Wolfram Berger

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Du holde Kunst

Wolfram Berger liest von komischen Käuzen

Aus dem "Ö1 Vogeltag" am Samstag, 18. April flattern noch einige komische Käuze in den Sonntagmorgen hinüber - allerdings ganz ohne Gefieder: "Du holde Kunst" mit Wolfram Berger und Gedichten von Christian Morgenstern bis H. C. Artmann

Der Kauz, zu den Eulen gehörig, wurde im Mittelalter, wie auch andere nachtaktive Tiere, etwa die Fledermaus, zu den Geschöpfen des Bösen gezählt. Lang galt er mit seinem charakteristischen Ruf außerdem als Todesbote. Seit dem 16. Jahrhundert werden Menschen, vornehmlich männliche, scheue Exzentriker, mit diesem Namen bedacht. Im späten 18. Jahrhundert taucht dann der "komische Kauz" schriftlich auf.

Ein weniger blumiges Wort für den gleichen Typus, dafür ein seine gesellschaftliche Stellung wesentlich präziser bezeichnendes, ist der "Sonderling". Abgesondert von der Mehrheit, dem Mainstream, führt er ein prekäres Dasein, das aber seine freien und poetischen Seiten hat. Er wird nicht verstanden, während er selbst sehr gut versteht und sich deshalb fernhält. Er kann in Gestalt des Bettlers, Kriminellen, Krüppels, Trinkers für Unruhe sorgen oder in Gestalt des verkannten Künstlers Verwunderung auslösen. Meist wird er abgelehnt, und mitunter ist ihm das egal. In der Dichtung lässt man ihn häufig in Form eines Rollengedichts direkt zu Wort kommen.

Einsam in einem leeren Café

Wie bei Joachim Ringelnatz, dessen "einhändiger Metalldreher" und Raufbold sich im Furor gekränkter Rechtschaffenheit über seine Opfer empört. Oder bei Theodor Kramer, dem Meister des Rollengedichts, der in seiner Gaunerzinke einen umherziehenden Bettler, der rüde abgewiesen wird, eine solche auf die Hauswand des Hartherzigen malen lässt, ein Zeichen für die Nachkommenden, das Haus anzuzünden.

Harmloser ist Jakob Haringers einsam in einem leeren Café Sitzender. Seine Lebensfreude ist derart zum Erliegen gekommen, dass er sich nach einer Pappelallee nicht sehnt, sondern sich "nach ihr langweilt". Noch abstrakter wird es bei H. C. Artmann, sein "Hüpfender unter guten Läufern" hätte "den Sinn für Sterne", nur dass seine Beine "in einen einzigen Stiefel genäht" sind.

"Tupft seinen Gram auf den Putz"

Kein Rollengedicht, sondern eine Beschreibung von außen ist "Der Angestellte" des Hans Magnus Enzensberger. Dieser steht nicht am Rand der Gesellschaft, sondern in ihrer stillgelegten Mitte. Er ist so angepasst, dass seinem Unglück die Luft zur Empörung fehlt, er "tupft seinen Gram auf den Putz".

In Otfried Krzyzanowskis "Mahnung" zeigt sich das Paradoxon der moralisierenden Amoralität; der Außenseiter ahmt den Bürger gestisch nach, während er seine Werte konterkariert.

Klar und dennoch mild

Joachim Ringelnatz hält in "Guter Rausch" ein Plädoyer für jenen Zecher, der an dem "variiert ersehnten Zustand" arbeitet, "klar und dennoch mild zu sehn". Einem Zustand, den er mit einem frühen Tod bezahlt. Verzückung ist der Lohn des Untergangs. Außer natürlich, man verkörpert sich erst gar nicht, bleibt im Geistigen, wie der äußerste und zugleich innerlichste aller Sonderlinge, der als bloße dichterische Erfindung wesende Palmström des Christian Morgenstern. Dieses zarte Geschöpf gerät schon durch einen "lieblichen Gedanken" ins Schwanken, wenn dieser als "Gabe" von außen auf ihn einwirkt. Stürze sind in dieser luftigen Welt keine zu befürchten. An anderer Stelle entdeckt das umtriebige Poesiegespenst, indem es auf den Kopf gestellte Gemälde betrachtet, die Freuden der Abstraktion.

Der freieste aller komischen Käuze ist - personifiziert in Palmström - die Idee selbst. Manchmal von Korf (dem praktischen Blick) flankiert, manchmal allein schwebend, hebt sich dieser Vogel über alles hinweg, was die psychische Schwerkraft auf dem Boden hält.

Gestaltung