Musikkassette

ANJA TROELENBERG

Radiokolleg

Zurückgespult: Eine musikalische Spurensuche

1989 bekommt der Grieche Dimitris Christopoulos eine Musikkassette geschenkt. Darauf: mehrere Instrumentalstücke und Gesang. Sie wird zum Soundtrack seines Lebens - ohne zu wissen, wer darauf spielt oder singt. Fast vierzig Jahre später folgt Anja Troelenberg ihrer Spur nach Albanien: Wer sind die Musiker? Und wie kam die Kassette nach Griechenland?

Auf der Kassette: kein Titel, kein Autor - nur ein handschriftlicher Hinweis: "Alvanika Klarina", griechisch für albanische Klarinette. Die Suche beginnt in Tirana. Heute ist das Land auf Touristen eingestellt. 1989 jedoch war Albanien eine stalinistische Diktatur, weitgehend abgeschottet von der Außenwelt. Die Reise führt zu einem ehemaligen Grenzoffizier. Er erzählt von heimlichen Fluchtversuchen, von nostalgischen Mitbringseln - und von Begegnungen zwischen albanischen und griechischen Schäfern im Grenzgebiet.

Im Archiv der albanischen Rundfunkanstalt RTSH lagern tausende Tonbänder. Doch ohne Titel keine Spur. Wenige Schritte weiter, im großen Sendesaal, probt das Orchester für ein Konzert. Dass die Lösung des Rätsels bereits ganz nah ist, bleibt jedoch unbemerkt.

Falsche Fährte

Eine Musikethnologin gibt einen konkreten Hinweis: Der Text des ersten Liedes verweist auf Tepelena, eine Kleinstadt im Süden des Landes. Dort angekommen vervielfältigen sich die Möglichkeiten. Jeder meint, die Musiker zu erkennen. Immer neue Namen fallen - und mit jedem wird die Suche unübersichtlicher. Im Kulturzentrum trommelt der Leiter im Takt der Musik auf den Schreibtisch. Nur weil über Tepelena gesungen wird, müsse die Aufnahme nicht aus Tepelena stammen. Das letzte Lied auf der Kassette verweise vielmehr auf eine andere Region.

Auf dem Weg nach Përmet tut sich eine neue Fährte auf: Der Fahrer ist überzeugt, die Musik stamme aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Klarinette erinnert ihn an einen berühmten Film.

Verwechslung

In Përmet sind sich alle einig: Der Klarinettist ist Laver Bariu, die musikalische Autorität der Region. Im benachbarten Këlcyra jedoch widerspricht ein Mitarbeiter der Gemeinde. Im Vibrato erkennt er den bekannten Musiker Remzi Lela. Außerdem erklärt er, bei einigen Stücken auf der Kassette handle es sich um sogenannte Kaba - instrumentale Klagegesänge, bei denen die Klarinette den Klang des Weinens imitiert.

Eine vermeintliche Lösung entpuppt sich als Verwechslung. Unklar bleibt: Wer spielt die Violine, wer die Laute, wer singt? Am Ende führt die Reise zurück nach Tirana. In der Oper betritt Fatos Qerimaj die Bühne.

Rückkehr

An der Akademie der Wissenschaften bestätigt ein Ethnomusikologe eine Vermutung: Der Klarinettist gehört zu den bedeutendsten Meistern der Kaba - jener klagenden Musiktradition aus Südalbanien.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

Eine Frau erkennt die Handschrift auf dem Cover der Kassette. Ein Mann erkennt in der Violine seinen Vater - ein anderer sich selbst. Er erinnert sich an die Aufnahme und kann erklären, wie die Kassette nach Griechenland kam. Sie war eine von wenigen Kopien, die über die Jahre verloren gingen. So kehrt die Kassette nach Jahrzehnten an ihren Ursprung zurück.

Autorin: Anja Troelenberg