ORF/JOSEPH SCHIMMER
Gedanken
Die gehörlose Sängerin Laura Korhonen
Transkript zur Sendung vom 27. September 2026
25. September 2026, 14:09
Anlässlich des heutigen Tags der Gehörlosen, am 27. September, rückt ihre Geschichte eine Frage in den Mittelpunkt: Was heißt eigentlich hören? Für Laura Korhonen bedeutet Musik Resonanz, Körpergefühl, Erinnerung, Rhythmus und Vertrauen. Sie hat Gesang und Musikwissenschaft studiert, war und ist mit unterschiedlichen Projekten aktiv und wurde als Stimme der Band Satuo bekannt.
Der Verlust des Gehörs bedeutete für sie auch den Verlust einer Selbstverständlichkeit: jener unmittelbaren Verbindung zur Musik, die für Sängerinnen und Sänger zentral scheint. Doch Laura Korhonen hat sich diesen Zugang neu erarbeitet - anders, bewusster, körperlicher. Sie glaubt an die Kraft der Musik, auch dort Verbindungen zu schaffen, wo Sprache oder Klang an Grenzen stoßen.
Für Ö1 übersetzt Gebärdendolmetscherin Barbara Gerstbach die Gesprächspassagen der Sendung.
Transkription der Sendung
In der Sendereihe "Gedanken" erzählt die Sängerin Laura Korhonnen anlässlich des Tags der Gehörlosen am 27. September von ihrem Weg zurück zum Hören und zum Singen. Die gebürtige Finnin kam für ein Jazz Gesangsstudium nach Wien. Heute lebt sie im Waldviertel, unterrichtet an einer Musikschule und verbindet Jazz mit finnischer Volksmusik. Mit 25 Jahren verlor Laura Korhonnen nach mehreren Hörstürzen ihr Gehör. Cochlea-Implantate ermöglichen ihr heute wieder, Klänge wahrzunehmen und ihre Stimme einzusetzen.
Hören bedeutet für mich, dass ich mich mit der Welt verbunden fühle, also diese Verbindung mit der Welt durch Klänge und das Akustische. Das ist für mich das Gehör.
Und wenn das Hören mühsam wird, wenn man nicht mehr gut hört, oder gar nicht hört, dann merkt man einfach, wie wichtig das Hören für uns Menschen ist. Und für mich war das Schlimmste, dass ich nicht mehr kommunizieren konnte. Es war einfach sehr frustrierend und mühsam. Und dann, als mir das passiert ist, habe ich das sehr unfair gefunden. Ich hatte das Gefühl, dass ich das nicht verdient hatte, weil ich immer so aufgepasst hatte mit meinem Gehör. Aber ich muss auch sagen, dass, vor diesen Hörproblemen war, das Gehör etwas Selbstverständliches für mich. Ich hatte schon Probleme mit den Gelenken wegen meinen Autoimmunkrankheiten oder so, also Schmerzen und Bewegungsprobleme. Das war immer normal für mich. Aber das mit dem Gehör, das hat sich einfach sehr unfair angefühlt.
Ich bin nicht plötzlich gehörlos geworden. Oder schon? Nein, es war ein Prozess. Also, ich habe Hörstürze gehabt. Hörstürze passieren eigentlich recht häufig. Viele Menschen erleben Hörstürze, aber meistens kommt das Gehör dann schon von selber zurück. Oder, wenn nicht, dann bleibt ein Rest Gehör. Bei mir war das alles einfach sehr massiv und es war sicher dauernd Stress und ich habe auch eine Autoimmunkrankheit, aber man weiß es nicht so ganz und es war auch sehr frustrierend, weil die Ärzte eigentlich nichts Konkretes gefunden haben. Aber, was ich immer sage: Es hat nichts mit der Musik zu tun. Also, es hat nichts mit Lärm zu tun. Ich habe immer aufgepasst und ich habe bis 2009 - ich war 25 damals - ich habe immer ganz normal gehört. Und in 2009 habe ich plötzlich einfach eines Tages nicht mehr mit dem linken Ohr gehört und dann bin ich ins Spital gegangen und mein Gehör ist mit Cortison wieder zurückgekommen. Aber ich hatte vier Monate später wieder einen Hörsturz und bin wieder ins Spital gegangen, aber, dann ist mein Gehör nicht mehr zurückgekommen.
Und dann? Ich hatte viele Jahre Pause und ich konnte mit einem Ohr mich sehr schnell anpassen im Alltag. Ich war frisch in Wien, ich habe hier Jazzgesang studiert, das war mein Austauschjahr und ich habe einfach mit einem Ohr weiterstudiert. Aber jetzt, wenn ich zurückschaue, weiß ich, dass es eigentlich sehr anstrengend und belastend mit nur einem Ohr war. Aber ich war einfach so ehrgeizig und ich wollte auch niemandem erzählen, wie schlecht ich höre. Also abnormal ist dann einfach für mich normal geworden. Und dann, in 2012, nach einem Konzert in Prag, habe ich auch rechts einen Hörsturz bekommen. Und dann war ich zum ersten Mal ganz kurz gehörlos. Aber wir haben schon gewusst, was wir tun müssen und wir sind direkt ins AKH gefahren und mit Cortison ist mein Gehör zurückgekommen und hatte vier Jahre wieder Pause. Ich habe einfach weitergelebt mit einem Ohr. Ich war in Wien und da sind wir Waldviertel gezogen. Ich habe Kinder bekommen und wir haben ein Haus gebaut und ich habe in der Musikschule schon unterrichtet. Mit der Band Satuo haben wir auch viel gespielt, aber dann habe ich in 2008 leider wieder einen Hörsturz bekommen, nach der Geburt meiner Tochter und dann ist mein Gehör nicht mehr zurückgekommen. Also bei mir sind die Haarzellen kaputt. Also diese Verbindung zwischen Hörnerv und Gehirn funktioniert einfach nicht.
Die Cochlea-Implantate ersetzen eigentlich mein Gehör komplett. Es gibt zwei Teile, also einen Sprachprozessor. Und unter der Haut ist das Implantat und wir haben alle diese Hörschnecke. Und dort drinnen sind Elektroden die, die Hörnerven stimulieren. Wie gesagt, die Cochlea-Implantate ersetzen einfach mein Gehör. Aber es war für mich wirklich ein Prozess, weil es ist kein Zaubertrick. Man hat eine große OP und diese OP dauert mehrere Stunden und ich hatte Glück, dass ich in Sankt Pölten operiert wurde und alles ist gut gelaufen, weil alle Operationen haben auch Risiken. Aber dann, nach der OP, beginnt eigentlich die Arbeit und Rehabilitation. Das hat mehrere Jahre gedauert.
Nach der Operation werden die Implantate aktiviert und dann muss man Hören neu lernen, weil alles, was man mit den Implantaten hört, klingt anders als früher. Aber, ich habe, bis ich 25 war, ganz normal gehört. Also mein Gehirn hat schon gewusst, was normal klingt und was nicht normal klingt. Es ist ganz anders für die Menschen, die gehörlos geboren sind oder als Kind implantiert werden. Aber für mich hat wirklich die menschliche Stimme ganz anders geklungen, Wasser hat anders geklungen. Alle alltäglichen Geräusche haben anders geklungen und man braucht viele Anpassungen. Also, die Audiologen und Audiologinnen passen die Implantate dann an mit einem Computerprogramm an und das Gehirn muss immer neu lernen. Man muss immer das Gehirn mehr und mehr stimulieren. Zuerst nur mit der Lautstärke und dann später kommen die Tonhöhe und die Feinheiten. Und Musik neu hören zu lernen dauert besonders lange, weil Musik ist etwas ganz Feines und Kompliziertes.
Singen war auch ein Prozess, weil ich konnte zuerst gar nicht intonieren. Also für mich hat alles richtig geklungen, aber für die anderen hat alles falsch geklungen. Und das war für mich das Schlimmste, weil ich habe immer gesungen und für mich war das Gehör, war auch die Musik etwas Selbstverständliches. Das war schon sehr schwierig für mich, das zu akzeptieren, dass ich wirklich von vorne beginnen muss. Aber heute habe ich das akzeptiert und ich habe mich auch als Sängerin neu gefunden und meine Stimme auch. Aber ich bin immer noch nicht ganz dort, wo ich hin will. Aber heute kann ich wirklich alles so hören wie früher. Also ich genieße die Musik wirklich, wirklich sehr. Alle Instrumente klingen für mich heute angenehm und authentisch und normal, aber vor zwei Jahren war es zum Beispiel nicht so. Also für mich waren eben alle Instrumente, die ganz viele Höhen hatten, unangenehm, haben übersteuert geklungen. Aber das ist ganz individuell und hängt davon ab, auch wie viel man auch übt, weil man darf die Musik nicht vermeiden. Es ist bissl, wie ins kalte Wasser springen. Man muss das machen, obwohl man das nicht mag, aber es wird dann besser. Und eigentlich will man dann noch einmal ins Wasser springen, auch wenn das Wasser kalt ist.
Dass man jemandem wirklich zuhört, nicht nur subjektiv zuhört, dass man auch objektiv bleibt, dass man die Worte nicht nur hört, sondern auch spürt und auch das fühlt, was man nicht hört - Ich finde das ganz, ganz wichtig. Ich bin empfindlicher geworden, ob die anderen Menschen wirklich zuhören, aber, ich muss auch zugeben, dass ich manchmal nicht so eine gute Zuhörerin bin, weil ich manchmal vielleicht überfordert bin mit meinem Gehör. Oder es war früher auch die Sprache. Wenn man in einem neuen Land ist und eine neue Sprache lernt, das ist auch anstrengend. Und dann schaltet man vielleicht manchmal aus. In den letzten zwei Jahren habe ich mehr zuhören gelernt. Bei mir geht es auch Hand in Hand, ob ich Stress habe, wie gut ich zuhören kann. Und ich merke auch sehr stark, wenn jemand nicht ganz zuhört. Früher war das nicht so und das ist wahrscheinlich dadurch, weil ich selber weiß, dass ich auch selber manchmal nicht so ganz gut zuhöre, weil ich akustisch manchmal einfach müde bin.
Telefonieren ist manchmal schwierig für mich. Ich habe auch bissl Angst, dass ich nicht verstehe, oder dass jemand mich nicht versteht. Die Stimme verändert sich auch und es geht oft, wenn man telefoniert, dann weiß ich nicht, wo ist die Person jetzt, gibt es vielleicht Hintergrundlärm oder wenn ich zu Hause telefoniere, kommen wieder mal die Kinder plötzlich und brauchen was von mir. Oder der Hund bellt. Es ist nicht nur das Hören selber, ist auch das Psychologische noch dazu, deshalb schreibe ich auch einfach lieber. Da habe ich meine Ruhe. Da kann ich immer durchlesen und in Ruhe auch antworten und überlegen.
Wenn man schwer hört, finde ich, dass man sich auch schämt, oder? Bei mir war das eigentlich sehr lange so. Besonders als ich nur mit einem Ohr hören konnte. Aber Musik studieren und schlecht hören ist keine leichte Kombination. Heute, als 40-jährige Frau, wäre ich vielleicht nicht so streng mit mir selbst und ich würde das einfach viel klarer sagen: "Herr Professor, ich höre schlecht, ich kann nicht verstehen", zum Beispiel. Oder: "Ich brauche noch eine Monitorbox". Ich bin eine Perfektionistin und es ist schwierig für mich, Schwäche zu zeigen.
Wenn man nichts mehr hört, verändert sich der Alltag natürlich komplett. Das war auch eine Ausnahmesituation in dem Sinn, dass ich ein kleines Baby hatte. Sie war nur vier Monate alt und die ältere Tochter war nur drei Jahre alt. Ich war wie eine Löwin. Ich musste einfach kämpfen. Und ich musste schauen, dass der Alltag läuft. Ich habe nicht so viele Erinnerungen, wie diese Zeit war, weil ich musste einfach überleben und schauen, dass meine Kinder alles haben. Ich weiß, dass das sehr frustrierend für uns alle war, besonders für die drei-jährige Tochter, die nicht schreiben konnte. Wir konnten gar nicht miteinander kommunizieren. Also, wie gesagt, meine Kinder haben das sehr intensiv mitbekommen, was das bedeutet, wenn man nicht mehr gut hört. Und sie wissen beide, dass man das Gehör auch schützen muss. Meine ältere Tochter spielt Schlagzeug und immer mit Gehörschutz. Wenn wir laute Konzerte besuchen, auch mit Hörschutz. Ja, für sie ist eine Mama, die manchmal nicht hört oder nicht so gut zuhört, etwas ganz Normales.
Ich bin ziemlich sicher, dass wir Stille bedrohlich finden, weil wir uns selbst darin konfrontieren müssen, wie es uns wirklich geht, was wir wirklich brauchen. Ich habe das Gefühl, dass viele nicht wirklich wissen, wer sie sind. Wir brauchen Stille, so dass wir uns selbst hören und spüren. Für mich bedeutet Stille einfach eine Hörpause, aber ich genieße Stille mehr als früher. Als ich mein Gehör verloren habe, war das etwas, was ich gehasst habe. Auch weil es so sehr mit Angst verbunden war. Natürlich, damals als ich Implantate bekommen habe, habe ich kurz nicht gewusst, ob ich noch überhaupt hören werde. Und wenn ich hören kann, wie höre ich dann und was kann ich machen? Wie schaut mein Alltag aus? Kann ich wieder in der Musikschule unterrichten? Kann ich wieder singen, auf der Bühne stehen? Muss ich wirklich alles verändern? Kann ich meine Kinder wieder hören? Können sie mit mir sprechen? Aber heute genieße ich wirklich die Stille, weil es nichts Bedrohliches für mich ist. Mein Leben im Waldviertel ist sehr ruhig. Ich bin in Helsinki in einer großen Stadt aufgewachsen. Ich bin eigentlich eine urbane Frau. Ich brauche die Stadt, ich liebe das Leben in der Stadt aber das Waldviertel gibt mir schon sehr viel Kraft.
Also wenn ich meinen Hund bellen oder die Katze höre, ist es schon ein Geschenk. Aber, es gibt schon auch viele Alltagsgeräusche, die sehr nervig sind, oder? Wenn meine Kinder streiten, denke ich nicht wirklich, dass das jetzt ein Geschenk ist, streitet ruhig weiter. Aber natürlich habe ich meine Momente, wenn ich wirklich, wirklich diese Dankbarkeit spüre, dass das überhaupt möglich ist und auch, was alles Technologie heute eigentlich ermöglicht. Oder, wenn ich eine Musikschule sitze - ich unterrichte ganz viele kleine Kinder auch und Gruppen - da bin ich schon sehr dankbar, wenn ich diese Verbindung auch mit meinen Schülern und Schülerinnen spüre.
Meine erste Hörerinnerung war ziemlich sicher in der Musikschule. Ich war zwei Jahre alt, als ich schon in der Musikschule war, also musikalische Früherziehung. Und ich habe auch das finnische Volksinstrument Kantele gespielt. Kantele ist ein wenig wie eine Zither.
Ich verbinde Finnland mit zwei Orten ganz, ganz stark. Natürlich mit Helsinki, der Stadt, wo ich aufgewachsen bin. Und Helsinki klingt wie Wellen und Möwen und auch alle Stadtgeräusche, aber auch die Stimmen meiner Familie. Ich verbinde immer die Menschen, mit der Heimat ganz stark. Und der andere Ort ist unser Sommerhaus. Wir haben wie viele Finnen ein Sommerhaus. Unser Sommerhaus lag nahe Kuopio. Das ist so sechs Stunden Richtung Lappland. Eigentlich genau in der Mitte, in Finnland. Und dort ist die Stille auch ein Klang für mich.
Ich verbinde Musik sehr viel mit der Heimat. Deshalb habe ich auch, seitdem ich nicht mehr in Finnland lebe, ganz viele finnische Volkslieder neu arrangiert. Meine Kompositionen sind auch oft volksmusikartig. Ich verbinde oft Jazz mit finnischen Volksliedern, und da gibt es natürlich ganz viel Literatur und alle Lieder, mit denen ich auch aufgewachsen bin. Zum Beispiel ein Lied, das auf Deutsch heißt "Ein Dorf wartet auf den neuen Mond". Das ist ein altfinnisches Lied. Und es gibt die großartige Band. Värttinä, die sind immer noch aktiv. Sie waren in den 90er Jahren ganz groß. Cas ist eines meiner Lieblingslieder. Ich höre das Lied gerne an und singe das Lied auch gerne selber.
Kunst und Musik und Tanz würde uns alle eigentlich zurück ins reale Leben holen. Wir Eltern und Erwachsene sollten mehr Verantwortung übernehmen und wirklich weniger Handyzeit nehmen. Ich bin ein Anti-Multitasking-Mensch geworden. Und die letzten sechs Monaten versuche ich wirklich, dass ich, dass ich immer nur eine Sache auf einmal mache und ganz viel Zeit auch einfach nichts tun. Ich finde Langeweile so wichtig. Ich bin für Langeweile. Das sage ich meinen Kindern auch immer, wenn es denen langweilig ist. Da sage ich, "Super geh raus und tu nix oder du etwas, das ist egal, aber nicht immer mit den Geräten". Hier in der Stadt merke ich das auch. In der U-Bahn, niemand liest Bücher mehr. Ich bin immer so glücklich, wenn jemand ein Buch liest oder wenn jemand einfach nichts tut. Ich versuche auch, dass ich in der Bim oder im Bus wirklich nichts tue. Ich schaue nur raus.
Ich versuche offen zu bleiben, dadurch, dass ich einfach wirklich ganz viele unterschiedliche Menschen kennenlerne. Und ich versuche auch verschiedene Kunstrichtungen kennenzulernen und auch diese Neugier zu behalten, was Sprachen betrifft. Wahrscheinlich auch, weil ich als Ausländerin in Österreich lebe, spüre ich das noch stärker, dass ich nicht immer hierher gehöre, dass ich einfach ein bisschen anders bin. Und das, was für mich normal ist, ist vielleicht nicht ganz normal, aber ich finde das auch so schön und wichtig. Und das möchte ich auch meinen Schüler und Schülerinnen auch immer sagen und zeigen, dass es gibt viele, viele Möglichkeiten, wie man wie man die Welt eigentlich sehen kann und erleben kann.
Für Demokratie ist Zuhören ganz was Elementares. Ich verbinde Demokratie auch mit Freiheit, dass man sagen darf, was man wirklich sagen will und dass die anderen dann auch zuhören und das wahrnehmen und ernstnehmen. Aber leider ist das heute nicht so, oder nicht immer so. Ich glaube, viele haben Angst, das auch zu sagen, was sie wirklich sagen möchten. Viele bremsen auch, weil sie haben Angst vor den Reaktionen vielleicht. Und ganz, ganz viele machen einfach die Ohren zu, auch wenn sie eigentlich hören, aber zuhören und verstehen möchten sie dann doch nicht, weil sie eben nicht objektiv sein können. Es ist nur diese Subjektivität, und ich und meine Meinung. Und es gibt keine anderen Meinungen und Du bist falsch und ich bin richtig.
Demokratie kann nicht funktionieren, wenn wir einander nicht zuhören, dann ist mehr Richtung Diktatur und das möchten wir - hoffentlich - nicht.
Wir gehörlose Menschen sind sehr unterschiedlich. Ich glaube, manche sind sehr offen und sagen selber: "Ich höre schlecht. Könnten Sie bitte ein bisschen langsamer sprechen", oder "Ich lese auch von den Lippen, könnten Sie bitte immer mit Augenkontakt zu mir bleiben?". Und manche finden das vielleicht unangenehm und möchten das nicht so wirklich erwähnen. Ich finde wichtig, dass man das einfach wahrnimmt. Und auch wenn man zum Beispiel einen gehörlosen Menschen trifft, dass man vorher vielleicht überlegt, wo treffen wir uns? Gibt es da ganz viele Hintergrundgeräusche, weil das spielt auch eine große Rolle. Und es gibt verschiedene gehörlose Menschen. Und ich bin irgendwo zwischen zwei Welten, weil es gibt natürlich gehörlose Menschen, die nicht hören. Und es gibt Gehörlose wie ich, die trotzdem hören können mit den Implantaten. Aber es ist nicht immer möglich, dass man Implantate bekommt und alle möchten das auch nicht und das ist auch okay. Ich verstehe das auch wirklich ganz gut. Jeder muss diese Entscheidung selber treffen oder die Eltern, wenn sie gehörlose Kinder bekommen. Ich finde, dass das Wichtigste ist, dass man alle gehörlose Menschen nicht denselben Topf einfach reinschmeißt, sondern wirklich fragt: "Was brauchst du?" und versucht, diese Person erst kennenzulernen.
Eine inklusive Welt wäre eine Welt, wo wir alle Menschen wirklich so akzeptieren, wie sie sind und verschiedene Bedürfnisse wahrnehmen und objektiv bleiben und auch verschiedene alltägliche Situationen vielleicht neu beobachten, weil vieles, was für uns so selbstverständlich und normales ist, ist es für die anderen vielleicht nicht. Barrierefreie Räumlichkeiten gibt es auch nicht wirklich überall in der Stadt und es sind manchmal nur Kleinigkeiten, zum Beispiel im Kaffeehaus ist die Musik oft viel zu laut, oder die Ansagen im Zug durch Lautsprecher sind oft akustisch, sehr schlecht. Also ich bin schon zweimal Bahn gefahren und bin irgendwo gelandet, wohin ich nicht wollte, weil ich einfach diese Lautsprecher nicht verstanden habe. Man müsste überall Text sehen können und für die, die nicht so gut telefonieren können oder möchten, dass da immer eine Option wäre, dass man auch ein SMS oder E-Mail schicken könnte oder alles einfach online per Text erledigen könnte. Für gehörlose Menschen oder besonders für die Menschen, die Implantate tragen oder bekommen, finde ich, Radio ist super als Hörtraining. Radio und Gehörlosigkeit ist kein leichtes Thema, weil man das Gehör braucht, dass man die Sendungen hören kann. Aber vielleicht könnte man da noch mehr mit Text oder Gebärdensprache online machen, dass man dann die Sendungen mit der Gebärdensprache sehen könnte oder einfach nachlesen könnten. Weil es gibt auch viele Menschen, die eben wie ich auch nicht gebärden können, aber trotzdem schlecht hören.
