ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Der Fall Weißmann und die Folgen
Das große Aufräumen im ORF
Mit dem Rücktritt von Roland Weißmann als Generaldirektor ist der ORF ins Sperrfeuer geraten. Als gewichtiges Beispiel dafür, wie Machtmissbrauch gegenüber Frauen trotz entsprechender Anlaufstellen im Haus durchschlagen kann. Aber auch die Spitze des Stiftungsrats ist unter Druck gekommen, Unvereinbarkeiten von Mitgliedern werden offen thematisiert. Und nicht zuletzt ist der ORF mehr denn je zur Projektionsfläche geworden für Befindlichkeiten einer Medienbranche, die auf der Suche nach ihrer Zukunftsfähigkeit ist.
9. April 2026, 15:05
Sogar die Gratiszeitung "oe24" war nach dem Rücktritt von Roland Weißmann mit moralisch erhobenem Zeigefinger zur Stelle. Chefredakteur Niki Fellner schrieb von einem Sittenbild, bei dem einem nur schlecht werden könne. Zitat: "In jedem privaten Unternehmen wäre schon längst die komplette Führungsebene ausgetauscht worden." Sein Vater Wolfgang Fellner, der "oe24"-Gründer, sieht sich seit Jahren mit Vorwürfen sexueller Belästigung von Mitarbeiterinnen konfrontiert und ist unverdrossen weiter mit sexistischen Aussagen auf Sendung.
Scheinheiliger Gegenwind vom Boulevard
Aber der ORF ist kein Trash-Sender, da gelten natürlich andere Regeln. Daniela Kraus vom Presseclub Concordia sieht in der wochenlangen Medien-Kampagne auch Hintergedanken: "Es gibt natürlich jetzt Grund für berechtigte Kritik und es ist ganz klar, dass die Mitbewerber und die Zeitungen darüber berichten. Aber es steckt natürlich auch was anderes dahinter als die Idee, das Publikum zu informieren." Nämlich kommerzielle Interessen, weil der ORF als Konkurrenz wahrgenommen werde - "und das Interesse, dieses öffentlich rechtliche Modell generell zu delegitimieren".
Die "Kronen Zeitung" hat gar eine Art Tribunal auf ihren Leserbrief-Seiten veranstaltet, sie ruft dazu auf, Kommentare zum ORF zu schicken und nennt das "Die Stimme Österreichs". Da wird Wut provoziert und Wut abgelassen. Der ORF als Feindbild. Chefredakteur Klaus Herrmann - der nebenbei regelmäßig in ORF-Talkrunden auftritt und kein Problem damit hat - zieht in einem Leitartikel das Resümee: "Die Menschen im Land wollen nicht für eine Zwangsbeglückung durch den von der Regierung kontrollierten Sender bezahlen müssen."
"Krone" ruft zum Aufstand auf, ORF schaut zu
Wenn die Politik nicht bald auf diesen - freilich von der "Krone" heftig geschürten - Unmut reagiere, "dann darf sie sich nicht wundern, wenn eine Dynamik entsteht, die sie nicht mehr einfangen kann", so Herrmann. Die "Krone" drohe offenbar damit, einen Volksaufstand gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu entfesseln. So interpretieren das Beobachter.
Und der ORF, der wehre sich nicht, stellt Daniela Kraus dazu fest. "Die Erzählung und die Kritik am ORF wird nicht aktiv und transparent vom Unternehmen selbst aufgegriffen, sondern wird überlassen der Konkurrenz oder politischen Akteuren und Akteurinnen, die das öffentlich rechtliche Modell sowieso ablehnen."
Weißmann, Gagen, Stiftungsrat: Es brennt überall
Das Wehren ist zugegebenermaßen schwierig, es kommen gerade sehr viele Dinge zusammen: Der Rücktritt von Roland Weißmann wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung, den er bestreitet und den der ORF jetzt nicht mehr aufrechterhält. Die deshalb immer lauter werdende Kritik am Krisenmanagement durch die Spitzen des Stiftungsrats plus mögliche Interessen-Konflikte in diesem ORF-Aufsichtsgremium.
Zum Teil schwer erklärbare Gagen für Spitzenverdiener, die durch den soeben veröffentlichten Transparenzbericht 2025 wieder in Erinnerung gerufen wurden. Und über all dem die Frage, wer den ORF die nächsten fünf Jahre führen soll und ob die Parteien diesmal ihre Finger aus dem Spiel lassen werden.
Transparenzbericht wirkt als Brandbeschleuniger
Barbara Toth, Medien-Redakteurin bei der Wochenzeitung "Falter", sagt über die Lage am Küniglberg: "Der ORF ist sicher in einer der schwersten Krisen, seitdem ich beobachte, und ich beobachte ihn seit über 20 Jahren." Andere sprechen vom Super-GAU, dem größten anzunehmenden Unfall. Der Transparenzbericht, der die Topverdiener über 170.000 Euro im Jahr namentlich aufführt, weil es das Gesetz so will, der funktioniert als Brandbeschleuniger.
ORF/HANS LEITNER
ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher
Statt Vertrauen durch Transparenz schaffe der Bericht Erregung, stellt Barbara Toth fest. "Ich finde ihn aber eigentlich gut. Und ich fände es noch besser, wenn alle Unternehmen im staatsnahen Bereich, also die, die vom Rechnungshof geprüft werden, solche Transparenzberichte veröffentlichen würden." Das würde uns in Sachen Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Geschlechter "total weiterbringen", meint Toth.
Wenn die ORF-Chefin die Belegschaft beruhigt
Und es würde dem ORF diese Rolle nehmen, die er jetzt habe: "Dass anhand seines Transparenzberichtes dann eben Neiddebatten geführt werden." Und zwar so heftig, dass ORF-Chefin Ingrid Thurnher per Video im Intranet beruhigend auf die Belegschaft einzuwirken versuchte. "Nein, wir haben's nicht gerade leicht, wir ORF-lerInnen und ORF-ler derzeit. Aber lassen wir uns davon nicht verunsichern. Gehen wir weiter unseren Weg der transparenten Aufarbeitung."
Die Transparenz haben viele - im Haus und außerhalb - bei der Entscheidung im Fall Weißmann schon einmal vermisst, der Compliance-Bericht wide vom ORF nicht veröffentlicht, Thurnher beruft sich auf Daten- und Persönlichkeitsschutz.
Die Hoffnung liegt auf dem Transparenz-Beirat
Die Hoffnung liegt auf dem Transparenzbeirat, den die ORF-Chefin eingesetzt hat. Unter dem Vorsitz von Bettina Knötzl, Anwältin und Sprecherin des Vorstands von Transparency International in Österreich, wird der Beirat am Montag erstmals zusammenkommen. Danach werde man auch verstärkt die Öffentlichkeit suchen, hieß es auf Anfrage von #doublecheck. Neben Knötzl gehören dem Beirat an: die Arbeitsrechtlerin Elisabeth Brameshuber, die Unternehmensrechts-Expertin Susanne Kalss, die Compliance-Fachfrau Andrea Pilecky sowie der Anwalt Christopher Schrank und der Kommunikationsberater Alfred Autischer.
Die vier Frauen und zwei Männer sollen die Vorwürfe der letzten Wochen weisungsfrei untersuchen, Fehlverhalten lückenlos aufdecken und erforderliche Konsequenzen aufzeigen. So lautet der offizielle Auftrag, und die Sechs sind zum Erfolg verdammt. Concordia-Generalsekretärin Daniela Kraus legt die Latte hoch und fordert, "dass der ORF als öffentlich-rechtliches Medium und noch immer als Leitmedium in diesem Land jetzt vorbildlich sein muss, und zwar vorbildlich, auch was die Unternehmenskultur betrifft."
Gretchenfrage: Wie hältst du es mit den "Cold Cases"?
Dabei zählten gerade Änderungen in diesem Bereich zur den schwierigsten Herausforderungen, wie Kraus einräumt. So stellt sich etwa die Frage, wie man mit sogenannten "Cold Cases" umgeht.
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Peter Schöber
Etwa ORF3-Geschäftsführer Peter Schöber, gegen den es breite Vorwürfe aus der Belegschaft gegeben hat, die von der Compliance-Stelle untersucht worden sind. Schöber soll ein Klima der Angst geschaffen haben, Mobbing und Einflussnahme auf die Berichterstattung wurden ihm vorgeworfen. Der ORF attestierte ihm Anfang 2025 "ein teilweise problematisches Führungsverhalten". Schöber ist aber weiterhin unter den Top fünf der bestbezahlten ORF-Mitarbeiter.
Auch der wegen zu großer Nähe zur Landes-ÖVP abberufene Landesdirektor in Niederösterreich, Robert Ziegler, durfte im ORF-Zentrum gut bezahlt weitermachen.
Und wegen einem früheren ORF-Manager, dem eine Mitarbeiterin sexuelle Belästigung vorgeworfen hat, hat der ORF vor Gericht mit der Frau gestritten. Man hat sich mit ihr verglichen, der Mantel des Schweigens wurde darüber gebreitet, und der Mann, dessen Name nicht genannt werden darf, ist heute Mitglied des Stiftungsrats.
Und wo bleibt der "Wind of Change" aus der Politik?
Die Unternehmenskultur, die hätte der ORF theoretisch ja selbst in der Hand. Andere Problemzonen - Stichwort Stiftungsrat - müsste hingegen die Politik angehen. Die von den Grünen nominierte Stiftungsrätin Hildegard Aichberger nennt das Gremium in der bestehenden Form einen Baufehler. Viel zu groß, immer noch in schwarzen und roten Partei-Freundeskreisen organisiert, aus der Zeit gefallen. Daniela Kraus: "Das muss man außer Frage stellen, dass diese Gremienreform notwendig ist. In Kürze gesagt: Der Stiftungsrat gehört professionalisiert, also verkleinert, mit bezahlter Gremienarbeit, entpolitisiert. Eine Quote wie in Aufsichtsräten wäre übrigens auch nicht schlecht."
Dieter Bornemann, Sprecher des Redaktionsrats, unterstützt das: "Es ist eine langjährige Forderung der Redaktionsvertretung, dass der Stiftungsrat ent-parteipolitisiert wird. Allerdings: das wird uns immer wieder versprochen, aber in der Realität kommt halt wenig an." Und der frühere ORF-Chef Gerhard Zeiler, heute Medienmanager bei Warner, sagt kurz und prägnant in einem KURIER-Interview: "Damit müsste man abfahren. Ganz einfach."
Kritik am Stiftungsrat mit viel neuer Nahrung
Die Kritik am Stiftungsrat hat durch die Causa Weißmann neue Nahrung bekommen. Zwölf der 35 Mitglieder sind PR- oder Unternehmensberater, dass da Interessenkonlikte entstehen können, das wurde bisher nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert. Jetzt wird offen darüber gesprochen. Dieter Bornemann: "In den Gremien sitzen zahlreiche Pressesprecher, Agenturbesitzer, Interessenvertreter und Lobbyisten. Journalistische Kompetenz ist da nur sehr eingeschränkt vertreten." Und da liege der Verdacht nahe, "dass es möglicherweise andere Interessen gibt als kritischen Journalismus".
Barbara Toth vom "Falter" bemängelt die laschen Unvereinbarkeitsregeln und sagt: "Der Stiftungsrat ist natürlich total parteipolitisch besetzt und das gehört dringend geändert. Auch Daniela Kraus sieht Handlungsbedarf. Nicht nur die Unabhängigkeit der Gremien von der Parteipolitik gehöre abgesichert, "sondern auch die Unabhängigkeit gegenüber wirtschaftlichen Interessen und Eigeninteressen von Stiftungsräten".
Vorsitzende, Freundeskreisleiter und PR-Berater
Heinz Lederer und Gregor Schütze, der Vorsitzende und sein Stellvertreter, sind direkt angesprochen. Sie sind die Sprecher der Freundeskreise von SPÖ und ÖVP und von Beruf Kommunikations- und PR-Berater. Schütze hat so wie andere Stiftungsratsmitglieder Mitbewerber des ORF als Kunden, Lederer hat mit dem Käufer des ORF-Funkhauses Geschäfte gemacht, als er schon Stiftungsrat war.
Beide sehen keinerlei Interessenkonflikte, die Compliance-Regeln des Gremiums seien gut und müssten nicht geschärft werden. Laut Auskunft des Gremienbüros hat es noch nie eine externe Prüfung von möglichen Unvereinbarkeiten gegeben. Möglich wäre das, aber man bleibt unter sich.
Nicht nur der frühere ORF-Chef Zeiler sieht da ein "Gschmäckle", wie die Vorarlberger sagen. Doch mit größerer Wucht fällt Lederer und Schütze jetzt auf den Kopf, dass sie Roland Weißmann öffentlich mit sexueller Belästigung in Verbindung gebracht haben. Der Vorwurf der betroffenen Frau gegen den Ex-ORF-Chef war in der Aussendung der beiden Stiftungsrats-Spitzen vom 9. März angeführt, hat aber nicht gehalten.
Stiftungsrat könnte haften, wenn Weißmann abkassiert
Die Arbeitsrechts-Expertin Katharina Körber-Risak sieht im Extremfall Haftungsfragen auf Lederer und Schütze zukommen, sollte Weißmann Schadenersatzansprüche gegen das Haus geltend machen. "Dann kann sich der ORF schon einen Regressanspruch gegen die Mitglieder des Stiftungsrates überlegen, die eben an einem Schaden beteiligt waren. Und das kann man sich schon vorstellen, dass durch diese voreilige Veröffentlichung von völlig ungeprüften Vorwürfen ein solcher Schaden entstanden ist. Und dafür haften sie dann auch."
Körber-Risak zweifelt auch die Vorgangsweise der beiden Vorsitzenden an. Es sei da rechtlich nichts zwingend vorgeschrieben, aber "dass man Vorwürfe öffentlich macht, bevor man überhaupt einmal den Stiftungsrat, das Gremium, informiert und bevor man überhaupt einmal eine Untersuchung über die Plausibilität dieser Vorwürfe gemacht hat - das ist wirklich hochgradig ungewöhnlich, und ich würde sagen nicht zum Wohl des Unternehmens."
Gregor Schütze und Heinz Lederer
ORF/THOMAS RAMSTORFER
Zweifel an Vorgangsweise von Lederer und Schütze
Er würde in seiner Firma bei solchen Vorwürfen beurlauben und sofort eine externe Prüfung beauftragen, sagt Gerhard Zeiler. "Und dann die Entscheidung treffen: Ist es nichts, ist es eine Verwarnung, ist es eine Kündigung oder ist es ein Entlassungsgrund? So geht man vor, weil man damit auch rechtlich nicht in Schwierigkeiten kommen kann."
Lederer und Schütze wollten dazu kein Interview geben. Dem Vernehmen nach sehen sie sich rechtlich aber auf der sicheren Seite, die fragliche Aussendung sei mit anwaltlicher Beratung verfasst worden - und in Anwesenheit des gesamten Direktoriums, auch Ingrid Thurnher habe daran mitgewirkt. Durch die gegenüber Weißmann nun ausgesprochene Kündigung sollen sich die Spitzen des Stiftungsrates sogar in ihrem Tun bestätigt fühlen und keinesfalls Regressforderungen des ORF fürchten.
Am 1. Mai startet Bewerbungsfrist für ORF-Chefposten
Vor diesem Hintergrund wird der Stiftungsrat am 23. April die Ausschreibung des Generaldirektor-Postens für die Jahre 2027 bis 2031 beschließen, die Bewerbungsfrist beginnt am 1. Mai. Diesmal ist durch neue Regeln mehr Zeit, um Bewerber und Bewerberinnen unter die Lupe zu nehmen, die Wahl im Stiftungsrat findet am 11. August statt.
SPÖ und ÖVP haben gemeinsam eine satte Mehrheit, und es soll eine Absprache geben - die ÖVP soll den Generaldirektor, den kaufmännischen und den technischen Direktor nominieren und die SPÖ jene für Programm und Radio. Aktiv dementiert worden ist das bisher nie.
Stocker und Babler bestreiten geheimen Sideletter
Auf #doublecheck Nachfrage sagt die Sprecherin von ÖVP-Obmann Kanzler Christian Stocker dazu kurz und klar: Es gebe keine derartige Abmachung. Und im Büro von SPÖ-Chef Vizekanzler Andreas Babler heißt es: "Alle vorgesehenen Nachbesetzungen, die auf Vorschlag der Bundesregierung erfolgen können, sind im Anhang des Regierungs-Programms ersichtlich. Bekanntlich gehört da der ORF nicht dazu."
Einen Wunsch hat Babler freilich schon deponiert: Es solle eine Frau werden. Und ÖVP-Mediensprecher Nico Marchetti nennt im "Kurier"-Interview auch eine Präferenz: "Entscheiden tut das der Stiftungsrat. Aber meine Meinung ist es, dass es am Küniglberg frischen Wind braucht und dass jemand von außen auch dem Management im ORF sehr gut täte."
Wie reizvoll ist der ORF für Medienprofis von außen?
Also hat #doublecheck "außen" nachgefragt, bei zwei Österreicherinnen in Deutschland: Markus Breitenecker - bis Ende 2025 im Vorstand des ProSieben.Sat1-Konzerns - und Inga Leschek, die Chief Content Officer - also Programmchefin - bei RTL ist. Beide wollen sich momentan lieber nicht zum ORF äußern.
Vielleicht weil der Job trotz Krise doch ganz reizvoll ist? Daniela Kraus vom Presseclub Concordia sieht das jedenfalls so. "Es ist jetzt jedem denkenden Menschen klar, es ist Veränderung notwendig. Insofern denke ich mir, mit einem Mandat hineinzugehen, auch von der Öffentlichkeit, etwas zu verändern - das ist für eine gute Managerin, einen guten Manager schon eine extrem spannende Aufgabe."
