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Gedanken
Samy Molcho, Meister der stummen Sprache
Heute vor 90 Jahren, am 24. Mai 1936 in Tel Aviv geboren, zählt Samy Molcho zu den einflussreichsten Pantomimen des 20. Jahrhunderts - und zu den bekanntesten Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum. Seit seinem Bühnendebüt mit zehn Jahren prägte er über Jahrzehnte die Kunst der nonverbalen Darstellung und wurde international für seine präzisen, emotional dichten Solo-Performances gefeiert.
22. Mai 2026, 15:13
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Gedanken | 24 05 2026
Samy Molcho betritt einen Raum nicht einfach - er "zeichnet" ihn: ein Schritt, der minimal zu schnell ist, ein Blick, der eine Spur zu lange hält, eine Hand, die zögert, bevor sie begrüßt. Jede Bewegung dieses Mannes trägt Bedeutung in sich.
"Der Körper lügt nicht"
In Tel Aviv geboren, wächst Samy Molcho in einer Zeit auf, in der Umbrüche und Unsicherheit zum Alltag gehören. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet jemand, der in so einem Umfeld groß wird, später eine Sprache wählt, die ohne Worte auskommt. In Israel studierte er klassischen, modernen und fernöstlichen Tanz sowie die Technik der Pantomime, zusätzlich absolvierte er eine Schauspielausbildung. Ab 1952 tanzte Samy Molcho am Jerusalemer Stadttheater, vier Jahre später war er Solotänzer für modernen Tanz in Tel Aviv. Anfang der 1960er Jahre kam er im Rahmen seiner Tourneen auch nach Österreich, Wien wurde seine neue Heimat. Als ordentlicher Hochschulprofessor lehrte er von 1977 bis 2004 am Max Reinhardt Seminar an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.
Auf der Bühne, als international gefeierter Pantomime, war die Stille Samy Molchos Element. Nicht als Leere, sondern als Spannung. Stille ist bei ihm kein Mangel, sondern ein Material - wie Licht. Sie macht kleinste Verschiebungen sichtbar: eine Schulter, die absackt; ein Kinn, das sich hebt; ein Blick, der ausweicht und gerade dadurch trifft. In dieser Stille wird der Körper zum Satz. All diese Erfahrungen übersetzte Samy Molcho später in eine Art "Alltagskompetenz": Körpersprache lesen, deuten, bewusster einsetzen. Für Samy Molcho keine Modeerscheinung, sondern eine Rückbesinnung auf etwas Urmenschliches.
"Die Zunge kann schweigen, aber der Körper spricht ständig!"
ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
"Worte sind wichtig für den Austausch", erklärt der Jubilar im Interview, "aber sie sind nur ein Teil der Kommunikation. Die Zunge kann schweigen, aber der Körper spricht ständig!" Ein gutes Dutzend Bücher und mehrere Videofilme widmete Samy Molcho seinem zentralen Thema Körpersprache, zu dem er seit 1980 weltweit Seminare und Vorträge hält. Zu seiner Klientel zählen vor allem Personen, die in den Bereichen Unternehmensführung, Politik und Medizin tätig sind. Dabei lenkt er den Blick auf das, was wir im Gespräch oft übersehen: Hände, Schultern, Füße, Abstand, Tempo, Rhythmus. Gerade die Hände sind für ihn ein Schlüssel. Sie verraten Nervosität, Dominanz, Unsicherheit, Offenheit - oder den Wunsch, zu kontrollieren. Auch der Blick ist zentral: Wer ausweicht, kann sich schämen, nachdenken, lügen - oder schlicht überfordert sein. Allein, Samy Molcho würde hier nicht vorschnell urteilen, sondern präzise beobachten lassen: wie lange hält jemand Blickkontakt? Wann wird er unterbrochen? Denn das sind oft die Sekunden, in denen die "wahre" Emotion kurz sichtbar wird. Samy Molcho hat dazu beigetragen, dass Körpersprache in Europa zu einem populären Begriff wurde - nicht als Esoterik, sondern als alltagsnahe Beobachtung. Seine Arbeit wirkt deshalb so nachhaltig, weil sie Menschen nicht nur besser "lesen" lassen will, sondern auch menschlicher: weniger vorschnell, weniger blind für Zwischentöne.
Und genau hier treffen sich Samy Molchos Kunst und Lehre: Sprache beginnt nicht erst mit dem ersten Wort. Sie beginnt mit dem ersten Blick, der ersten Bewegung, dem ersten Atemrhythmus. Und sie endet nicht, wenn der Satz fertig ist - sie läuft weiter in der Körperhaltung danach.
Gestaltung
- Gerhard Hafner
