Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Erik Schilling: "Authentizität"

"Trotz Corona-Ausbruch: Ischgl bleibt authentisch", beruhigte einst eine deutsche Tageszeitung. Eine "Kampagne für authentische Männer" rief ein Kosmetikhersteller aus, "Authentizität in der Führungsrolle" lehren Coaching-Seminare, "Echt ist das neue Schön" lautet ein Slogan, "authentisch sein, aber richtig!" ein anderer. Und vergessen wir nicht auf den Infektiologen Christoph Wenisch, dessen Siegespose mit hochgereckter Faust und dem "Victory"-Zeichen während der Covid-19-Impfung um die Welt gegangen ist, als Ausdruck authentischer Freude. In Zeiten von Fake News sehnen wir uns nach Wahrheit, Eindeutigkeit und Kontrolle. Doch diese Sehnsucht nach Authentizität hat auch ihre Schattenseiten, und diese beschreibt der Münchner Literaturwissenschaftler Erik Schilling in seinem Buch.

Erik Schilling, "Authentizität - Karriere einer Sehnsucht", C. H. Beck

Grete de Francesco: "Die Macht des Charlatans"

Grete de Francesco, geboren 1893 als Margarethe Weissenstein in Wien, veröffentlichte 1937 das Buch "Die Macht des Charlatans", das schon bald darauf international zum wissenschaftlichen Standardwerk über Scharlatanerie wurde. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Scharlatane in diversen Ausprägungen vor allem in der Politik Erfolge feiern, erinnert der Verlag "Die Andere Bibliothek" in bibliophiler Form an die vergessene Autorin und ihr beeindruckendes Werk. Ihre kulturgeschichtliche Studie und soziologische Untersuchung liegt nun als aufwändig gestaltete Wiederauflage vor.

Grete de Francesco, "Die Macht des Charlatans", Die Andere Bibliothek

Ivo Kaufmann

Ingrid Brodnig: "Einspruch!"

Flugzeuge verspritzen Gift, eine geheime Weltregierung will die Bevölkerung versklaven und Mobilfunkmasten der neuesten Generation lösen Covid-19 aus. Man kann solche Verschwörungserzählungen humorvoll nehmen, die Bankomatkarte in den Handschuh stecken und die Hand dann zur Supermarktkasse halten und laut sagen: "Der Chip bei der Impfung hat sich voll ausgezahlt." Wenn aber die Oma, der Schwiegervater oder auch die Schwester Ihnen immer neue Links zu sicheren Beweisen schicken, dass Bill Gates an allem Unglück dieser Welt schuld ist, dann hilft Humor nichts mehr. Die einfachste Reaktion wäre oft, nicht mehr zu diskutieren und nicht mehr auf Fakten zu pochen. Dafür steht aber zu viel auf dem Spiel. In der Familie und in der Demokratie insgesamt, findet Ingrid Brodnig. Wie man Verschwörungsmythen und Fake News kontern kann, ohne dabei selbst den Verstand zu verlieren, dafür hat die Journalistin eine ganze Reihe von Tipps gesammelt.

Ingrid Brodnig, "Einspruch! - Verschwörungsmythen und Fake News kontern - in der Familie, im Freundeskreis und online", Brandstätter Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Lilly Maier: "Auf Wiedersehen, Kinder!"

Es ist ein eher schmuckloser Gemeindebau im 15. Wiener Gemeindebezirk, der Ernst Papaneks Namen trägt. Ansonsten erinnert nicht viel an den einstigen Sozialdemokraten und österreichischen Pädagogen. Als "Ernst" hat er das Leben hunderter, jüdischer Flüchtlingskinder geprägt; hat Kinderheime in Frankreich geleitet, in denen jüdische Flüchtlingskinder während des zweiten Weltkrieges untergebracht waren. Die Historikerin Lilly Maier hat die Erinnerungen an Ernst Papanek nun zusammengetragen.

Lilly Maier, "Auf Wiedersehen, Kinder! - Ernst Papanek. Revolutionär, Reformpädagoge und Retter jüdischer Kinder, Molden Verlag

Juliane Nagiller

Jutta Allmendinger

Jutta Allmendinger

INGE HAAR

Jutta Allmendinger: "Es geht nur gemeinsam!"

Die Soziologin Jutta Allmendinger hat eine beispiellose Karriere gemacht: Sie ist als erste Frau seit nunmehr 13 Jahren Präsidentin des weltweit angesehenen Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Die Professorin prägte Begriffe wie Bildungsarmut und ist auch in der Politik eine gefragte Gesprächspartnerin. Als Studentin überlebte sie eine schwere Krankheit und machte ihren Abschluss in Harvard. Als junge Professorin wurde sie später ausgebuht, weil sie ihr neugeborenes Baby mit in die Vorlesung brachte. Allmendinger sagt jetzt, die Pandemie werfe Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung um drei Jahrzehnte zurück. Sie fordert nun ein anderes Elternzeitmodell: Mehr Vätermonate in der Betreuung von Kindern. Mehr Anreize für Teilzeit bei Vätern. Mehr Aufstiegschancen für teilzeitarbeitende Mütter und eine höhere Entlohnung für Tätigkeiten, die meist von Frauen ausgeübt werden. Damit sich beide Partner sowohl zu Hause als auch im Beruf auf Augenhöhe begegnen können.

Jutta Allmendinger, "Es geht nur gemeinsam! - Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen", Ullstein Verlag

Maicke Mackerodt

Pavel Richter, "Die Wikipedia-Story"

Vor 20 Jahren ging Wikipedia als freies Online-Lexikon an den Start und hat die Welt des Wissens revolutioniert. Die Wikipedia ist der wahrgewordene Traum, dass das Internet die Welt freier, gebildeter und besser macht. Die Reputation der Wikipedia ist heute so gut wie nie zuvor, das mag auch an den Vergleichsgrößen liegen. Das Netz erscheint uns heute als großer Topf, in dem Fake News, Desinformationen und Verschwörungstheorien blubbern. Nicht so auf Wikipedia. Denn ihre Autorinnen und Autoren haben über die Jahre gelernt, dass sie alles, was sie schreiben, genaustens belegen und Quellen prüfen und anführen müssen. Dennoch spricht Pavel Richter in seiner "Biografie eines Weltwunders" auch jene Probleme an, mit der die Wikipedia von Anbeginn an zu kämpfen hat.

Pavel Richter, "Die Wikipedia-Story - Biografie eines Weltwunders", Campus Verlag

Anna Masoner

Jörg Armbruster: "Die Erben der Revolution"

Ägypten zählt heute zu den repressivsten Staaten der arabischen Welt. Spitzel belauschen in Cafés die Gespräche, politische Gefangene gehören zum Alltag. Die Menschen ducken sich und haben wieder Angst. Es ist, als habe es den Aufstand vor zehn Jahren nie gegeben. Dennoch ist Jörg Armbruster, langjähriger Nahost-Korrespondent der ARD, nicht ohne Hoffnung, dass sich die Zustände trotzdem zum Besseren wenden. Vielversprechend ist für ihn die Revolution im Sudan vor knapp zwei Jahren. Dort wolle man die Fehler von Ägypten vermeiden und nicht dem Militär auf den Leim gehen.

Jörg Armbruster, "Die Erben der Revolution - Was bleibt vom Arabischen Frühling?", Hoffmann&Campe

"Kontext"-Heimstudiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Griesohn-Pflieger/Lichtenberg: "Federkleid und Flügelschlag"

Man sieht sie immer öfter: Mit Ferngläsern ausgestattete Menschen, die stundenlang im Grünen verharren, um Vögel zu beobachten. Birdwatching nennt man diesen Freizeittrend. Einer der Pioniere dieser besonderen Art der Naturbeobachtung ist der umtriebige deutsche Journalist und Autor Thomas Griesohn-Pflieger. Gemeinsam mit der nicht minder engagierten Vogelfreundin Iris Lichtenberg hat er nun den reichlich illustrierten Band "Federkleid und Flügelschlag" herausgebracht. Die darin porträtieren 100 ausgesuchten Vogelarten dienen quasi als Anfütterung für neue Birdwatcher.

Thomas Griesohn-Pflieger und Iris Lichtenberg, "Federkleid und Flügelschlag - 100 Vogelarten im Porträt - mit Illustrationen aus der Sammlung Robert", Haupt Verlag

Ivo Kaufmann

Braune Blätter, Tautropfen

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Philippe Sands: "Die Rattenlinie"

Otto Wächter, 1901 in Wien geboren, war bereits zu Beginn der 1930er-Jahre Nationalsozialist. Der damals noch illegale Nazi heiratete 1932 die Mürzzuschlager Industriellentochter Charlotte Bleckmann, eine begabte Designerin, ebenfalls fanatische Nationalsozialistin. Nach dem Juliputsch 1934, an dem er federführend beteiligt war, floh der studierte Jurist Otto Wächter, nach Hitler-Deutschland und machte dort rasch Karriere in der SS. Als NS-Distriktsgouverneur von Galizien war er zwischen 1942 und 1944 für den Tod von mehr als 500.000 Menschen mitverantwortlich. Wie sich Otto Wächter der Nachkriegsjustiz entzog, das recherchierte nun der britische Historiker und Jurist Philippe Sands.

Philippe Sands, "Die Rattenlinie - Ein Nazi auf der Flucht", Übersetzung von Thomas Bertram, S. Fischer Verlag

Antonio Pigafetta: "Die erste Reise um die Welt"

Antonio Pigafetta war 1519 mit Magellan ausgefahren, um eine westliche Seeroute zu den Molukken zu finden, den legendären Gewürzinseln Ostasiens. 1522 kehrte er als einer von wenigen Überlebenden dieser Expedition nach Spanien zurück. In den drei Jahren ihrer Reise hatten die 18 Heimkehrer - von ursprünglich 240 Mann, die in See gestochen waren - nicht nur einen Seeweg durch die Südspitze Amerikas gefunden, die später sogenannte Magellanstraße. Sie hatten nicht nur als erste Europäer den Pazifischen Ozean überquert und Asien von Osten erreicht, sondern sie waren so lange weiter nach Westen gesegelt, bis sie am Ende wieder in ihren Heimathafen Sevilla einliefen. Als erste Menschen, von denen die Geschichte weiß, umrundeten sie einmal die ganze Erde. Antonio Pigafetta hat diese historische Reise in einem Buch festgehalten. Der Historiker Christian Jostmann hat diesen 500 Jahre alten Text nun neu übersetzt und lesefreundlich aufbereitet.

Antonio Pigafetta, "Die erste Reise um die Welt - An Bord mit Magellan", Neuübersetzung von Christian Jostmann, wbg Verlag

Thomas Haunschmid

Cinzia Sciuto: "Die Fallen des Multikulturalismus"

Der multikulturelle Ansatz, der Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Religion Sonderrechte einräumt, erreicht das Gegenteil des Beabsichtigten: die Schaffung oder Verfestigung von Parallelgesellschaften. Dieser Falle entkommt man nur, meint die italienische Philosophin Cinzia Sciuto, wenn man strikt auf Laizität setzt. Und das meint mehr als nur die Trennung von Kirche und Staat. Religion sei Privatsache, ihre Symbole haben im öffentlichen Raum nichts zu suchen und der Staat habe die Menschenrechte durchzusetzen, denen stets Vorrang vor religiösen Vorschriften eingeräumt werden muss. Warum Laizität nicht der Feind der Religion, sondern ihr bester Verbündeter ist, das erläutert Cinzia Sciuto in einem Gespräch.

_Cinzia Sciuto, "Die Fallen des Multikulturalismus - Laizität und die Menschenrechte in einer vielfältigen Gesellschaft", Übersetzung von Johannes von Vacano, Rotpunkt Verlag__

"Kontext"-Heimstudiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Chilly Gonzales über Enya

Berühmt würde Chilly Gonzales mit seinen Solo-Piano-Alben mit Klavierstücken zwischen Neoklassik und Jazz. Der kanadische Musiker ist Pianist und Produzent, mischt Kammermusik, Rap, Pop und Jazz, aber vor allem ist er ein Entertainer. Bei seinen mitreißenden und schweißtreibenden Konzerten sitzt der Pianist grundsätzlich in Bademantel und Pantoffeln am Klavier, macht Stagediving in klassischen Konzertsälen und überrascht mit unkonventionellen, teils skurrilen Auftritten. Nun überrascht der Jazzmusiker auch mit seinem ersten Buch. Denn in diesem geht es um die irische Sängerin Enya und um die Frage, wie uncool Musik sein darf. Jason Beck, besser bekannt unter seinem Pseudonym Chilly Gonzales, hat über seine Faszination für Enya geschrieben, deren pathetische Songs in der Popwelt oft als esoterisch belächelt werden.

"Chilly Gonzales über Enya", Übersetzung von Sophie Passmann, Verlag Kiepenheuer und Witsch

Maicke Mackerodt

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