Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Christine Korsgaard: "Tiere wie wir"

Die Zahl der Tierversuche ist zurückgegangen, aber verschwunden sind sie nicht. Die Massentierhaltung wird zwar beklagt, aber an der Realität hat das bisher wenig geändert. Immer noch werden Tiere quer durch Europa zum Schlachten transportiert. Und selbst wenn wir ein Haustier halten, tun wir dies selten auf moralisch korrekte Weise. Die Philosophie-Professorin der Harvard University, Christine Korsgaard, sagt nun: "Das Leben eines Tieres hat keinen anderen Wert als das Leben eines Menschen, Tiere dürfen daher weder getötet noch benutzt werden."

Christine Korsgaard, "Tiere wie wir - Warum wir moralische Pflichten gegenüber Tieren haben", C. H. Beck Verlag

Madeleine Amberger

Caspar Dohmen: "Lieferketten"

Lebensmittel, Autobestandteile, Textilien, aber auch Klopapier: Dass all diese Dinge weite Wege zurücklegen, bis sie in den heimischen Regalen liegen, wurde uns spätestens im ersten Lockdown klar, als die globalen Lieferketten unterbrochen waren. Der Wirtschaftsjournalist, Dozent und Autor Caspar Dohmen hat den plötzlich zu Ehren gekommenen "Lieferketten" nun ein Buch gewidmet. In diesem geht es um Wertmaximierung, Nachhaltigkeit, gesetzliche Regelungen und faire Arbeitsbedingungen. An zahlreichen Beispielen zeigt der Autor, wer die wenigen Gewinner und die sehr vielen Verlierer im Bereich der weltweiten Produktion sind.

Caspar Dohmen, "Lieferketten - Risiken globaler Arbeitsteilung für Mensch und Natur", Wagenbach Verlag

Uli Jürgens

Gerd Schwerhoff: "Verfluchte Götter"

Gotteslästerung hatten wir eigentlich schon abgetan als Relikt der christlichen Inquisition, doch dann kehrte sie mit enormer Macht zurück: 1989 mit der Fatwa gegen Salman Rushdie, dem Muslime Blasphemie in seinem Roman "Die satanischen Verse" vorwarfen. 2005 wurden weltweit Mohammed-Karikaturen in einer kleinen dänischen Zeitschrift als Gotteslästerung empfunden - mit weitreichenden diplomatischen Verwerfungen, und schließlich 2015 das Attentat auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion in Paris. Muslime brachten verletzte Gefühle vor, die andere Muslime mit Morden rächten. Waren die Karikaturen-Zeichner zu weit gegangen? Hat die muslimische Welt die Verspottung ihres Propheten zu ertragen? Und waren das allesamt nur die Vorboten einer Identitätspolitik, wo man gar nichts mehr sagen kann, ohne irgendwen zu beleidigen? Gerd Schwerhoffs Geschichte der Blasphemie liest sich erschreckend aktuell.

Gerd Schwerhoff, "Verfluchte Götter - Die Geschichte der Blasphemie", S. Fischer Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Claudia Hammond: "Die Kunst des Ausruhens"

In Zeiten wie diesen haben manche mehr Zeit, sich zu erholen, als ihnen vielleicht lieb ist. Andere wiederum, zum Beispiel Eltern schulpflichtiger Kinder, haben mehr Stress als je zuvor. Viele wünschen sich Erholung. Aber wie geht Erholung eigentlich? Vor allem, wenn man dabei nicht reisen soll? Die britische Psychologin Claudia Hammond hat am "Rest Test", der weltweit größten jemals durchgeführten Umfrage zum Thema mitgearbeitet. Die Ergebnisse und ihre Anleitungen zur richtigen Entspannung hat sie nun zusammengefasst.

Claudia Hammond, "Die Kunst des Ausruhens - Wie man echte Erholung findet", Übersetzung von Silvia Morawetz und Theresia Übelhör, DuMont Verlag

Ivo Kaufmann

Eine Hand hält ein Schild mit der Auschrift "BLM" und einer gemalten schwarzen Faust in die Höhe.

AFP/ROBIN VAN LONKHUIJSEN

Emilia Roig: "Why We Matter"

Identitäten sind momentan das große Thema. Nicht, weil den Menschen langweilig ist, sondern weil es immer noch strukturellen Rassismus gibt. Und nicht nur in den USA, wo die "Black Lives Matter"-Bewegung den Finger in die Wunde legt. Wenn es Unterdrückung gibt, dann gibt es auch Privilegien. Privilegien, derer wir uns oft gar nicht bewusst sind. Die Politologin Emilia Roig versucht in ihrem Buch "Why We Matter" ein neues Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Zustände, die wir für "normal" halten - die Bevorzugung der Ehe, des männlichen Körpers in der Medizin oder den Kanon klassischer Kultur - historisch gewachsen sind. Und dass unsere Welt eine ganz andere sein könnte.

Emilia Roig, "Why We Matter - Das Ende der Unterdrückung", Aufbau Verlag

Wolfgang Seibel

Stanislaw Assajew: "In Isolation"

Der Krieg in der Ostukraine war weitgehend aus den Medien verschwunden, bis er durch die Zusammenziehung russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine wieder öffentliche Aufmerksamkeit bekam. Die NATO warnt Russland vor einer Eskalation. Eine Lösung aber ist nicht in Sicht. Verhandlungen zwischen Kiew, Moskau und Vertretern der EU brachten, sofern sie überhaupt zustande kamen, keine Ergebnisse, bestenfalls wurden vorübergehende Waffenstillstände ausgehandelt. Die Berichterstattung über die selbst erklärten, international aber nicht anerkannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk konzentrierte sich von Beginn des Konflikts im Frühjahr 2014 auf das Kampfgeschehen, über das Leben der Menschen gab es nur wenige fundierte Informationen. Eine wichtige Quelle für die Ukrainer war Stanislaw Assajew, ein studierter Philosoph und Religionswissenschaftler. Er stammt aus einer industriell geprägten Satellitenstadt von Donezk, und beschloss zu bleiben und das Geschehen zu dokumentieren.

Stanislaw Assajew, "In Isolation - Texte aus dem Donbass", Übersetzung von Claudia Dathe und Sofiya Onufriv, Edition FotoTapeta

Brigitte Voykowitsch

S. Dollinger: "Österreichisches Deutsch oder Deutsch in Österreich?"

Österreichisches Deutsch ist genauso gut wie Deutsches Deutsch, ist der Germanist Stefan Dollinger überzeugt. Warum die Österreicher dennoch einen Minderwertigkeitskomplex haben? Weil der Begriff Hochdeutsch verwirrend ist, steht er doch in erster Linie für den Gegensatz zu Niederdeutsch, in zweiter Linie aber für den Standard, also das richtige, das gute Deutsch, für die Hochsprache. Und da schwingt in Österreich immer etwas von Standard in Deutschland mit, ein Standard, der auch im Theater zu hören ist. Auch wenn viele deutsche Germanisten die Meinung vertreten, das in Österreich gesprochene Deutsch sei nur eine Varietät des Hochdeutschen, sieht das Stefan Dollinger ganz anders. So wie man von einem Kanadischen Englisch oder einem Jamaikanischen Englisch spreche, gibt es auch ein gleichwertiges Österreichisches Deutsch.

Stefan Dollinger, "Österreichisches Deutsch oder Deutsch in Österreich? - Identitäten im 21. Jahrhundert", New Academic Press

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Kai Lippens: "Das Herz kriegt keine Falten"

Wie schaut es eigentlich mit Liebe, Sex und Partnerschaft jenseits der 60 aus? Wer könnte das besser beantworten, als einer, der sich in diesem Altersabschnitt auf Partnersuche begeben hat? Der deutsche Journalist Kai Lippens hat über seine abenteuerlichen Erlebnisse inklusive aufregender Dates, zauberhafter Affären und herber Abfuhren ein erfrischend ehrliches Buch geschrieben. Neben tatsächlichen Begegnungen hat der dennoch zumeist zuversichtliche Liebesabenteurer mit vielen Gleichgesinnten gesprochen. Darunter viele Frauen, die auf der Suche sind und über "komische" Männer schimpfen, aber auch Therapeuten und Psychologen. Immer wieder tauchen dieselben Fragen auf: Kann man sich im Alter überhaupt noch richtig verlieben? Ist es zu spät für einen Neuanfang? Warum tut man sich im "Spätmittelalter" des Lebens so schwer mit dem ganzen Liebeskram?

Kai Lippens, "Das Herz kriegt keine Falten - Über die abenteuerliche Partnersuche in der zweiten Lebenshälfte", Rowohlt Verlag

Ivo Kaufmann

Krankenschwester

APA/HELMUT FOHRINGER

David Goodhart: "Kopf, Hand, Herz"

Alle Macht den renditegierigen Wertpapierjongleuren - und den akademisch Gebildeten: So könnte man die real existierenden Machtverhältnisse im Finanzkapitalismus des frühen 21. Jahrhunderts beschreiben. Der britische Autor David Goodhart - viele Jahre lang Journalist bei der "Financial Times" - tut das auch. Aber: So kann es nicht weitergehen, findet er. In seinem Buch "Kopf, Hand, Herz - Das neue Ringen um Status" fordert der gelernte Politikwissenschaftler eine neue Wertschätzung für soziale Berufe und das gute alte Handwerk.

David Goodhart, "Kopf, Hand, Herz - Das neue Ringen um Status: Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“, aus dem Englischen von Jürgen Neubauer", Penguin

Maicke Mackerodt

James Suzman: "Sie nannten es Arbeit"

Ich arbeite, also bin ich. Das ist die Losung, nach der Millionen Menschen ihr Leben gestalten. Warum ist das so? Warum genießt die Arbeit, warum genießt auch die Überarbeitung in den westlichen Wohlstandsesellschaften ein so hohes Prestige? Und muss das so sein? Diese Fragen stellt sich der Cambridge-Anthropologe James Suzman in seinem Buch "Sie nannten es Arbeit - Eine andere Geschichte der Menschheit". Der gebürtige Südafrikaner James Suzman spannt einen faszinierenden Bogen von unserer Gegenwart bis zu den frühesten menschlichen Gemeinschaften. Seine These: Unsere Vorfahren, die ihren Lebensunterhalt als Jäger und Sammler bestritten, hatten ein wesentlich glücklicheres Leben als wir. Nur etwa 15 Stunden in der Woche verbrachten Erwachsene damals mit Arbeit, den Rest der Zeit nutzten sie, um sich zu regenerieren, um Hobbies zu pflegen und für das soziale Miteinander. Davon können wir heute nur träumen.

James Suzman, "Sie nannten es Arbeit - Eine andere Geschichte der Menschheit", aus dem Englischen von Karl-Heinz Siber, C. H. Beck

Holger Heimann

Paul Lendvai: "Orbáns Ungarn"

91 und kein bisschen leise. Der Publizist und Journalist Paul Lendvai vibriert auch als Angehöriger der 90-plus-Generation noch vor Analyselust und kritischem Aplomb. In seinem Buch "Orbáns Ungarn" - soeben in einer aktualisierten Neuauflage erschienen - schreitet der gebürtige Budapester zu einer Abrechnung mit dem durch und durch korrupten Staat, den der Puszta-Populist Viktor Orbán in den letzten Jahren aufgebaut hat. Der Ministerpräsident und seine Kumpels - zwei bis drei Dutzend Männer, von denen sich viele seit Jugendtagen kennen - haben sich die ungarische Republik in Lendvais Sicht der Dinge mit Geschick und einer guten Portion Skrupellosigkeit unter den Nagel gerissen. Viktor Orbán ist es, im Verein mit einer hochangesehenen Bande von Korruptionisten, gelungen, das "Reich der Magyaren" in ein Paradies der krummen Deals zu verwandeln. Dazu kommt ein deutlicher Zug zum Autoritären, der für die nähere oder mittlere Zukunft Schlimmes befürchten lässt.

Paul Lendvai, "Orbáns Ungarn", Kremayr & Scheriau

"Kontext"-Studiogespräch mit Günter Kaindlstorfer

Francesca Buoninconti: "Grenzenlos"

Singdrossel, Hausrotschwanz und Weißstorch: Die Rückkehr der Zugvögel aus ihren Winterquartieren kündet auch dieser Tage wieder vom Frühlingsbeginn. Doch nicht nur Vögel legen alljährlich tausende Kilometer zurück, auch Meeres-, Land- und Flugsäugetiere, Fische, Amphibien, Reptilien und sogar Insekten wandern über unseren Planeten. Die italienische Biologin Francesca Buoninconti gibt in ihrem Buch "Grenzenlos - Die erstaunlichsten Wanderungen der Tiere" einen Überblick über Reiserouten, Beweggründe und Navigationssysteme der tierischen Migranten.

Francesca Buoninconti, "Grenzenlos - Die erstaunlichen Wanderungen der Tiere", aus dem Italienischen von Werner Menapace, Folio

Sophie Menasse

Glasfaserkabel

DPA/DANIEL REINHARDT

Robert Jacobi: "Reboot"

Corona und kein Ende - eine Never-Ending-Story, wie es scheint. Aber: Auch diese Pandemie wird zu Ende gehen, wie alle Pandemien zuvor. Und dann gilt es, die Systeme auf innovative Weise wieder hochzufahren - vor allem durch die Superkräfte der Digitalisierung. Das meint der Münchner Digitalunternehmer Robert Jacobi, ein umtriebiger Mittvierziger, der in früheren Jahren als Journalist, unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung" , gearbeitet hat. In seinem Buch "Reboot" - auf Deutsch: Neustart - präsentiert der 44-Jährige seine Vorstellungen.

Robert Jacobi, "Reboot - Der Code für eine widerstandsfähige Wirtschaft, Politik und Gesellschaft", Murmann

Wolfgang Seibel

Helge-Ulrike Hyams: "Denk ich an Moria"

Moria und Kara Tepe, die berüchtigten Flüchtlingslager auf Lesbos, gelten vielen als Schandflecke Europas. Tausende und abertausende Menschen müssen dort in Schlamm und Dreck und ohne Zukunftsperspektiven leben - und überleben. Die deutsche Psychoanalytikerin und Pädagogin Helge-Ulrike Hyams hat den Winter 2019/20 im Osten von Lesbos verbracht - und ein beklemmendes Buch über ihre Erfahrungen in Moria geschrieben.

Helge-Ulrike Hyams, "Denk ich an Moria - Ein Winter auf Lesbos", Berenberg

Sophie Menasse

Michaela Lindinger: "Rote Erzherzogin"

Sie ist eine der faszinierendsten Frauen der österreichischen Geschichte - und eine der unbekanntesten: Elisabeth Marie von Österreich, verehelichte Petznek, die einzige Tochter des Kronprinzen Rudolf. Weil sich die abtrünnige Habsburgerin während des Ersten Weltkriegs der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutsch-Österreichs anschloss und mit Genossen wie Julius Deutsch, Theodor Körner und später auch Bruno Kreisky befreundet war, wurde Elisabeth Marie auch als "Rote Erzherzogin" apostrophiert. Die Wiener Historikerin Elisabeth Lindinger widmet dieser originellen Persönlichkeit, die sich neben dem Sozialismus auch für den Spiritismus begeisterte nun eine lesenswerte Biografie.

Michaela Lindinger, "Rote Erzherzogin - Spiritistin - Skandalprinzessin", Molden

"Kontext"-Studiogespräch mit Günter Kaindlstorfer

Alexia Weiss, "Jude ist kein Schimpfwort"

Es ist im Jahr 2021 immer noch eine gewisse Herausforderung, als Jüdin oder Jude in Österreich zu leben. "Zwischen Umarmung und Ablehnung" changiere die Haltung der Mehrheitsgesellschaft, diagnostiziert die Wiener Journalistin und Autorin Alexia Weiss im Untertitel ihres aktuellen Buchs. Weiss beschreibt die Lebenswirklichkeit der jüdischen Gemeinden in all ihren Facetten, taucht aber auch tief in die Vergangenheit ein, um die Ursachen des Antisemitismus offen zu legen - bis hin zur ersten Judenvertreibung im Jahre 1420 am Wiener Judenplatz.

Alexia Weiss, "Jude ist kein Schimpfwort - Zwischen Umarmung und Ablehnung. Jüdisches Leben in Österreich", Kremayr & Scheriau

Alexander Musik

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