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Geringe Sichtbarkeit von Sportlerinnen in Medien
Im Schatten der Männer-WM-Quoten
Was haben Arda Saatci und Rachel Entrekin gemeinsam? Beide sind Mitte Mai hunderte Meilen durch amerikanische Wüsten gelaufen und haben Spitzenleistungen im Ultra-Sport vollbracht, aber nur die des Mannes – also von Saatci – ist weltweit gewürdigt worden, Entrekin quasi unter ferner liefen. Es ist ein Sinnbild für die mediale Berichterstattung über Frauen im Sport. Sie liegt immer noch schief, wie eine aktuelle Studie belegt. Es ist eine Frage des Geldes, der Sponsoren, der Aufmerksamkeit – und wie man diese gewinnen kann.
3. Juli 2026, 10:34
Mit dem Sponsor Red Bull hatte Arda Saatci auch die Publicity, als er die 600 Kilometer vom Badwater Basin im Death Valley zum Santa Monica Pier in Los Angeles gelaufen ist. Vier Tage vor ihm hat Rachel Entrekin den Cocodona250 - ein 250 Meilen, also 400 Kilometer Ultralauf quer durch die Wüste von Arizona - überragend und mit neuem Streckenrekord "over all" gewonnen. Die Läuferin war um eineinhalb Stunden früher im Ziel als der schnellste Mann. Doch das Echo außerhalb der Blase war gleich Null.
Sieger medial gefeiert, Siegerin verschwiegen
Für Annika Öhler, bald 17-jährige Schülerin und selber Triathletin, eine Riesen-Enttäuschung. "Zwei große Events und über das eine wird berichtet und über das andere nicht. Und den einzigen Unterschied, den ich erkennen konnte, war dass es eine Frau und ein Mann war. Das war meine Wahrnehmung und das hat mich sehr gestört."
Für Veronika Dragon-Berger, ORF-Sportchefin, ist die Frustration verständlich. "Es ist großartig, dass sie sich dafür einsetzt und darum kämpft, mehr Sichtbarkeit von Frauen in allen Sportarten durchzusetzen. Ich nehme das zum Anlass nehmen, noch einmal bei uns innerhalb der gesamten Redaktion die Sensibilisierung zu stärken." Und Annika sei willkommen, wenn sie sich die Abläufe in der ORF-Sportredaktion einmal aus der Nähe anschauen wolle.
ORF-Sportchefin: "Wir bauen das sukzessive aus"
Dragon-Berger verweist auf intensive Bemühungen, Frauen in der Sportberichterstattung zu pushen. Ein Beispiel sei die Tennisspielerin Lilli Tagger, sie wurde 2025 als "Aufsteigerin des Jahres" ausgezeichnet. "Wir haben kurzfristig das eine oder andere Live-Spiel ins Programm gehoben, auch auf ORF1. Ich glaube, dass man gemeinsam das Bewusstsein entwickeln muss, und das versuchen wir sukzessive auszubauen."
Denn mediale Präsenz, das ist nicht nur "nice to have", wie es in einer aktuellen Studie heißt, die der Telekom- und Medienregulator RTR in Auftrag gegeben hat. Die Sichtbarkeit von Frauen in den Medien ist demnach seit 2020 gestiegen, aber immer noch katastrophal gering. Und das wirke sich auf die Anerkennung als Sportlerin, auf das Frauenbild der Gesellschaft und nicht zuletzt auf Sponsorenverträge aus.
Sportmarketing verschärft Benachteiligung
Der Politologe und Sport-Kenner Peter Filzmaier dazu: "Geld regiert die Welt und das wirkt sich auch nachteilig bei der Sportberichterstattung über Frauen aus. Dass diese nämlich seltener vorkommen. Das liegt auch am Sportjournalismus. Es liegt aber oft noch mehr am Sportmarketing." Annika Öhler weiß, dass die Gründe für die geringe Sichtbarkeit von Sportlerinnen vielschichtig sind, sie will sich aber nicht damit abfinden. "Was macht das mit jungen Frauen, insbesondere mit jungen Mädchen? Die das nicht mitbekommen, die keine Vorbilder bekommen? Da ziehen Frauen unglaubliche Sachen ab, und es redet niemand drüber."
Eine dieser Frauen, die unglaubliche Sachen abziehen, ist Elena Roch. Die in Tirol lebende Niederösterreicherin ist Weltmeisterin und Europameisterin im Ultra-Cycling, nächstes Jahr möchte sie beim Race Across America starten, 5000 Kilometer vom Pazifik zum Atlantik.
Weltmeisterin und Rekordbrecherin, das hilft
Wie steht es um ihre Sichtbarkeit in den Medien? Die Titel helfen, speziell in ihrem Nischen-Sport, damit könnten die Leute was anfangen, sagt Elena Roch. "Bei mir war es ein Sonderfall, weil ich 2024 das Race Around Austria over all gewonnen habe, also vor dem schnellsten Mann war. Und das war etwas, was dann diese Bubble sozusagen verlassen hat. Und dadurch habe ich jetzt ein Netzwerk, das sich auch für weitere Rennen interessiert."
Auch Isabel Posch kennt das. Bisher eine lokale Leichtathletik-Größe in Vorarlberg, hat die Sprinterin vor vier Wochen den österreichischen Rekord der Frauen über 100 Meter gebrochen, der 23 Jahre gehalten hatte. Ihre sensationellen 11,10 Sekunden bringen zumindest kurzfristig Schlagzeilen "Es war dann so, dass österreichweit einfach mehr berichtet worden ist", sagt sie. In der Leichtathletik sieht Posch kein so ein großes Ungleichgewicht in der Berichterstattung wie in anderen Sportarten. Eher eine generelle Benachteiligung, also eine Frage der Prioritäten in den Redaktionen. Isabel Posch trainiert in der Schweiz, dort sei das anders. Es würden auch Hintergründe berichtet.
Sport-Berichterstattung ist thematisch zu eng
Die schlechte Sichtbarkeit von Frauen geht einher mit einer thematisch sehr engen Sportberichterstattung. Das sind auch die zwei zentralen Problemfelder, die in der RTR-Studie herausgearbeitet wurden. Nur fünf Sportarten - Fußball, Ski, Skispringen, Tennis und Formel 1 - prägen mehr als 70 Prozent der Medien-Berichterstattung. Es sind Zeitungen, TV und Online-Portale repräsentativ untersucht worden, darunter auch der ORF.
Studienleiterin Maria Pernegger von Media Affairs: "Frauen sind im Sport in der Sportberichterstattung nach wie vor klar unterrepräsentiert. Wir haben einen Anteil von 15 Prozent Frauen, das heißt einen deutlichen Überhang von 85 Prozent Männer in der Sportberichterstattung." Männer-dominierte Verbände, buben-orientierte Nachwuchsförderung, finanzielle Interessen - es steckten massive strukturelle Probleme hinter dieser Nicht-Sichtbarkeit von Sportlerinnen.
Studie: Nur 15 Prozent Frauenanteil an Berichten
Mit Blick auf die Medien betont Pernegger: "Man darf dieses Thema absolut nicht nur den Medien selbst umhängen. Die Medien berichten natürlich auch, was groß gemacht wird. Oder sie berichten, wo sie vermuten, dass es eine möglichst große Fanbase gibt. Und Fan sein kann ich ja nur von etwas, das auch sichtbar ist." Ein Teufelskreis, der nur bewusst durchbrochen werden kann, da sind sich alle einig.
Aktuelles Beispiel London Marathon: Sebastian Sawe und Yomif Kejelcha sind als Erste überhaupt unter zwei Stunden gelaufen, dass Tigist Assefa ihren Weltrekord der Frauen beim gleichen Rennen verbessert hat, blieb eine Fußnote. Selbst auf den PR-Postings von Schuh-Sponsor adidas hielten sie Assefa eher im Bild-Hintergrund.
"Es braucht auch Heldinnen und ihre Schicksale"
Der ORF tue seinem Auftrag gemäß sein Bestes, versichert Sportchefin Veronika Dragon-Berger. "Wir berichten als öffentlich-rechtlicher Sender über eine unglaublich weite Range an Sportarten. Der Spartensender Sport plus hat über 70 verschiedene Sportarten." Das reiche von Bogenschießen über Badminton bis Floorball.
Und Dragon-Berger erinnert an die Olympischen Winterspiele in Cortina d' Ampezzo. "Da war das meistgesehene Rennen die Abfahrt mit dem Sturz von Lindsay Vonn. Also es steht und fällt natürlich auch das Interesse, so ehrlich muss man sein, mit den Heldinnen, den Schicksalen und den Geschichten dahinter." Und mit den Erfolgen der Österreicherinnen.
Zwiespältiges Hoffnungsgebiet Frauenfußball
Hoffnungsgebiet für mehr Sichtbarkeit ist ausgerechnet der Fußball, wo die Frauen zuletzt durch Erfolge einiges an Aufmerksamkeit bekommen haben. Das hebt auch die Studie hervor. Kann man Interesse am Frauensport also wecken, muss man es nur wollen? Die frühere Skirennläuferin Nicola Werdenigg relativiert hier: "Fußball ist ein Sport, der wahnsinnig stark mit dem Gefühl, mit Patriotismus zusammenhängt. Wenn jetzt gerade die Frauen sehr erfolgreich sind, dann hängt man sich gern auf die Frauen drauf." Und wenn die Männer nach Jahrzehnten wieder einmal zur WM fahren, seien die Erfolge der Frauen rasch vergessen.
Überhaupt sei Fußball der Beweis dafür, dass die meisten es immer noch nicht verstanden haben, sagt Werdenigg. "Dass man immer nur davon redet - Frauenfußball und Fußball. Das ist für mich typisch. Es gibt Männerfußball, und es gibt Frauenfußball, und es gibt Sportarten, wo heute Frauen einfach komplett verschwinden, obwohl sie irrsinnig tolle Leistungen bringen." Dazu tragen auch Inszenierungen bei, wie sie gerade WM-Alltag sind, fällt Annika Öhler auf: "Diese Public Viewings, das ganze Gefühl, es reden in der Schule alle drüber. Es ist schon noch sehr männerdominiert."
Mehr Frauen in den Sportredaktionen gefordert
Was kann man dagegen tun? Mehr Journalistinnen in die Redaktionen, sagt Maria Pernegger. Die Media Affairs Studie hat auch ergeben, dass Frauen in Sportredaktionen zu 38 Prozent über Sportlerinnen schreiben, ihre männlichen Kollegen aber nur zu 13 Prozent. Und die Männer sind in der Überzahl, sagt Pernegger. "Hier haben Medien einen riesengroßen Hebel." Manche Redaktionen hätten nach wie vor ausschließlich Männer in den Sportredaktionen, das mache einen großen Unterschied.
Ein Hebel, den der ORF-Sport schon länger betätigt und jetzt bei der Männer-Fußball-WM wieder, sagt Veronika Dragon-Berger. "Wir haben versucht, fixe Teams mit Frauen zu gestalten, sowohl was die Expertinnen betrifft, also auch den Moderationsbereich." Man habe bewusst auch mehr Expertinnen ins Boot geholt, so die Sportchefin.
Medienförderung mit entsprechenden Auflagen?
Peter Filzmaier sieht auch eine Aufgabe für die Sportpolitik. "Diesen Kreislauf zu durchbrechen, das kann nur durch gezielte Maßnahmen geschehen. Man kann Medienförderungen ja auch an inhaltliche Auflagen binden." Dass zum Beispiel nicht nur in öffentlich-rechtlichen Medien über Frauen gleich viel berichtet wird wie über Männer.
Ultra-Cycling-Weltmeisterin Elena Roch meint, man müsse auch die Veranstalter mehr in die Pflicht nehmen. "Weil je mehr der Veranstalter gutes Material liefert an die Medien, desto mehr wird es aufgegriffen. Und je mehr da die Teilnehmerinnen und die Siegerinnen ins Bild kommen, desto mehr Sendezeit bekommt man dadurch." Hätte es mehr Bildmaterial über den Ultralauf von Rachel Entrekin gegeben, dann wäre wohl auch mehr darüber berichtet worden. Dieser Schluss liegt nahe.
"Auch Kleinigkeiten machen großen Unterschied"
Und Annika Öhler, die nach dem Sommer in ihr Maturajahr starten wird und trotzdem weiter auf Triathlon trainieren will, hätte sich nicht so ärgern müssen. Sie appelliert auch an Verbände und Vereine. "Kleinigkeiten wie: welche Trainingszeiten man in den Trainingshallen bekommt oder in der Schule, ob man früher oder später Sport hat, wie das mit den Burschen aufgeteilt wird. Solche Kleinigkeiten, glaube ich, machen einen großen Unterschied." Und das Wichtigste sei, dass darüber geredet wird, damit sich die Dinge ändern, sagt Annika.
