ORF/JOSEPH SCHIMMER
Radiokolleg
Ungarn - eine Spurensuche von Mari Lang
Vom Gehen, Bleiben, Auswandern und Zurückkommen
15. Oktober 2026, 16:19
Meine Familiengeschichte ist eine Geschichte zwischen zwei Ländern: Österreich und Ungarn. Zwei Länder, die lang eng miteinander verwoben waren - nicht zuletzt durch die gemeinsame Zeit in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Obwohl ich 1980 in Eisenstadt geboren wurde, fühlte ich mich nie ganz als Österreicherin. Vielleicht, weil ich das auch nie ganz war. Meine Mutter ist gebürtige Ungarin und kam Ende der 1970er Jahre der Liebe wegen nach Österreich. Ich bin so gesehen also eine halbe Ungarin.
Als Kind habe ich die Sommerferien bei meinen Großeltern in Budapest verbracht. Ich habe fließend Ungarisch gelernt, hatte Freundinnen, die Zsofi und Piroska hießen, und war mit der Welt hinter dem "Eisernen Vorhang" vertraut. Lange Wartezeiten an der Grenze gehörten ebenso zu meinem Ferienalltag wie Gulaschsuppe und Langos mit einer dicken Schicht Sauerrahm und Käse.
Das Ende der Sommerferien war jedes Mal ein harter Bruch. Denn zu Hause war ich wieder Österreicherin und strengte mich sehr an, das auch möglichst allumfassend zu sein. Der Akzent meiner Mutter erschwerte mir das jedoch. Er störte mich, denn er verriet auch mein Anderssein.
In meiner Jugend versuchte ich meine ungarische Identität vollends abzustreifen. Ich besuchte meine Großeltern in Budapest nur noch selten, und auch die ungarische Sprache ging mir nach und nach verloren. Als Erwachsene, als ich schon längst als Journalistin bei dem Radiosender FM4 arbeitete, führte mich mein Weg über ein Stipendium wieder in die Herzensheimat meiner Kindheit.
2009 verbrachte ich drei Monate in der ungarischen Hauptstadt und arbeitete als Korrespondentin auf Zeit bei dem öffentlich-rechtlichen Radiosender MR1. Es war die Zeit vor Viktor Orbáns Rückkehr an die Macht. Bevor das ungarische Mediensystem sukzessive umgebaut, die Pressefreiheit eingeschränkt und der Spielraum für unabhängigen Journalismus immer kleiner wurde. Bevor Ungarn zunehmend negativ in die Schlagzeilen geriet - durch Rechtsstaatskonflikte, Machtkonzentration und später die Flüchtlingspolitik.
Die Parlamentswahlen in Ungarn im Frühling 2026 haben vieles verändert. Nicht nur in Ungarn, sondern auch in mir. Nach 16 Jahren Viktor Orbán gewann Péter Magyars Tisza-Partei die Wahl, und damit entstand die Hoffnung, dass unabhängige Medien, Justiz und Zivilgesellschaft wieder mehr Raum bekommen könnten. Und bei mir das Bedürfnis, noch einmal genauer hinzuschauen auf dieses Land, das mir als Kind so vertraut war und von dem ich mich später so weit entfernt hatte.
Deshalb bin ich im Sommer 2026 wieder zurückgekehrt. Um zu verstehen, woher meine Familie kommt, was das Ungarische in mir ausmacht und warum der Begriff Heimat für mich immer so schwierig war. Und ich wollte herausfinden, wie viel Europa eigentlich in meiner Familiengeschichte steckt. Denn was auf den ersten Blick nur wie eine Geschichte zwischen zwei Ländern aussieht, erzählt im Grunde von verschobenen Grenzen und politischen Umbrüchen, von Ost und West und von der Frage, wo man eigentlich hingehört. Und sie erzählt von Erfahrungen, über die in meiner Familie lang nicht gesprochen wurde.
Warum ging meine Urgroßmutter als Alleinerziehende aus ihrem Geburtsort in Siebenbürgen nach Budapest? Warum blieb meine Großmutter im kommunistischen Ungarn, machte dort Karriere und wurde später zu einer leidenschaftlichen Orbán-Anhängerin? Warum heiratete meine Mutter einen österreichischen Soldaten, verließ Ungarn und ging in ein Land, das sie zuvor noch nie betreten hatte? Und warum habe ich mich weder ganz als Österreicherin noch als Ungarin gefühlt? Die Fragen, die sich durch meine Familiengeschichte ziehen, stellen sich jedoch auch im heutigen Ungarn auf neue Weise.
Meine Spurensuche hat mich deshalb nicht nur zurück in die Vergangenheit geführt, sondern zu Frauen in Ostungarn, die gegen eine Autobatteriefabrik vor ihrer Haustür kämpfen und sich fragen, ob sie bleiben oder gehen sollen. Zu Menschen, die Ungarn während der Orbán-Jahre verlassen haben und nun überlegen, ob es einen Grund gibt zurückzukommen. Und zu Journalistinnen und Journalisten, die nach Jahren politischer Kontrolle vor der Frage stehen, wie unabhängige Medien wieder aufgebaut werden können.
Mehr als hundert Jahre liegen zwischen der Geburt meiner Urgroßmutter in Siebenbürgen und meiner Reise durch Ungarn im Sommer 2026. Sie ging. Meine Großmutter blieb. Meine Mutter wanderte aus. Und ich kam zurück. Vier Frauen, vier Generationen und ein Land, dessen Grenzen, politische Systeme und Versprechen sich immer wieder verändert haben. Vielleicht ist die Frage, wo man hingehört, am Ende gar keine ungarische oder österreichische. Sondern eine zutiefst europäische.
