ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Diagonal
Nicht berühren? Nicht laufen?
"Diagonal" zur Zukunft des Museums.
1. Juni 2026, 16:39
Zur Sendung
20 06 2026 | Diagonal
An der Institution Museum haftet der Staub, das Konservative. In meiner Kindheit wollten die hohen Räume mit ihren unendlichen Bildergalerien und knarzenden Parkettböden ehrfürchtig betreten sein. Überall waren Grenzen gezogen, ob mit geflochtenen Kordeln oder Glasvitrinen. In den Schaukästen waren Schmuck, historische Artefakte, präparierte Tiere oder Pergamente gelehrig und distanziert drapiert. Nur die grellen Notausgangslichter über den Türen mahnten, dass die Gegenwart die Vergangenheit formen sollte und nicht umgekehrt. Leise sprechen! Nicht laufen! Nicht berühren! So imponierten die ehrwürdigen Bildungstempel als die verlässlichen, aber strengen Hüter der Geschichte, wo Hotpants und Flipflops ebenso verpönt waren wie lautes Lachen und Musik. In einer Institution, die auf Dauer und Bewahrung setzt, darf, ja muss die Zeit stillstehen - und wir mit ihr.
Seit den 1970er Jahren bemüht sich die museale Welt um Öffnung und Dynamik. Aus den starren Lager- und Verwahrungsstätten sind Orte mit bunten Events, mit multimedial und interaktiv gestalteten Wechselausstellungen, mit schicken Cafés und Designshops geworden. Der Mensch soll Spielraum, auch museumsferne Milieus sollen Zugang haben. Schlagworte wie Barrierefreiheit, Diversität und Nachhaltigkeit sind fix auf die Fahnen des ICOM (International Council of Museums) geheftet. Was zählt, sind niederschwellige Teilhabe, Didaktik und Besucher:innen-Zahlen. Die Geschichte muss sich rechnen.
ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
Vom Musensitz zur Wunderkammer
In der Antike ist das altgriechische "museion" der Musensitz, eine Kultstätte, die sich in eine Stätte der Gelehrsamkeit, der Kontemplation und des Austauschs wandelt. Im Museion von Alexandria wird im 3. Jahrhundert v. Chr. geforscht, debattiert und die legendäre Bibliothek angelegt. Im Sakralen sind das Staunen und die Neugier still eingebettet. Angekurbelt von kolonialen Eroberungszügen, werden ab dem 16. Jahrhundert Dinge verschifft. Die Lust am Angeben und Protzen gesellt sich dazu. Die Wunderkammern, in denen sich die aristokratischen Eliten belustigen und ekeln dürfen, füllen sich.
Als die Aufklärung im 18. Jahrhundert am Menschenbild zu drehen beginnt, öffnen sich die fürstlichen Kuriositäten- und Naturaliensammlungen für das gemeine Volk. Im 19. Jahrhundert wird der Begriff Museum dann synonym für ein öffentliches Gebäude verwendet, in dem Sammlungen der Wissenschaft und der Kunst untergebracht sind. Gegenstände werden systematisch verwaltet, von Technik über Natur bis zur Ethnografie und Kunst.
Höchste Vertrauenswerte
Angetrieben vom Tourismus, sind Museen heute zum Teil Massenbetriebe, die viel in Besucher:innen-Management und die Aufarbeitung der eigenen Sammlungsgeschichte investieren müssen. Stichwort: Restitution, Kolonialismus und ökologische Verantwortung. Trotz der Selbstbefragungen können sie auf Glaubwürdigkeit verweisen. 2024 veröffentlichte das Institut für Museumsforschung eine Studie, wonach Museen unter allen öffentlichen Einrichtungen die höchsten Vertrauenswerte genießen.
APA-IMAGES/KURIER/GILBERT NOVY
Die Fragen bleiben: Was soll das Museum von morgen zeigen, was sammeln? Hat die Institution Museum als öffentlicher Ort, der ursprünglich auf das Sammeln, Bewahren, Beforschen und Zeigen setzte, mit der Digitalisierung, der KI, den steigenden Depotkosten und Versicherungen, dem hohen Event- und Unterhaltungsdruck sowie der Zersetzung bildungsbürgerlicher Normen und Ideale ausgedient? Wie müssen sich Museen verändern, um relevant zu bleiben?
