Ausschnitt des Buchumschlags

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Liebe und Diktatoren

"Intimitäten" von Katie Kitamura

Eine Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof von Den Haag ist die Hauptfigur im neuen Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin Katie Kitamura, in dem auch ein angeklagter afrikanischer Machthaber eine bedeutende Rolle spielt. Als "Intimacies" letztes Jahr im Original erschien, zählte es Barack Obama zu seinen Lieblingsbüchern 2021.

Sie spricht fünf Sprachen und wuchs zwischen zwei Kulturen auf. Vor kurzem starb ihr japanischer Vater und das nahm die Ich-Erzählerin in Katie Kitamuras neuem Roman "Initimitäten" zum Anlass, um New York den Rücken zu kehren und eine Stelle als Dolmetscherin in Den Haag anzutreten.

Am Internationalen Gerichtshof übersetzt die Frau nun die Aussagen angeklagter Ex-Präsidenten und Diktatoren. "Mich hat eine Figur interessiert, die ganz knapp an den Mächtigen dran ist, ohne selbst Macht zu besitzen", so Katie Kitamura. "Die also aus nächster Nähe tragische historische Ereignisse beobachtet, ohne irgendeinen Einfluss auf sie nehmen zu können."

Auge in Auge mit dem Angeklagten

Katie Kitamura lebt in New York, verbrachte zu Recherchezwecken aber mehrere Wochen in Den Haag. Sehr genau sind ihre Schilderungen der Stadt, vom in den Dünen gelegenen UN-Gefängnis, über die historische Altstadt bis hin zur grassierenden Straßenkriminalität in den Randbezirken.

Viele Stunden beobachtete Kitamura aber auch die Gerichtsverhandlung gegen den ehemaligen Präsidenten der Elfenbeinküste Laurent Gbagbo, der Vorbild für den namenlosen Ex-Präsidenten in ihrem Roman wurde.

Das Naheverhältnis zum Bösen

Zentral für den Roman wurden für Kitamura die Gespräche, die sie mit den Dolmetschern führte, die am Internationale Gerichtshof tätig waren.

"Sie erzählten mir sehr offen über den psychischen Druck, dem sie ausgesetzt waren", so Katie Kitamura. "Sie bewegen sich ja in einem Naheverhältnis zum Bösen, wie viele Menschen sagen würden, und standen permanent vor der Frage, wie sie sich ihre eigene Meinung und Haltung bewahren konnten."

Buchumschlag

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Das Politische und das Private

Auch die Ich-Erzählerin hat da einiges auszuhalten, vor allem als der angeklagte Ex-Präsident sie als Dolmetscherin für die Gespräche mit seinen Anwälten anfordert. Ganz unmittelbar beschreibt Kitamura den inneren Zwist ihrer Figur und die Auswirkungen dieser Kämpfe und Krämpfe auf ihr Privat- und Beziehungsleben. Das ist auch nicht ganz einfach, denn die etwa 40-jährige Frau lernt einen Mann kennen, der gerade in Scheidung lebt und zwei pubertierende Kinder hat.

"Wenn sich zwei in der Mitte ihres Lebens kennenlernen, wird man nie alles über die Vergangenheit des neuen Partners erfahren", so Kitamura, "und man muss lernen, sich damit zufrieden zu geben."

Ein bodenloser Blick

In der genauen Darstellung einer sich anbahnenden Beziehung mit ihren unsicheren Gesten und vagen Worten, erinnert Katie Kitamuras "Intimitäten" an Sally Rooneys internationalen Bestseller "Gespräche mit Freunden", nur dass hier die Figuren eine knappe Generation älter sind. Mit derselben Schärfe betrachtet Kitamuras Ich-Erzählerin aber auch die Politik der Vereinten Nationen, oder das affektierte Vernissagenpublikum bei einer Ausstellungseröffnung.

Was auffällt ist die Dringlichkeit dieses Blicks, der auch in der deutschen Übersetzung von Kathrin Razum erhalten bleibt. Ein Blick, der verstehen will und sich auf diese Weise an der Welt festzuklammern versucht, weil die Figur zwischen Sprachen, Kontinenten und Kulturen dahintreibt, eine Melancholikerin, der jegliche Bodenhaftung fehlt.

Service

Katie Kitamura, "Intimitäten", Roman, aus dem Englischen von Kathrin Razum, Hanser
Katie Kitamura

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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