaiserhymne. "Siberia" beschreibt eine tragisch endende Liebesgeschichte zwischen der Hetäre Stephana und einem Soldaten in einem sibirischen Straflager.

Plakatsujet "Siberia"

BREGENZER FESTSPIELE/MOODLEY

Eng verwoben

Die Uraufführung von "Siberia" ist eng verwoben mit der Geschichte des diesjährigen Spiels auf dem See, "Madame Butterfly". Denn Puccini hatte 1903 einen schweren Autounfall und musste seine Arbeit an "Madame Butterfly" unterbrechen. Dies führte dazu, dass zur Saisoneröffnung an der Mailänder Scala nicht wie geplant Puccinis Oper präsentiert wurde, sondern eben Giordanos "Siberia" zur Uraufführung kam - und das mit großem Erfolg.

Erfolg hatte auch Elisabeth Sobotka in den vergangenen sieben Jahren als Intendantin der Bregenzer Festspiele. Mitte Mai gab es dann einige höhere Wellen am Bodensee, als bekannt wurde, dass Sobotka mit September 2024 an die Staatsoper Unter den Linden in Berlin wechselt. Aber - das wurde von allen Seiten betont - natürlich freue man sich jetzt ganz besonders auf die noch anstehenden Saisonen mit ihr und ihrem Programm in Bregenz.

Sobotka wechselt nach Berlin

Als Intendantin der Bregenzer Festspiele hat Sobotka einiges bewegt. Ihr ist die Förderung des musikalischen Nachwuchses ein großes Anliegen. Das hat sie beispielsweise mit der Einrichtung eines eigenen Opernstudios für den Sänger:innen-Nachwuchs in Bregenz bewiesen. Dieses Jahr stehen in dessen Rahmen gleich zwei Opern auf dem Programm: Joseph Haydns "Armida" und Gioachino Rossinis "Die Italienerin in Algier".

Zudem gibt es heuer erstmals eine Orchesterakademie, bei der junge Musikerinnen und Musiker gemeinsam mit Mitgliedern der Wiener Symphoniker und unter der Leitung von Daniel Cohen ein Programm erarbeiten werden, das unter anderem die Uraufführung eines Werks des Vorarlberger Komponisten Herbert Willi beinhaltet.

Uraufführung von "Melencolia"

Für das Festspielorchester, die Wiener Symphoniker, wird es wieder ein intensiver Sommer am Bodensee. Neben "Madame Butterfly" und "Siberia" gestalten die Musikerinnen und Musiker gleich drei Orchesterkonzerte mit Musik von Richard Wagner bis Malika Kishino. Und wenn Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 in Es-Dur erklingt, kann der Solist Kian Soltani am Violoncello sicherlich auf seinen "Heimvorteil" vertrauen.

Opernuraufführungen sind ebenfalls wichtige Säulen der Bregenzer Festspielarchitektur. Dieses Jahr kommt unter anderem "Melencolia" von Brigitta Muntendorf zur Uraufführung. "Eine Show gegen die Gleichgültigkeit des Universums" wird da versprochen, wenn sich das Ensemble Modern auf die Suche nach der befreienden "melancholic mood" begibt.

Gesamtkonzept

Intendantin Elisabeth Sobotka spricht davon, dass das Programm der Bregenzer Festspiele wie ein Gewebe sei, das zu einem Gesamtkonzept führen soll. Ein breites Programm ist es jedenfalls. Sobotka ist es wichtig, alle Möglichkeiten des Musiktheaters auszuloten und dem Publikum eine abwechslungsreiche musikalische Reise zu ermöglichen. Eine Reise mit vielen Überraschungen - eben genauso wie jede Fahrt eines Papierschiffchens …

Text: Stefan Höfel

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