Bühne mit Opernsängerin

WERNER KMETITSCH

Theater an der Wien

"Opera seria": Wien feiert große Bühnen-Persiflage

Manchmal braucht es die Persiflage, um auf den Grund der Kunst zu kommen. Und nirgendwo wüsste man das besser als in Wien. Dennoch geriet Leopold Florian Gassmanns bissige "Opera seria" zum Opernbetrieb des späten 18. Jahrhunderts für ein Vierteljahrtausend in der Stadt an der Donau in Vergessenheit, bevor sie am Samstagabend im Theater an der Wien mit Bravour und unter großem Publikumszuspruch ihre Wiedergeburt feierte.

Sätze wie „Die Oper hat ein Dämon erfunden, sie ist eine Geisel der Menschheit“, sollten doch gerade in Wien, wo man in den 1980ern und 1990ern glückselig in Theaterskandalen schunkelte, auf einen fruchtbaren Boden fallen. Tatsächlich ist die Frage, „was soll das Theater?“, nicht erst seit Thomas Bernhards „Theatermacher“ für die Bühne relevant. Schon das voraufklärerische 18. Jahrhundert ist voll von Stücken, wo der Verfall der dramaturgischen Sitten beklagt wird. Epizentrum dieser Diskurse ist eigentlich Italien, wo nicht zuletzt Carlo Goldonis „Impresario von Smyrna“ ein Ausrufezeichen in der Kritik an der eigenen Kunst darstellt.

Der Wettstreit über die Rangordnung der Künste

Auf der Musikbühne hatte die so genannte Opera Seria in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht nur eine Neuordnung in der noch jungen Gattung der Oper gebracht. Sie katalysierte leider auch viel Verstockung in der Darbietungsform: Da erzählte das Rezitativ - und die Arie kolorierte danach den Affekt. Und wo Duett, dann doppelter Affekt, usw.
Unter der Führung von Gestalten wie Pietro Metastasio, der immer noch gut einbalsamiert in der Wiener Michaelerkirche gegenüber des einstigen Burgtheaters ruht, durften sehr wohl die Dichter vom Anspruch der inhaltlichen Führung einer Oper träumen. Und tatsächlich brach ja in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, man denke nur an Gotthold Ephraim Lessings "Laokoon", der Wettkampf über die Rangordnung der Künste aus - was im Bereich der Oper tatsächlich eine Fülle von Traktaten provozierte. Florian Leopold Gassmann verleiteten diese Debatten zum Werk "Opera Seria", in der er das Auseinandertreten der Disziplinen spielerisch aufs Korn nimmt.

Bühnenbild mit Elefant

Inszenierung und Kostüme stammen von Laurent Pelly, das Bühnenbild von Massimo Tronchanetti

Werner Kmetitsch

Mit Pietro Spagnoli (Fallito), Mattia Olivieri (Delirio), Giovanni Sala (Sospiro), Josh Lovell (Ritornello), Julie Fuchs (Stonatrilla), Andrea Carroll (Smorfiosa), Serena Gamberoni (Porporina), Alessio Arduini (Passagallo), Alberto Allegrezza (Bragherona), Lawrence Zazzo (Befana), Filippo Mineccia (Caverna). Les Talens Lyriques und Mitglieder des Orchesters der Mailänder Scala; Dirigent: Christophe Rousset. Aufgenommen am 29. März 2025 in der Mailänder Scala.

Die Premiere im MusikTheater an der Wien ist eine Koproduktion mit der Mailänder Scala.

Bissige Selbstkritik

Dem Nachfolger von Gluck am Wiener Hof gelang mit dem 1769 uraufgeführten Werk eine lebhafte Selbstkritik des damals schon hochentwickelten Opernbetriebs. Und im Grunde lässt er unter der Hand des Impresarios, der allen rät, doch die Finger von einer Unternehmung wie der Oper zu lassen, ein sehr einfach gebautes Stück: In drei Teilen, Opernerstellung, Probe, Aufführung, lässt er alle Fragen der Opernkunst aufeinanderprallen.

Performer auf der Bühne

Szenenbild aus „L’Opera seria“ am Musiktheater an der Wien

WERNER KMETITSCH

In der nun in Wien erstmals seit der Uraufführung präsentierten Neubearbeitung unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset mit den Talens Lyriques erlebt man eine kurzweilige Tour de Force durch den Kunstdiskurs der Zeit, der auch für heute seine Gültigkeit behaupten kann: Zuerst schmiert man sich Honig ums Maul, redet danach schlecht über den anderen, bevor alle Konflikte direkt ausbrechen. Im Moment der Aufführung selbst hat der Impresario, dem natürlich noch kein Kuratorium über die Schulter schaut, längst das Weite gesucht.

Laurent Pellys Inszenierung setzt bewusst auf Theaterhandwerk. Verlassen kann er sich auf eine starke Ensembleleistung, die nicht zuletzt sein Tempo mitzugehen weiß. Wie oft hat man sich schon in einer Gluck-Oper in der Handschrift großer Regie am Ende doch gelangweilt. Hier wird der Mut zum Slapstick und einer Bühnenhandschrift mit handwerklich großartigen Kostümen und einer feinen Lichtregie belohnt. Theater mag kompliziert sein. In seiner Wirkung ist es im Grund eine einfache Kunstform.

Bereits am 11. Februar waren Dirigent Christophe Rousset und Dramaturg Kai Weßler live zu Gast im ORF RadioCafé. Sie erzählten vom Hintergrund des Opernstreichs, Tenor Josh Lovell gab, begleitet von Sobin Jo am Klavier, Kostproben seiner Rolle als Sänger Ritornello.

Service

Theater an der Wien

Gestaltung

  • Gerald Heidegger