Florentina Holzinger

KATIA WIK

Biennale Venedig

Florentina Holzinger - Seaworld Venice

Sie zählt zu den wichtigsten Performancekünstlerinnen Europas und vertritt Österreich ab Anfang Mai bei der Kunstbiennale in Venedig. In ihren Shows treibt die 40-Jährige ihren meist nackten Körper bewusst und provokativ an die Grenzen und damit auch das Publikum. Für die Ö1 Wochenendbeilage "Diagonal" hat Petra Erdmann mit Florentina Holzinger ein langes Interview geführt, das Sie hier in gekürzter Fassung lesen können.

Unter dem Titel "Seaworld Venice" wird Holzinger den historischen Josef-Hoffmann-Pavillon in den Giardini und auch Teile im venezianischen Stadtraum bespielen. Mit einem extremen Unterwasserthemenpark und einigen Triggerwarnungen muss die Kunstbiennalewelt wohl rechnen, wenn Florentina Holzinger und ihr Team die ökologische Apokalypse performen.

Die Sendung "Diagonal: Zur Person Florentina Holzinger", ausgestrahlt am 2. Mai 2026, blickt mit Beiträgen von Christine Scheucher, Hannah Balber und Christian Fuchs und einem von Petra Erdmann geführten Gespräch mit Florentina Holzinger auf einen präzisen und viel diskutierten Werkkosmos.

Florentina Holzinger, das Thema "Seaworld Venice" wird während der Biennale mehrere Schauplätze in Venedig umfassen, eine Art Triptychon ist geplant. Wie kann man sich das vorstellen?

Es geht um einen Unterwasserthemenpark. Dieses Thema wird ergänzt dadurch, dass wir uns stark mit der Historie des Pavillons beschäftigen, mit den Schatten der Nazivergangenheit, die da schon so drüber liegen über diesem symmetrischen, reinen weißen Bau der Wiener Moderne. Und der dritte Teil des Triptychons ist eine Kläranlage. Es geht sehr stark um Verhandlungen von Schmutz versus Reinheit und wer die Verantwortung dafür trägt.

Diese Gegensätze machen Venedig ja zu einer spannenden Spielstätte. Die Künstler, die zur Biennale eingeladen werden, sind angehalten, seitenlange Berichte über ihr Nachhaltigkeitskonzept zu schreiben, auch wenn gleichzeitig klar ist, dass die Biennale der Grund ist, dass Leute da mit dem Jet ankommen, ein bis zwei Tage in diesem Disneyland verbringen und ihren Müll hinterlassen.

Wird der Pavillon bis ans Ende der Biennale bis Anfang November 2026 von Ihnen und von Ihren Performerinnen bespielt werden können? Kann man das überhaupt leisten?

Ja, ich denke schon, dass es eine hirnrissige Idee ist, das sieben Monate zu bespielen. Aber andererseits sehe ich es ja auch wie eine Form von Besetzungen. Und wir benutzen ja auch den Pavillon als Wohnstätte, also wir ziehen da ein und es gibt Schlimmeres, als in Venedig zu leben über diese Zeit.

Es wird auch Etüden geben, das sind kurze Performances, die in verschiedenen Städten von Ihnen aufgeführt werden, um im öffentlichen Raum zu intervenieren. Dieser Begriff ist auch schon eine Sprengung des Theaterraums. Können Sie uns das näher erklären, was da für eine Idee dahintersteckt?

Ja, ich denke, ich habe es eben Etüden genannt und nicht zum Beispiel Aktionen, weil der Begriff der Aktion ja sehr historisch beladen ist im österreichischen Kontext.

Inwiefern?

Insofern, dass ja die Wiener Aktionisten ihre Dinge Aktionen genannt haben und ich einer anderen Zeit und einem anderen Kontext angehöre, würde ich sagen. Trotzdem finde ich das natürlich extrem wertvoll, den Theaterraum zu verlassen und zeitspezifisch Happenings stattfinden zu lassen, im öffentlichen Raum und im urbanen Kontext und speziell auch in der Natur. Ich habe es Etüden genannt, weil ich die als Kind schon auf und ab gespielt habe und weil ich als Tänzerin Übung an sich meistens besser finde als das Produkt dieser Übung.

Ich finde das natürlich extrem wertvoll, den Theaterraum zu verlassen und zeitspezifisch Happenings stattfinden zu lassen.

Was war Ihr Background? Familiär? Wie kann ich mir das Haus Holzinger vorstellen, wo Florentina Holzinger Etüden gespielt hat?

Ja, das klingt jetzt so bürgerlich und auch so, wie wenn ich Pianistin werden wollte, aber das war Amateurlevel. Es gibt sehr viele sehr einfache Etüden. Aber, ja, ich bin die einzige Künstlerin in meiner Familie.

Was machen die anderen?

Ja, die anderen machen andere Sachen.

Sind Sie bei den Etüden in Venedig schon an Grenzen gestoßen?

Definitiv. Das Biennaleareal zu verlassen ist extrem kompliziert und es werden uns viele Steine in den Weg gelegt. Allerdings war das für mich künstlerisch ein sehr wichtiger Teil des Konzeptes, aus dem Pavillon auszubrechen, dass die Kunst eben nicht nur hinter diesen Mauern stattfindet, sondern wirklich auch in Kommunikation tritt mit der Öffentlichkeit Venedigs.

Gerade im katholischen Italien ist die Biennale natürlich vorsichtig, wenn es um Nacktheit geht, um den weiblichen Körper, der ja auch ein zentrales Element ist in ihrer Arbeit.

Genauso wie in Österreich ist auch in Italien ein großes moralisches Problem. Deswegen werden uns da sehr, sehr viele Steine in den Weg gelegt. Und das provoziert mich natürlich.

Nacktheit ist in ihren Arbeiten der Normalzustand.

Die Nacktheit hat in meinem früheren Stücken immer die Funktion gehabt, wirklich transparent zu machen, dass man dem Körper bei der Arbeit zusieht. Da ging es auch immer darum, dieses Erotik-Momentum aus dem Weg zu schaffen, dadurch, dass man den nackten Körper halt einfach so zeigt, wie er ist. Und dann gibt es auch nicht viel mehr zu sehen eigentlich. Und die Nacktheit war etwas, was sich auch so eingeschlichen hat, ganz früh auch aus budgetären Gründen, weil kein Geld da war für das Kostüm. Dass diese Arbeit dann plötzlich im Theaterkontext herumgereicht wird, das war uns damals alles noch nicht klar. Da haben wir sehr unschuldiges Wohnzimmertheater gemacht.

Florentina Holzinger

APA/ROLAND SCHLAGER

Die Nacktheit hat in meinem früheren Stücken immer die Funktion gehabt, wirklich transparent zu machen, dass man dem Körper bei der Arbeit zusieht.

Was gibt es noch für Herausforderungen an den eigenen Körper?

Mein Interesse am Körper und am Hacken des Körpers ist etwas, das nie erlischt. Es geht nicht darum, irgendwie das nächste große Ding zu tun, sondern, was ist eine Art von Darstellung oder Praxis, die wir brauchen im Zusammenhang mit einem Themenkomplex, weil sonst kommt nur zaches Zeug raus, das man sich eh schon vorher hätte vorstellen können. Und ich mag es, an Projekten zu arbeiten im Sinne von 'Okay, das wird wieder etwas. Wir können uns jetzt noch nicht vorstellen, wie das wird und das wird alle unsere Erwartungen sprengen.' Das ist schon der Anspruch.