Nationalpark Hohe Tauern

ORF/MARGIT ATZLER

Ambiente - Sommerserie

Naturerbe erwandern

Margit Atzler erkundet die österreichischen Nationalparks und Sie wandern live mit.

Wer kann sie aufzählen, die sechs Nationalparks Österreichs? Und was sind ihre Besonderheiten? Die zweite Frage können wohl jene Menschen am besten beantworten, die „ihre“ Nationalparks tagein, tagaus durchstreifen. Die die Spuren der Wildkatze sichern, von der man bis 2007 geglaubt hat, sie sei in Europa ausgestorben. Die erzählen können, was fünf Millionen Jahre alte Flusssteine mitten im Wald zu suchen haben. Die wissen, dass es sich bei der sogenannten Salzlacke eigentlich um eine Sodalacke handelt. Die beobachten und dokumentieren, wie sich die Pflanzenwelt im Hochgebirge verändert, wenn auf Almen im Sommer keine Kühe mehr weiden. Diese Menschen sind die Rangerinnen und Ranger der Nationalparks, die mich für Ambiente diesen Sommer auf ausgewählten Wanderwegen begleiten. Sie machen Geologie und Biologie erlebbar.

Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel

Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel

APA-IMAGES/IMAGEBROKER/FRIEDHELM ADAM

Jede Wanderung eine Erkundungstour

Um es vorwegzunehmen: Sechs Nationalparks gibt es in Österreich. Jede Wanderung der Sommerserie ist eine Erkundungstour, auf der sich im Gespräch mit den Ranger:innen viele kleine und große Besonderheiten offenbaren. Neu in diesem Ambiente-Format ist, dass die Hörer:innen quasi live mit mir mitwandern.

Unterwegs sprechen wir über spezielle Pflanzenarten und heimische Wildtiere im jeweiligen Nationalpark. Natürlich haben wir nicht das Glück, auch alle dieser besonderen Tiere zu sichten. Das Wertvolle liegt oft im Verborgenen, ist für uns Menschen unzugänglich – und das ist eines der wichtigsten Prinzipien von Nationalparks. Besucher:innen wandern nur auf markierten Wegen, der Rest bleibt der Natur überlassen. Vielleicht liegt genau darin auch die Herausforderung, Nationalparks zu verstehen. Hier kommen die Ranger:innen ins Spiel. Ihre Aufgabe ist es, Natur zu vermitteln und verständlich zu machen, wie man im Nationalpark auch ohne alles zu sehen und anzugreifen befriedigende Erlebnisse haben kann. Sie wissen spannende Geschichten zu erzählen: über die Entstehung der Nationalparks, über ökologische Probleme und Lösungsversuche, über Wildkatzen, Urwaldrelikt-Käferarten, Europäische Sumpfschildkröten, die geschnäbelte Kreiselwespe u. v. m.

Nationalpark Kalkalpen: Buchenwald

Nationalpark Kalkalpen: Buchenwald

NATIONALPARK KALKALPEN/ANDREAS MAYR

Natur umfassend verstehen

In den Nationalparks beginne ich, die Natur umfassender zu verstehen – mit jeder Faser. Die Naturvermittler:innen treibt ein Enthusiasmus an, der richtiggehend ansteckend ist. Bei den gemeinsamen Wanderungen fühlt es sich für mich an, als würde mit dem Nationalpark eine Art Beziehung oder Freundschaft entstehen. Eine Freundschaft, die sich mit jedem Schritt vertieft. Die Antworten der Ranger:innen machen mich neugierig, noch mehr zu erfahren, sei es über die Blütenstände der Zypressen-Wolfsmilch am Wegesrand oder über den Zunderschwamm.

Wer etwa durch die Buchenurwälder im Nationalpark Kalkalpen wandert, spürt sofort den Unterschied zu einem wirtschaftlich genutzten Wald – ohne ihn benennen zu können. Die Erklärung dafür kann zum Beispiel Rangerin Maria Laussamayer liefern: Ein natürlicher Wald sollte zu 30 Prozent aus Totholz bestehen, ein abgestorbener Baum ist für den Rothalsigen Düsterkäfer gleichzeitig Krabbelstube und Speisekammer. Holzliebende Käfer sind so etwas wie Recyclingbeauftragte im Wald. Sie zersetzen die Holzstruktur, Mikroorganismen und Pilze ziehen ein, das Holz verrottet und wird zu Nährstoffen für die nächsten Baumgenerationen. Und so ist der Käfer, der quasi als Manager den Boden bereitet, genauso wichtig wie der Luchs, der Star oder das Leittier des Nationalparks Kalkalpen.

Text: Margit Atzler