Stricherlliste, Gehört-Cover, Ausschnitt

DYNAMO WIEN

Gehört

Das Ö1 Magazin im Dezember

Die stärksten Seiten von Ö1 gehören "gehört", dem monatlich erscheinenden Ö1 Magazin. Neben einer ausführlichen Übersicht über das komplette Radioprogramm des kommenden Monats finden Sie hier interessante Reportagen und Hintergrundberichte über das Programm und seine Gestalter und Gestalterinnen. Das Ö1 Magazin steht exklusiv Ö1 Club-Mitgliedern zur Verfügung.

Gehört-Cover

DYNAMO WIEN

„Unbehagen“ nennt der Soziologe Armin Nassehi seine bemerkenswerte „Theorie der überforderten Gesellschaft“, die ihre Problemlösungskompetenz zu verlieren droht. Ein Unbehagen im weitesten Sinne - Freuds Kulturtheorie lässt grüßen -, das wesentlich mit einer „Bewegungsrichtung“ der Kulturentwicklung zu tun hat, die in immer abstraktere und unübersichtlichere Formen des sozialen Zusammenhalts mündet.

Die zunehmende Komplexität einer Gesellschaft, in der sich Krisen in immer kürzeren Abständen ablösen oder überlagern, überfordert den Einzelnen durch den Maßstab der Probleme im Verhältnis zu den individuellen Möglichkeiten. Die Gesellschaft nützt zwar ihre eigene Komplexität zur Lösung von Problemen, stößt dabei aber an die Grenzen ihrer „Verarbeitungskapazität“. Das ist ein Thema der Bildung und der Entwicklung von Kompetenzen. Aber auch eine große Herausforderung durch die gesellschaftlich erzeugte Aufmerksamkeitsökonomie, die Probleme als lösbar oder unlösbar erscheinen lässt. Darüber nachzudenken, wie sich die „Selbstwirksamkeit“ in der Ökonomie der Aufmerksamkeit steigern lässt, ist eine wichtige Frage für einen Kultursender, aber wohl auch für jeden Einzelnen von uns.

Die Digitalisierung ist mit Beschleunigung und Unübersichtlichkeit der Angebote verbunden und erschwert die „Lesbarkeit der Welt“. Immer häufiger wird deshalb - ob soziologisch oder kulturtheoretisch - die Aufmerksamkeitsfokussierung als eine Art Gegenmittel ins Spiel gebracht. Etwa in der Qualität des Lesens: „deep reading“ statt „hyper reading“, der „Ausdünnung des Lesens“ (A. Reckwitz) auf den smarten Bildschirmen. Ob das bewusste Eintauchen in einen Text oder ein Musikstück nicht nur Behagen, geistige Befriedigung und Reflexion bietet, sondern sogar zur „gegenkulturellen Praxis“ werden könnte, ist eine spannende Frage für die audiovisuelle Kultur. In der Zeit des erzwungenen Rückzugs in das Private und der unbehaglichen Vereinzelung in parallelen Lebenswelten ist auch die teilweise verlorene Kunst des „deep listening“ zu neuen Ehren gekommen. Die Komponistin und Experimentalmusikerin Pauline Oliveros verband damit „radikale Aufmerksamkeit“: „Ich unterscheide zwischen Hören und Zuhören.

Hören ist das physische Mittel, das die Wahrnehmung ermöglicht. Zuhören bedeutet, dem Wahrgenommenen Aufmerksamkeit zu schenken, sowohl akustisch als auch psychologisch.“ In diesem Sinne wünschen wir Ihnen viele vertiefende Erlebnisse und Welterweiterungen mit unserem (vor-)weihnachtlichen Programm und in Ihrer ganz persönlichen Hörkultur.

Martin Bernhofer
Ö1 Programmchef

Information

  • Erscheinungsweise: 13 x p.a.
  • Direktversand an Ö1 Club-Mitglieder
  • Auflage: 57.000 Stück
  • Format: 208 x 289 mm
  • Druck: 4-farbig
  • Seitenanzahl: 60 Seiten
  • Chefredaktion: Robert Heis