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300 Gigabyte Dokumente und jeder macht damit, was er will
Erschlagen vom Epstein-Datenberg
Ein gigantischer Datensatz von 300 Gigabyte, drei Millionen Seiten - das sind die "Epstein Files", die das US-Justizministerium auf seine Website gestellt hat. Für jeden zugänglich, wird dank Suchfunktion billiges Name-Dropping ebenso möglich wie Zufallsfunde, die ohne Kontext überhastet veröffentlicht werden. Journalistische Fehlleistungen sind programmiert. Und: Mit Schnipseln aus dem Datensatz werden alte Verschwörungstheorien angeheizt. Selbst für gestandene Investigativ-Journalisten ist das eine Herausforderung.
12. Februar 2026, 18:25
Der Investigativ-Journalist Daniel Laufer von Papertrail Media sagt über die auf der Website des US-Justizministeriums hochgeladenen Millionen Dateien mit E-Mails, FBI-Protokollen, Fotos und Videos aus den Ermittlungen gegen den Pädokriminellen Jeffrey Epstein und sein Netzwerk: "Irgendwann hat man dann den Punkt erreicht, wo man vielleicht genug zusammen hat, um irgendwas zu veröffentlichen. Aber selbst dann ist ja noch die Frage: Stimmt alles, was in den Akten drinsteht?" Ironischer Nachsatz: "Jeffrey Epstein, man glaubt es kaum, könnte in dem einen oder anderen E-Mail auch gelogen haben."
"Da wird jetzt gewühlt, überall und von allen"
Laufer recherchiert in der Sache für den "Spiegel", das ZDF, auch für den österreichischen "Standard". Dass jeder Zugriff auf die "Epstein Files" hat und Zufallsfunde machen kann, das sei neu und mache natürlich Druck, räumt Laufer ein. "Da wird jetzt gewühlt, und zwar überall und von allen. Jeder, der irgendwo zu Hause mit seinem iPhone im Bett sitzt, genauso wie Journalistinnen und Journalisten in großen Newsrooms. In dem Moment, in dem man merkt, dass es da eine Spur gibt, tickt dann auch die innere Uhr." Nicht dass einem das jemand wegschnappt.
Bei früheren Recherchen in Datenbergen wie "Wikileaks" und "Panama Papers" - die von Whistleblowern gekommen sind - war es so: Ein Kollektiv von Investigativ-Journalistinnen und Journalisten hat die Dokumente über Monate gesichtet und sorgsam aufgearbeitet, bevor die Ergebnisse konzertiert veröffentlicht wurden.
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Name-Dropping im Netz verleitet zu Fehlern
Jetzt werden Treffer in der "Epstein Library" oft sofort auf Social Media geteilt, klassische Medien hüpfen nach. Im Titel heißt es dann gern "XY taucht in den Epstein-Akten auf". Auch dem "Standard", der intensiv dazu recherchiert, ist da etwas danebengegangen. Investigativ-Chef Fabian Schmid: "Fehler passieren, wie man ja auch gesehen hat bei uns bezüglich Sebastian Kurz, wo wir den Bannon quasi falsch zugeordnet haben, wo wir anfangs geschrieben haben, Epstein will ihn treffen."
Tatsächlich wollte der frühere Trump-Berater Steve Bannon den Kurz treffen und hat sich mit Epstein darüber ausgetauscht, die Zeitung musste das richtigstellen. Er kenne weder Epstein, noch Bannon, ließ Kurz wissen. Schmid: "So was ist natürlich sehr ärgerlich und schade, aber es liegt halt auch daran, dass in sozialen Medien eben schon kursiert, dass Sebastian Kurz vorkommt in den Files. Ich glaube, das überfordert auch den Journalismus sehr."
Zufallstreffer können verhängnisvoll sein
Alexander Fanta von der Investigativ-Plattform "Follow the Money" über die Mechanismen, wie so was kommt: "Jeder ist im Internet ein investigativer Journalist, die Eintrittshürde für diese Art von Recherche ist natürlich immens gesunken. Jeder kann irgendwelche Begriffe eingeben, Zufallstreffer landen. Epstein war irgendwann am Abend im Wiener Café Landtmann. Wenn man das Wort Landtmann eingibt, landet man dort, und dann kann man das ins Internet klatschen."
Dass das Landtmann und Kurz - wie es so schön heißt - in den Files auftaucht, muss also wie in anderen Fällen nicht unbedingt was bedeuten. Manche Zeitungen schreiben schon routinemäßig unter Epstein-Artikel Sätze wie diesen: "Die bloße Präsenz auf Fotos oder Dokumenten in den Epstein-Akten bedeutet nicht, dass den abgebildeten Personen Fehlverhalten vorgeworfen wird." Das ist quasi das neue "Es gilt die Unschuldsvermutung". Es bleibt immer was hängen, und das ist speziell für Verschwörungs-Kanäle im Netz ein gefundenes Fressen.
Hochkonjunktur für die Verschwörungskanäle
Ganz vorne dabei der von der stärksten Parlamentspartei FPÖ offen unterstützte rechtsextreme Online-Kanal AUF1. Kein Tag ohne Epstein-Meldungen, es lief bereits die zweite einstündige Sondersendung, immer mit dem Hinweis, dass die sogenannten Mainstream-Medien alles Wichtige verschweigen würden. Ein Auszug: "Sie wollen eine Weltregierung. Sie wollen die Kontrolle über die Menschen und sie wollen Milliarden unnütze Menschen einfach loswerden. Dafür werden Wissenschaftler mit Millionen bezahlt, damit sie im Sinne der Transhumanisten forschen."
Pädokrimineller Hintergrund als Nährboden
Die "Transhumanisten" und die "Globalisten", das sind die antisemitisch konnotierten Feindbilder, und AUF1 dockt damit direkt an den Epstein-Akten an. Die Dokumente geben das leider auch her: mit dem monströsen pädokriminellen Hintergrund, mit einem Ton in den veröffentlichten Mails, der Frauen entmenschlicht, und mit vermeintlichen sprachlichen Geheim-Codes. Andre Wolf von der Faktencheck-Plattform Mimikama sieht ein Muster: "So war es auch im Mittelalter. Wenn Kinder verschwunden sind, hat man gesagt, Juden hätten Kinder entführt, um ihnen das Blut abzunehmen, das sie trinken müssen, um für immer jung zu bleiben."
Adrenochrom, Q'Anon, Pizzagate - das ganze Verschwörungs-Universum erlebt durch die "Epstein Files" einen neuen Schub, da es da wie dort - einmal herbeiphantasiert und einmal brutal real - um Machtmissbrauch durch Eliten geht, ist das auch nicht wirklich überraschend.
Jede Menge gefälschte Epstein-Dokumente
Faktenchecker haben in der Sache aber auch sonst genug zu tun, Andre Wolf nennt Beispiele. "KI-generierte Bilder. Einerseits zeigen sie Trump mit Kindern, die dann aber KI generiert sind. Also auch das Bild ist gar nicht echt. Andererseits werden auch politische Gegner Trumps in diesen Kontext gerutscht, sodass es etwa ein Bild des jungen Bürgermeisters Zohran Mamdani von New York gibt, der damals natürlich noch nicht Bürgermeister war, der angeblich auch mit Epstein Kontakt hatte."
Und auch E-Mails werden manipuliert, indem zum Beispiel eine E-Mail aus den Akten herausgenommen wird, der Text gelöscht und durch irgendwelche Verschwörungsinhalte ersetzt wird. Das Ganze wird dann wieder hochgeladen. Das Fälschen geht aber auch subtiler, wie Investigativ-Journalist Alexander Fanta beschreibt: "Ich entferne alle Dokumente, die einen gewissen Namen enthalten, und teile den übriggebliebenen Datensatz wieder. Das sind quasi authentische, echte Daten. Aber ich habe sie trotzdem manipuliert, weil ich eine gewisse Sache daraus entfernt habe."
KI-Sprachmodelle als wichtiges Recherche-Tool
Check, Recheck, Doublecheck ist umso wichtiger. Doch ohne die neuen auf Künstlicher Intelligenz basierten Tools - die LLMs, also Sprachmodelle wie ChatGPT und andere - seien Journalisten in diesem digitalen Heuhaufen ziemlich verloren. Fanta zeichnet das Bild eines Waldes, der durchforstet werden muss. "Du kannst quasi diesen einen Datensatz durchschreiten und auf einmal merkst du Muster in diesem Wald auftauchen. Hier ist ein Baum, hier ist eine Lichtung. Diese Tools machen diese riesigen Datensätze navigierbar auf eine Art und Weise, die viel intuitiver ist, als komplizierte Suchmuster anzuwenden."
Mit Hilfe der KI-Tools könne man zum Beispiel Mail-Adressen herausfiltern und sie mit Telefon-Nummern abgleichen oder etwa Verbindungen zwischen Firmen, die auf Sanktionslisten stehen, zu Namen in den Epstein-Dokumenten suchen.
Wenn Eva Dichand in den Akten auftaucht
Muster zu finden, das sei der komplexere Teil der Recherche, der jetzt auf die "Zeit der Entdeckungen" folgen müsse, wie es Alexander Fanta nennt. Aber selbst in der Frühphase könne die KI durchaus hilfreich sein. "Die erste Frage ist: Is there any connection to Austria in this data set?" Und dann stößt man direkt oder über Nachfragen zum Beispiel auf Eva Dichand. Die Herausgeberin der Gratiszeitung "Heute" hatte im Jahr 2012 Mail-Kontakte mit Jeffrey Epstein, die in den Files dokumentiert sind, an die sich die Verlegerin laut ihrem Anwalt Michael Rami aber Zitat "beim besten Willen" nicht erinnern könne.
Der "Standard" hat darüber berichtet, schwer zu finden sei Eva Dichand nicht, sagt Investigativ-Chef Fabian Schmid. "Sie wird in einem Mail vorgestellt von diesem gemeinsamen Bekannten von Epstein und ihr als 'My Friend from Austria'. Durch diese Schlagworte findet man es dann schon recht rasch." Nähere Hintergründe zu Eva Dichand bleiben freilich offen, ebenso wie zu der Frage, warum Epstein über einen gefälschten österreichischen Pass verfügte. Darüber hat der "Standard" schon im November berichtet - alle Fragen offen, auch hier.
Auch beim gefälschten Pass alle Fragen offen
Doch für Fabian Schmid ist die Relevanz auch in dem Fall durchaus gegeben. "Rund um das Ende von Jeffrey Epstein hat dieser Pass dann auch eine wichtige Rolle gespielt, weil die US Behörden argumentiert haben: Wenn jemand einen verfälschten Pass daheim im Safe hat, dann ist das Fluchtrisiko sehr hoch. Also musste er in Haft bleiben, und dort wurde er dann tot aufgefunden."
Schmid hat bei der Recherche mit Daniel Laufer von "Papertrail Media" zusammengearbeitet. Beide räumen ein, dass sie manchmal - um im Bild vom Durchforsten zu bleiben - den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Laufer: "Wenn es darum geht, Zusammenhänge zu erfassen, muss man eben auch genau wissen, wer ist wer, was hat wann stattgefunden. Ich glaube, wenn da zu viele Sachen gleichzeitig laufen, kommt einiges durcheinander." Und Fabian Schmid ergänzt: "Man weiß jetzt so viel, dass es schon wieder intransparent wird, weil man einfach die Stränge und die Datenmenge nicht verarbeiten kann." Das werde alles lang dauern.
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Selbst Vorarlberg war nicht "too small" für Epstein
Zuletzt ist auch noch Vorarlberg in den Epstein-Akten aufgetaucht. In einem E-Mail, das Emanuel Broger und Moritz Moser vom ORF-Landesstudio in dem Datensatz gefunden haben, berichtet ein anonymisierter Absender aus dem Skiurlaub im Montafon an Epstein, dass er zwei - Zitat - "sehr gehorsame" Buben getroffen habe, die alles machen würden, was er ihnen vorschlage. Die Polizei prüft aufgrund dieser Passage, ob ein Anfangsverdacht auf Missbrauch vorliegen könnte. Und so schließt sich der Kreis zu denen, um die es eigentlich geht. Zu den Opfern.
