György Kurtág: "Kafka-Fragmente"

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Neue Musik auf der Couch

György Kurtág: "Kafka-Fragmente"

"Meine Ohrmuschel fühlte sich frisch, rauh, kühl, saftig an wie ein Blatt" - so lautet einer der Texte aus der Feder Franz Kafkas, die in György Kurtágs "Kafka-Fragmenten" erklingen. 40 so betitelte Fragmente umfasst die Liedsammlung, die der ungarische Komponist, der im Februar 2026 seinen 100. Geburtstag feierte, Mitte der 80-Jahre komponierte.

Bereits in den 1950er Jahren von seinem Komponistenkollegen György Ligeti auf Kafka aufmerksam gemacht, erzählt Kurtág über seine Entdeckung des Prager Schriftstellers: "Allmählich wurde mir Kafka wichtiger und wichtiger. Lange Zeit hindurch habe ich mir dann einfach Fragmente aus Tagebüchern oder Briefen aufgeschrieben, gesammelt, was mir gerade noch - angesichts des dichterischen Eigenwerts oder der inhaltlichen Komplikationen - komponierbar schien."

Kafkas Texte, die Kurtág für seine Komposition auswählte, stammen aus drei verschiedenen Quellen: aus den Tagebüchern, den Briefausgaben sowie aus der Ausgabe "Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß". Durch das Herauslösen der Texte aus größeren Sinneinheiten wird der ursprüngliche sinnstiftende Zusammenhang verlassen, es wäre aber verfehlt, Kurtág als den alleinig Verantwortlichen für das Fragmenthafte der Texte zu sehen; so haben manche der Notizen Kafkas selbst bereits fragmentarischen Charakter.

Vonseiten Kurtág ist die Reihenfolge der 40 Stücke nicht festgelegt worden. Die tatsächliche Anordnung in vier Teilen, die sich nun in der gedruckten Partitur findet, stammt von András Wilheim und ist von Kurtág autorisiert worden. In der Sekundärliteratur wird die Nähe zu einer traditionellen Viersätzigkeit, wie sie in vielen Sonaten bzw. Symphonien anzutreffen ist, festgestellt. Einem Eröffnungssatz, der die meisten Fragmente (19) pro Teil enthält, folgt ein zweiter Teil, der nur aus einem einzigen Fragment besteht und durch seine Langsamkeit und Ausdehnung einen Adagio-Satz evoziert. Der dritte Teil kann als Scherzo betrachtet werden, welches von einem tatsächlichen Tanzsatz ("Szene in der Elektrischen") abgeschlossen wird, der vierte Teil schließlich als gewichtiger Schlusssatz.

Nicht nur die Biografien von Kafka und Kurtág durchkreuzen sich in diesem Werk; die zahlreichen Widmungen öffnen den inhaltlichen Horizont, indem sie entweder andere Personen in die Komposition hereinholen, oder sogar konkrete Ereignisse, wie im Falle des Liedes "Stolz". Hier ist die Widmung übersetzbar mit "Versprechen an Zoltán Kocsis: Es wird ein Klavierkonzert geben". Kurtág hatte nämlich die Arbeit an einem Klavierkonzert für Zoltán Kocsis zugunsten der Kafka-Fragmente unterbrochen. Der ausgewählte Text Kafkas lautet passend dazu: "Ich werde mich nicht müde werden lassen. Ich werde in meine Novelle hineinspringen und wenn es mir das Gesicht zerschneiden sollte." Der Gesamtzyklus ist der ungarischen Psychologin Marianne Stein gewidmet, die Kurtág beim Überwinden einer persönlichen Krise half.

Die einzelnen Sätze haben aufgrund ihrer Kürze in der Regel keine komplexe Form und sind als zwei- bis dreiteilig analysierbar. "Wie ein Weg im Herbst" etwa gliedert den Text ("Wie ein Weg im Herbst: Kaum ist er reingekehrt bedeckt er sich wieder mit den trockenen Blättern") mithilfe eines musikalischen Gegensatzes. "Wie ein Weg im Herbst: Kaum ist er reingekehrt" lässt durch die raschen Skalen der Violine sowohl an den Herbstwind, als auch an die Kehrbewegung denken; "bedeckt er sich wieder mit den trockenen Blättern" wird in der Violine durch hohe Flageoletts begleitet, die Stimme soll "secco", also "trocken" singen. Eine kurze Codetta in der Violine vereint bereits Erklungenes: die raschen Skalen sind in ein Aufwärtsglissando mit gleichzeitiger Flageolett-Farbe verwandelt.

Diese gegensätzliche Reihungsform (A-B) lässt sich auch gleich im Eröffnungslied sehen. Während "Die Guten gehn im gleichen Schritt" sowohl in der Violine als auch im Sopran durch gleichförmige, schrittweise Pendelbewegung ausgedrückt wird, ist die Bewegtheit des Herumtanzens bei "Ohne von ihnen zu wissen, tanzen die andern um sie die Tänze der Zeit" im Sopran deutlich wahrnehmbar: oftmals synkopisch, herum um die Viertelnoten der Violine tanzt hier der Gesang; der Ambitus der Stimme, zunächst so wie die Violine auf eine große Sekund beschränkt, dehnt sich nun über fast zwei Oktaven aus und schließt die Violine mit ein. Harmonisch ist ein Vorherrschen eines bestimmten Dreiklangs (in der set theory: 0,2,5; tonal: ein kleiner Mollseptakkord ohne Quint bzw. ohne Terz) auffallend, der allerdings schon zu Beginn beim allerersten Liegeton des Soprans (a', zusammenklingend mit c'-d' der Violine) enthalten ist. Wäre es zu weitgegriffen, das Herumtanzen um die Zentraltöne c/d der Violine auch in der notierten Quasi-Fis- bzw. Ges-Diatonik zu sehen?

So auffallend hier die komponierte Gegensätzlichkeit ist und somit auch hier eine A-B-Form vorzuliegen scheint, so lässt sich dieses kurze Liedchen doch auch unter dem Aspekt einer A-B-A'-Form interpretieren. Liegen doch durch den Liegeton des Soprans bei "Zeit" und durch die gleichförmige Bewegung beim zweiten Intonieren von "die Tänze der Zeit" musikalische Rückverweise auf den Beginn der Komposition statt - mal abgesehen davon, dass sich die Violine von Anfang bis Ende nicht aus der indifferenten Ruhe des Hin- und Herschreitens bringen lässt.

Dass eine textliche Gegenüberstellung keinen musikalischen Gegensatz bedingt, zeigt Kurtág mit "Zwei Spazierstöcke". Hier wird die Inschrift auf Balzacs Spazierstockgriff demjenigen des lyrischen Ichs gegenübergestellt. Während es bei Balzac "Ich breche alle Hindernisse" lautet, so steht auf jenem des lyrischen Ichs bzw. jenem von Kafka: "Mich brechen alle Hindernisse". Musikalisch wird hier das zu Beginn des Liedes vorgestellte Material variiert; der inhaltliche Unterschied wird durch einen Krebsgang dargestellt. Das Weiterentwickeln von Material kann hier als A-A'-A''-Form dargestellt werden. (Spannende Gedanken zur Form finden sich in Majid Motavasselis Aufsatz "Ein Kaleidoskop im klassische Rahmen", erschienen im Sonderband "György Kurtág" der Reihe Musik-Konzepte.)

So disparat die inhaltlichen Themen Kafkas auf den ersten Blick ausnehmen, so ist doch eine gewisse Häufung mancher Topoi zu beobachten. Die Idee des Weges / des Wanderns ist in mehreren Fragmenten präsent, wahrscheinlich, so William Kinderman, auch in dem Lied "Umpanzert" ("Einen Augenblick lang fühlte ich mich umpanzert"): "Man denkt hier an Gregor Samsa, den Protagonisten und Anti-Helden von Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung'. Der Tagebuch-Eintrag 'Eine Augenblick lang fühlte ich mich umpanzert' stammt aus dem Jahr 1911 und steht sicherlich in Verbindung mit der Entstehung von Kafkas Erzählung, die im Jahre 1912 vollendet wurde."

Ist in diesem Lied das Tierhafte erahnbar, so ist es in anderen Texten explizit erwähnt. Von einem großen Pferd ist die Rede, von Jagdhunden, von Leoparden und von einem Schlangenpaar. Letzteres im Abschluss-Fragment, das Kurtág im widmungshaften Untertitel seiner Frau und sich selbst zugedacht hat: "Es blendete uns die Mondnacht. Vögel schrien von Baum zu Baum. In den Feldern sauste es. Wir krochen durch den Staub, ein Schlangenpaar."

Text: Thomas Wally

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