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Die falschen Bilder nach dem Femizid
Die mediale Berichterstattung über Femizide kommt nicht aus der Kritik. Obwohl statistisch gesehen alle zwei bis drei Wochen in Österreich eine Frau getötet wird, werden Femizide oft als Einzelfälle und nicht als strukturelles Problem behandelt. Sensationsgier dominiert vor allem den Boulevard. Expertinnen fordern eindringlich eine empathischere und verantwortungsvollere Berichterstattung.
12. Februar 2026, 18:25
Ehemänner, Partner, Ex-Freunde, Bekannte, Väter, Brüder, die Frauen töten. Laut der Zählung der Autonomen Frauenhäuser hat es im Vorjahr 15 mutmaßliche Femizide gegeben. Auch in diesem noch jungem Jahr waren es schon zwei.
Unfassbare Boulevard-Schlagzeilen
Österreich hat ein tiefsitzendes Problem mit Gewalt gegen Frauen, und trotzdem werden die Frauenmorde allem im Boulevard verharmlost. "Bei Sexunfall erwürgt - Cobra-Polizist packt aus", schrieb etwa die Gratiszeitung "Heute". Die "Kronen Zeitung" titelte "Influencerin getötet. Täter sagt jetzt: "Ich habe sie doch geliebt.""
Bei "Oe24" sieht man unter der Schlagzeile "Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin den Tod" ein großes Foto des mutmaßlichen Täters, auf dem dieser gerade jubelt, während das Opfer klein und mit einem Schmollmund abgebildet wird. Aber auch vol.at, das vorarlbergische Online-Nachrichtenportal von Russmedia, brachte den Titel "Halbgott" unter Mordverdacht - als Anspielung auf eine Selbstbezeichnung des mutmaßlichen Täters.
Sensationslust prägt Berichterstattung
Schlagzeilen wie diese bleiben hängen, die Journalistin Andrea Gutschi vom Medien-Watchblog Kobuk weiß, welche Wirkung sie haben. "Vor allem in der heutigen Zeit, werden in Online-Medien oft nur Überschriften durchgescrollt." Gutschi hat sich die Berichterstattung über Femizide genau angesehen. Diese strotze vor Voyeurismus und mache die Frauen ein zweites Mal zum Opfer. Etwa durch "Spekulationen über das Privatleben, die Sexualität, die Hobbys des Opfers, die oft nichts zur Sache tun, aber trotzdem in Zusammenhang mit der Tat gestellt werden", so Gutschi.
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Täter-Opfer-Umkehr mit gefährlichen Folgen
"Mies und frauenfeindlich" nennt Puls4-Infochefin Corinna Milborn die Femizid-Berichterstattung. "Ich bin eigentlich jedes Mal wieder erschrocken darüber, wie vor allem im Boulevard über Morde an Frauen berichtet wird", so Milborn. "Die Täter werden zu Helden hochstilisiert, und den Frauen wird explizit oder implizit Schuld zugeschoben."
Milborn setzt sich schon seit längerem journalistisch mit Gewalt gegen Frauen auseinander. Nach zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen von häuslicher Gewalt weiß sie, wie gefährlich das sogenannte Victim-Blaming ist. "Wenn sich eine Frau aus einer Gewaltbeziehung befreit, reagiert das gesamte Umfeld immer mit einer Schuldzuweisung an die Frau." Und daran hätten Medien einen sehr großen Anteil, sagt Corinna Milborn. "Der, der zuschlägt, ist schuld, dass er zugeschlagen hat. Der, der mordet, ist schuld am Mord."
Eifersucht nicht normalisieren
Ein Punkt, den auch Michaela Gosch, Geschäftsführerin der Frauenhäuser Steiermark, unterstreicht. An der Berichterstattung, die sie teilweise als "befremdlich und abstoßend" wahrnimmt, stört sie vor allem, dass Eifersucht als normales Element von Beziehungen verharmlost werde. "Solange Eifersucht mit Liebe verwechselt wird oder als Bestandteil von Liebe gesehen wird, haben wir ein Problem. Wir wissen, gerade bei Femiziden ist Eifersucht sehr häufig ein Thema."
Femizide seien mehr als nur tragische Einzelfälle. Das patriarchale strukturelle Ungleichgewicht, das die Gesellschaft durchzieht, sei ein zentraler Ursprung der Gewalt. Auch darauf müssten Medien immer wieder hinweisen, meint Michaela Gosch von den Frauenhäusern Steiermark.
Frauenministerin will Leitlinien
Ein grundsätzliches Dilemma für Redaktionen: Die Opfer von Femiziden können nicht mehr sprechen, während die Anwälte der mutmaßlichen Täter bereitwillig durch die Medien tingeln. Litigation-PR ist auch bei Gewalt gegen Frauen oft zu beobachten.
Dass Österreich ein Problem mit Frauenmorden hat, ist mittlerweile auch in der Politik angekommen. Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) hat in ihrem Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen auch Leitlinien für eine achtsame Femizid-Berichterstattung angekündigt. Erarbeitet werden sollen diese in Zusammenarbeit mit der Branche, allerdings erst nächstes Jahr.
Wie Opfer zu Sexualobjekten werden
Kein Verständnis hat auch die Medienethikerin Claudia Paganini von der Universität Innsbruck, wenn es um die sexualisierte Darstellung von Femizid-Opfern in Medien geht. Dass von deren Social-Media-Profilen ausgerechnet freizügige Bilder schlichtweg geklaut werden, sei kein Zufall. Die Frauen würden dadurch zu Sexualobjekten degradiert, sagt Paganini. "Die Logik dahinter ist völlig klar. Was mache ich mit einem Objekt? Das Objekt gehört mir, das Objekt benutze ich, das Objekt besitze ich und wenn mir das Objekt aus irgendwelchen Gründen entzogen wird, dann habe ich das Recht, wütend zu sein." Die Medienethikerin spricht in diesem Zusammenhang von "digitalem Grabraub".
Weniger unverpixelte Porträt-Bilder
Einen Lichtblick sieht Alexander Warzilek vom Presserat. Zumindest unverpixelte Porträtfotos von Mordopfern seien mittlerweile nicht mehr verbreitet. "Da haben wir jahrelang Verurteilungen ausgesprochen. Und mittlerweile sind da alle Medien, auch der Boulevard, recht zurückhaltend und zeigen keine Porträtbilder von unbekannten Mordopfern."
Dennoch gibt es weiter viel Verbesserungsbedarf. Den Opfer- und Persönlichkeitsschutz wahren, auf sensible Sprache achten, die Täterperspektive nicht in den Mittelpunkt rücken - die Leitlinien für eine verantwortungsvolle Berichterstattung liegen eigentlich offen auf dem Tisch. Medienjournalistin Andrea Gutschi ruft außerdem zu mehr Empathie auf. "Würde man das für sich wollen, für seine Tochter wollen, dass solche Dinge in der Zeitung stehen?"
Gemeinsame Empörung gefragt
Eines dürfe man sich nicht leisten: Gleichgültigkeit. Puls4-Infochefin Corinna Milborn fordert auch Männer auf, Verantwortung zu übernehmen und Stellung zu beziehen. "Mir fehlt die gemeinsame Empörung darüber, dass das überhaupt geschieht und dann weggewischt wird. Und dass man als Frau immer damit rechnen muss, auf Männer zu treffen, die gewalttätig sind. Man weiß ja nie, welcher es sein wird." Es brauche einen "gemeinsamen Schulterschluss auf höchster Ebene". Männer, die in Redaktionen sitzen, sind ausdrücklich mitgemeint
