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Literatur
Maja Haderlap: "Zweisprachigkeit und Übergänge in der Literatur"
Dieser Text entstand für Ö1 im Rahmen der Sendung "Literatur am Feiertag" am 26. Oktober 2022.
26. November 2022, 02:00
Die Erfahrungen, die ich nach dem Wechsel in die deutsche Literatursprache gemacht habe, bestätigen meine Einschätzung, dass ein literarischer Sprachwechsel vor dem Hintergrund eines Sprachkonflikts, wie er sich in Südkärnten zugetragen hatte, ein äußerst schwieriger Prozess ist. Er war geprägt von hoher Emotionalität und sehr heterogenen Anforderungen an mich als Schriftstellerin.
In den ersten Jahren nach dem Erscheinen meines Romans "Engel des Vergessens" bin ich bei nahezu allen literarischen Auftritten und in nahezu allen Interviews beharrlich nach meinen Sprachen und nach meiner nationalen, kulturellen Identität befragt worden. Warum ich in deutscher Sprache schreibe, wo ich doch als Angehörige der Kärntner Slowenen slowenisch aufgewachsen sei und am Beginn meiner schriftstellerischen Arbeit auf Slowenisch geschrieben habe. Welcher Kultur ich mich zugehörig fühle, ob ich mich als slowenische oder österreichische Schriftstellerin sehe?
Ist es also überhaupt möglich, vor dem Hintergrund des Kärntner Sprachenkonflikts, als Schriftstellerin frei über die Wahl der Sprache zu entscheiden?
In meiner Sprachbiographie gibt es einen Punkt, an den ich immer wieder zurückgeworfen werde, einen markanten Einschnitt. An dieser Stelle fließen meine Spracherfahrungen zusammen, die geprägt sind vom Bewusstsein des Mangels an Sprache und von ausgesprochenen oder unausgesprochenen Sprachverboten.
Noch bevor ich hätte sagen können, was eine Sprache ist, ein Medium des Denkens, der Weltauffassung, der Verständigung, des Handelns, der Phantasie, der Sehnsucht, wurden mir in Kärnten die hier beheimateten Sprachen als ideologische, politische Kategorie vorgeführt, als zwei einander ausschließende Pole, zwischen denen ich mich entscheiden müsste.
In den achtziger und neunziger Jahren schrieb ich auf Slowenisch, nicht nur um mich meiner Muttersprache zu vergewissern, sie zu erobern, zu erkunden, sondern um das Zurückweichen des Slowenischen in Kärnten aufzuhalten, dachte ich - hoffte ich, und um in meine eigene Geschichte vorzudringen. Eine Zeitlang glaubte ich sogar, mit meiner schriftstellerischen Arbeit die romantischen, sprachlichen und politischen Utopien der slowenischen Literatur des 19. Jahrhunderts wiederbeleben zu können, wenn auch nicht in nationaler, sondern in kultureller Hinsicht.
Der Übergang in die deutsche Literatursprache war zögerlich und erfolgte nach einer längeren, arbeitsbedingten Schreibunterbrechung. Am Beginn der Schreibarbeit standen Irritationen. Das Schreiben auf Deutsch verlangte, dass ich mich als Autorin neu erfinden und meine Texte in neue literaturhistorische Zusammenhänge stellen musste.
Die Situation hat sich inzwischen etwas entspannt, da die jüngere Generation der Kärntner slowenischen Autorinnen und Autoren durchwegs in beiden Sprachen schreibt. Zudem zeigt die Entwicklung in allen Sprachkreisen, dass die zeitgenössische Literatur aus einem vielsprachigen und diversen kulturellen Hintergrund der Autorinnen und Autoren schöpft. In ihren Arbeiten haben sie die Geschichte der Länder und Orte, die sie entweder verlassen haben, in denen sie leben oder zwischen denen sie pendeln, längst in ihre sprachlichen Bilder aufgenommen und spiegeln sie auf vielfältige Weise. Sie sind Fährtenleser zwischen den Sprachen und Kulturen, sie füllen die Archive ihrer neuen, eroberten, geliehenen Sprachen mit den Geschichten ihrer verlassenen, zerstörten, zersplitterten Familien oder ihrer reichen Herkunftskulturen. Auf den Schreibtischen dieser Schriftstellerinnen und Schriftsteller begegnen sich Wörter und ihre Bedeutungen im vielfachen Vergleich. Längst bahnt sich in den Literaturen ein mächtiges, tief reichendes Zwiegespräch an, das jede Sprache, die die Türen für Dazukommende geöffnet hat, bereichern und erweitern wird.
Meine Sprachen wirken in der Zwischenzeit wie ein altes, konflikterprobtes Paar. Sie haben sich zusammengerauft, sind einander ins Wort gefallen und haben in der einen oder anderen Sprache füreinander gesprochen, haben ihr Wort für die andere Sprache eingelegt. Sie sind sich nahegekommen und bilden in Glücksmomenten einen gepaarten Sprachkörper, der auf mehr als nur zwei Sprachen verweist. Sie stellen sich nicht mehr in Frage, sondern stellen einander Fragen, nehmen Umwege und Perspektivenwechsel in Kauf, wenn sie nach entsprechenden Begriffen suchen. Auch wenn das Deutsche seine Alltagsdominanz behauptet und das literarische Wort führt, es darf nie vorlaut werden. Es muss vor dem Tor des Slowenischen innehalten und zuhören. In Wirklichkeit leben die Sprachen wegen ihrer Unterschiedlichkeit voneinander, sind sich Labsal und Inspiration oder führen sich gegenseitig in die Irre. Eine Sprache lässt die andere nie ganz allein, sie folgt ihr als Schatten oder läuft ihr voraus, um Platz zu machen für das, was folgt. Im Arbeitsprozess begehren Sprachen einander, sie wissen um ihre subtile Anziehungskraft, die jede Sprache durchlässig macht wie Wasser, in dem alles schwimmt und untergeht, auftaucht oder weggeschwemmt wird.
