Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Bruce Schoenfeld, "Althea Gibson"

Der Name Althea Gibson wird den wenigsten etwas sagen. Dabei war Althea Gibson eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen ihrer Zeit. In den 1950er Jahren. Der Tennissport war da noch Amateuren vorbehalten, anstelle von Preisgeldern gab es Unterkunft und Verpflegung gratis. Die Leistungen von Althea Gibson gerieten über die Jahre in Vergessenheit. Vielleicht auch, weil Althea Gibson Afroamerikanerin ist? Der amerikanische Sportjournalist Bruce Schoenfeld hat jedenfalls den steinigen Werdegang von Althea Gibson aufgearbeitet.

Bruce Schoenfeld, "Althea Gibson - Gegen alle Widerstände. Die Geschichte einer vergessenen Heldin", Übersetzung von Elisabeth Schmalen, Verlag Harper Collins

Madeleine Amberger

Dietmar Süß/Cornelius Torp: "Solidarität"

Altbekannte Streifragen gewinnen unter den Bedingungen einer Pandemie, die alle betrifft und deshalb das Problembewusstsein schärft, an neuer Dringlichkeit: Wer darf Solidarität erwarten? Wie werden Lasten verteilt? Was meint solidarisches Handeln überhaupt? Antworten versprechen Dietmar Süß und Cornelius Torp, sie sind Spezialisten für neuere und neueste Geschichte, der eine ist Professor in Augsburg, der andere in Bremen. Sie haben ich mit der Entstehung sozialer Bewegungen und mit der Globalisierung beschäftigt, zum Wohlfahrtsstaat und zu sozialer Ungleichheit geforscht. Nun haben sie sich für ein Buch zusammengetan, das die Gelegenheit bietet, diese unterschiedlichen Themenfelder zusammenzuführen.

Dietmar Süß und Cornelius Torp, "Solidarität - Vom 19. Jahrhundert bis zur Corona-Krise", Dietz Verlag

Holger Heimann

Manfried Rauchensteiner: Österreich seit 1918

Vor 100 Jahren trugen in Österreich viele Menschen Waffen, schlossen sich zu paramilitärischen Verbänden zusammen und misstrauten einander zutiefst. Der Historiker Manfried Rauchensteiner spricht von "Versäulung" der Gesellschaft in der Ersten Republik. Der Moment der Selbstauflösung Österreichs schien zum Greifen nahe - und da wollte man gerüstet sein. Nach 1945 wurde Österreich aus der Verlegenheit, als die es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs vielfach empfunden wurde, zu einem Stabilitätsfaktor. Eines aber blieb für den Historiker gleich: Immer, wenn sich in Österreich etwas tat, und auch wenn sich nichts tat, stand das Land unter Beobachtung.

Manfried Rauchensteiner, "Unter Beobachtung - Österreich seit 1918", Böhlau Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Stefan Buijsman: "Ada und die Algorithmen"

Gesichtserkennung, selbstfahrende Autos, Tinder-Matches. Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr bloße Zukunftsmusik. Selbstlernende Algorithmen und neuronale Netze durchdringen längst unseren Lebensalltag: sie schreiben vollautomatisiert einfache Zeitungsartikel, entscheiden, wer online welche Werbung zu sehen bekommt und bestimmen in den USA sogar schon über Bewährung beziehungsweise Strafausmaß bei Rechtsvergehen. Doch wie funktioniert die Technik, die hinter all dem steckt? Und wird sie uns an Intelligenz womöglich bald überflügeln? Das mathematische Wunderkind Stefan Buijsman kennt hat Antworten auf diese Fragen.

Stefan Buijsman, "Ada und die Algorithmen - Wahre Geschichten aus der Welt der künstlichen Intelligenz", C. H. Beck

Sophie Menasse

Was leistet die Gesellschaftstheorie?

Die beiden Kultur- und Gesellschaftstheoretiker Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa gehören zu den prominentesten "Public Intellectuals" des deutschen Sprachraums - und weit darüber hinaus. Der eine, Reckwitz, hat mit seinem vieldiskutierten Werk "Die Gesellschaft der Singularitäten" eines der einflussreichsten politischen Bücher der vergangenen Jahre geschrieben. Der andere, Hartmut Rosa, zählt mit seinen Studien über die Beschleunigungsprozesse in der modernen Gesellschaft zu den einflussreichsten Analytikern unserer sozialen Wirklichkeit.

Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa, "Spätmoderne in der Krise - Was leistet die Gesellschaftstheorie?", Suhrkamp

Günter Kaindlstofer

Umberto Eco: "Verschwörungen"

Seit der Corona-Pandemie sind sie mit einer Vehemenz im Umlauf, wie man es zuvor nicht für möglich gehalten hätte: Die Verschwörungstheorien. Man mag rätseln, ob sie immer dann Konjunktur haben, wenn die Menschheit von kaum erklärbaren oder kaum beherrschbaren Ereignissen heimgesucht wird, oder ob Internet und soziale Medien den Boden für allerlei Behauptungen und unbewiesene Thesen bereitet haben. Verschwörungstheorien hat es allerdings zu allen Zeiten gegeben. Das meinte jedenfalls der italienische Schriftsteller Umberto Eco. Drei Texte des 2016 verstorbenen Semiotikers wurden nun posthum in einem Buch versammelt.

Umberto Eco, "Verschwörungen - Eine Suche nach Mustern", übersetzt aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Martina Kempter, Hanser

Stefan May

Hannes Androsch: "Digitalisierung verstehen"

Wenn sich die Kunden in digitaler Hinsicht schneller als die Betriebe entwickeln, dann werden auch treueste Stammkunden per Mausklick bald über alle Berge sein. Diese Überzeugung vertritt der ehemalige Politiker und nunmehrige Industrielle Hannes Androsch. Der Unternehmer drängt zwar auf einen raschen Wandel, markiert aber auch klar die Stolpersteine im Digitalisierungsprozess: Mangelnde Absicherung im Internet der Dinge, falscher Einsatz von künstlicher Intelligenz und ein Überwachungskapitalismus, der die Kunden zum Produkt ihrer Datensätze macht. Abstiegs- Verdrängungs- und Zukunftsängsten müsse man zudem mit einer sozialen Abfederung des digitalen Wandels begegnen.

Hannes Androsch, "Digitalisierung verstehen - Was wir über Arbeit, Bildung und die Gesellschaft der Zukunft wissen müssen", in Zusammenarbeit mit Marie-Theres Ehrendorff, Brandstätter

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Uli Kunz: "Leidenschaft Ozean"

Uli Kunz taucht mit Haien und Belugawalen, im offenen Ozean, unter dickem Eis, in finsteren Höhlen. Der Kieler Meeresbiologe und Forschungstaucher ist ein Bild-Jäger. Seine Leidenschaft lässt den Unterwasserfotografen seit über 20 Jahren weder vor eisiger Kälte noch vor völliger Dunkelheit zurückschrecken. Von wissenschaftlichen Expeditionen, die der Terra-X-Experte seit vielen Jahren rund um die Welt begleitet, bringt er einzigartige Bilder mit, die die verborgene Unterwasserwelt sichtbar machen: von der Nordsee, unter dem Eis vor Grönland und Norwegen oder vom Pazifik bis zu den Azoren.

Uli Kunz, "Leidenschaft Ozean - Expeditionen in die Tiefe", Bildband, Knesebeck

Maicke Mackerodt

Regenwald Ecuador

ORF/EDGAR SCHÜTZ

Thomas Fischermann: "Der Sohn des Schamanen"

Vor sieben Jahren besuchte Thomas Fischermann zum ersten Mal ein besonders bedrohtes Amazonasvolk. Der "Zeit"-Autor berichtete über die gewaltsamen Konflikte zwischen weißen Baumfällern und dem Volk der Tenharim. Aus den zahlreichen Treffen mit einem jungen Indianerkrieger entstand 2018 das Buch "Der letzte Herr des Waldes", das den Widerstandskampf des indigenen Kriegers dokumentiert. Danach besuchte Fischermann einen weiteren sehr entlegenen Ort im nordwestlichen Amazonasgebiet, diesmal an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien. Dort trotzt der Clan der Huhuteni vom Volk der Baniwa nicht nur der fortschreitenden Zerstörung des Regenwaldes, ihre Schamanen haben sich zudem einen außergewöhnlichen Ruf erarbeitet: Sie sind bekannt für spektakuläre Heilerfolge und es heißt, dass sie ihre Feinde mit bloßer Gedankenkraft töten können. Thomas Fischermann hat Alberto da Silva, den Sohn eines Schamanen, mehrere Wochen begleitet, an Festen und Ritualen teilgenommen und sich immer wieder die Frage gestellt, ob diese alte Kultur eine Chance hat gegen den Vormarsch der modernen Welt.

Thomas Fischermann, "Der Sohn des Schamanen - Die letzten Zauberer am Amazonas kämpfen um das magische Erbe ihrer Welt", Heyne Verlag

Maicke Mackerodt

Alexander Bartl: "Walzer in Zeiten der Cholera"

Für die Wienerinnen und Wiener war das Jahr 1873 mehr als ereignisreich: Am 1. Mai wurde die Weltausstellung im Prater eröffnet, wenige Tage später kollabierte am "Schwarzen Freitag" die Börse, was eine Weltwirtschaftskrise und große Depression zur Folge hatte. Zur selben Zeit hatte die Cholera-Pandemie Wien erreicht und forderte schon bald erste Todesopfer. All das findet man in Alexander Bartls Buch, doch im Mittelpunkt seiner Recherche steht eine andere Errungenschaft: der Bau der ersten Wiener Hochquellwasserleitung. Wegen des Vormarschs der Cholera wurde dieser Bau zu einem Wettlauf gegen die Zeit, aber auch gegen die Industrie und gegen Verschwörungstheoretiker, die wissenschaftliche Erkenntnisse zur Verbreitung von Krankheiten ablehnten. Ein erstaunlich aktuelles Buch.

Alexander Bartl, "Walzer in Zeiten der Cholera - Eine Seuche verändert die Welt", Harper Collins

Marlene Nowotny

Marc H. Hall: Gegen die Klimakatastrophe

Die Erderwärmung macht sich immer deutlicher bemerkbar. Gletscher schmelzen ab, Permafrostböden tauen auf, Extremwetterlagen nehmen zu. Schuld daran ist der viel zu hohe CO2-Ausstoß, vorrangig verursacht durch die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle, Öl und Erdgas. Der Kampf zur Rettung des Klimas wird im Energiesektor gewonnen - oder dort verloren, ist Marc Hall überzeugt. Er hat viele Jahre als Topmanager im Energiesektor gearbeitet. Bis 2030 völlig auf fossile Brennstoffe zu verzichten erscheint ihm unrealistisch, auch angesichts der Tatsache, dass das vielversprechende Großprojekt desertec, eine riesige Solaranlage in der Sahara, wieder aufgegeben wurde. Es wird länger dauern, um völlig auf erneuerbare Energien umzusteigen, ist er überzeugt. Bis dahin muss man alles daransetzen, die vorhandenen Technologien sauberer und effizienter zu machen.

Marc H. Hall, "Mutig, aber realistisch gegen die Klimakatastrophe", eine Streitschrift, Leykam Verlag

Studiogespräch: Wolfgang Ritsch

Martina Winkelhofer: "Sisis Weg"

Thomas Brezina wird Sisi als Detektivin am Kaiserhof ermitteln lassen, Netflix plant eine sechsteilige Serie mit dem Arbeitstitel "The Empress", und dann gibt es noch die Filmproduktion "Sisi und ich" unter der Regie von Frauke Finsterwald. Zu den zahlreichen Sisi-Büchern gesellt sich nun ein weiteres, geschrieben von der Wiener Historikerin Martina Winkelhofer. Braucht es nach so vielen Sisi-Publikationen, Sisi-Dokus und Sisi-Filmen noch eine weitere Veröffentlichung? Durchaus, denn die Autorin hat ihren eigenen Blick auf das Leben der österreichischen Kaiserin: Sisi war auf dem Weg zu einer emanzipierten Frau - und Kaiser Franz Joseph benahm sich geradezu wie ein "moderner Mann".

Martina Winkelhofer, "Sisis Weg: Vom Mädchen zur Frau - Kaiserin Elisabeths erste Jahre am Wiener Hof", Piper Verlag

Andreas Puff-Trojan

Buchcover: Silhouette eines Jungen vor einer Lehmwand

SIEDLER

Bartholomäus Grill, "Afrika!"

Wenige Journalisten haben sich so lange in einer Weltregion aufgehalten wie Bartholomäus Grill. Seit knapp drei Jahrzehnten berichtet er für österreichische und deutsche Medien aus Afrika und hat bereits mehrere Bücher über diesen Kontinent verfasst. "Afrika! Rückblick in die Zukunft eines Kontinents" nennt sich sein neuestes Werk. Darin zieht er Bilanz über die Entwicklungen in Afrika und stellt Überlegungen über aktuelle Tendenzen sowie über mögliche Zukunftsszenarien an. Er reflektiert aber auch die eigene Tätigkeit und die Möglichkeiten, ein komplexeres Bild von einem Kontinent zu vermitteln, über den unzählige allzu simple Vorstellungen und Klischees kursieren.

Bartholomäus Grill, "Afrika! - Rückblicke in die Zukunft eines Kontinents", Bildband, Siedler Verlag

Brigitte Voykowitsch

Niall Ferguson: "Doom"

Niall Ferguson forscht an der Hoover Institution, einem konservativen Think Tank an der Eliteuniversität Stanford. Zuvor war er Professor für Geschichte in Harvard, an der New York City Universität und in Oxford. Im Jahr 2004 zählte das "Time Magazine" ihn zu den 100 einflussreichsten Personen weltweit. Der in Schottland geborene Finanzhistoriker ist ein Mann der großen Bühnen. Ob in Davos, wo er letztes Jahr die Kanzlerschaft Angela Merkels als Totalausfall bezeichnete, oder mit seinen Doku-Serien im Fernsehen. "Doom" lässt sich mit Verhängnis oder Untergang übersetzen. Niall Ferguson hat sich nun historische Verhängnisse vorgenommen, um künftigen Verhängnissen besser begegnen zu können.

Niall Ferguson, "Doom - Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft", Übersetzung von Jürgen Neubauer, DVA

Brigitte Neumann

Gerd Gigerenzer: "Klick!"

Wie viele Fünf-Sterne-Beurteilungen eines Produktes, für das wir uns interessieren, sind gekauft? Sollen wir einem geheimen Algorithmus die Entscheidung überlassen, wer für einen Job, einen Kredit oder Haftentlassung in Frage kommt? Und sollen wir einer Person vertrauen, die wir nur durch Online-Dating kennen gelernt haben? Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer ist verblüfft, wie weit verbreitet das bedingungslose Vertrauen in komplexe Algorithmen zu sein scheint. Er verwehrt sich dagegen, der Technologie blind zu vertrauen, ist aber auch dagegen, ihr ängstlich zu misstrauen.

Gerd Gigerenzer, "Klick! - Wie wir in einer digitalen Welt die Kontrolle behalten und die richtigen Entscheidungen treffen", C. Bertelsmann Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Hechenblaikner/Kühbacher: "Keine Ostergrüße mehr!"

Die Schweiz kennen wir als ein Land, in dem es Schokolade, Käse, Uhren und hohe Berge gibt. Wilhelm Tell, Schweizermesser, Cern. Das wars dann meist auch schon. Von der Geschichte der Schweiz ist hierzulande nicht besonders viel bekannt. Das will der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner, der im Vorjahr mit seinem Fotobuch über Ischgl den alpinen Tourismus und dessen Auswüchse recht anschaulich dokumentiert hat, nun als Herausgeber ändern. Anhand von Dutzenden Karteikarten aus rund vier Jahrzehnten eines Schweizer Grand Hotels erzählt er von Gästen und Vorlieben, von Ressentiments und Vorurteilen. Und berührt einen wunden Punkt: den Antisemitismus in der Schweiz.

Lois Hechenblaikner und Andrea Kühbacher, "Keine Ostergrüße mehr! - Die geheime Gästekartei des Grand Hotel Waldhaus in Vulpera", Edition Patrick Frey

Uli Jürgens

Ein Mann mit Einkaufstaschen

APA/AFP/DPA/SEBASTIAN KAHNERT

J. B. MacKinnon: "Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen"

Keine weitere Pfanne, nicht noch eine Hose und auch kein neues Sofa mehr. Ist das unvorstellbar? Vielleicht, aber möglich wäre es schon. Dann wird halt mehr repariert. Aber nicht einmal die Lockdowns haben uns vom Shoppen abgehalten. Haben wir halt online bestellet, wenn die Geschäfte zu waren. Gänzlich mit dem Shoppen aufzuhören ist immer noch eine Utopie. Der kanadische Umweltjournalist J. B. MacKinnon hat sie durchgespielt - seine Beweggründe erklärt er im Interview.

J. B. MacKinnon, "Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen - Wie ein Ende der Konsumkultur uns selbst und die Welt rettet", Übersetzung von Stephan Gebauer, Penguin Verlag

Madeleine Amberger

Elizabeth Kolbert: "Wir Klimawandler"

Von der versinkenden Stadt New Orleans, über eine eingeschleppte Riesenkröten-Art, die sich in Australien ausbreitet, bis hin zu Versuchen, die Sonneneinstrahlung auf die Erde zu vermindern: Die Journalistin und Autorin Elizabeth Kolbert hat Orte besucht, an denen das natürliche Gleichgewicht aus der Balance geraten ist und wo nun versucht wird, gegenzusteuern. Und zwar mit neuen, oft noch nicht erprobten Technologien. Auf diese wird ja gerne verwiesen, wenn Umweltschützer beklagen, dass die Emissionen viel zu langsam sinken oder gar weiter steigen. Wir sollen uns keine Sorgen machen, die Technik wird es schon richten. Elizabeth Kolberts ist diesbezüglich nicht allzu zuversichtlich.

Elizabeth Kolbert, "Wir Klimawandler - Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft", aus dem Englischen von Ulrike Bischoff, Suhrkamp Verlag

Birgit Dalheimer

Fritz Jergitsch: "Die Geister, die ich teilte"

Soziale Medien leben davon, dass wir uns aufregen. Denn das erhöht die Verweildauer auf der jeweiligen Plattform und erlaubt den Unternehmen dahinter, uns noch etwas mehr Werbung vorzusetzen. Denn das ist es, wovon die sozialen Medien leben: von Werbung. Der Algorithmus, der den Newsfeed maßgeschneidert auf unsere Interessen hin zusammenstellt, präsentiert uns zuvorderst, worauf andere emotional regiert haben. Positiv oder negativ, im Idealfall beides. Langfristig führt dies zu Lagerbildung und Konfrontation, gut zu sehen war dies am 6. Jänner bei der Erstürmung des Kapitols durch aufgehetzte Trump-Anhänger. Soziale Medien bedrohen unsere Freiheit, ist Fritz Jergitsch überzeugt. Die Mechanismen der sozialen Medien kennt Fritz Jergitsch sehr gut, hat er doch den Satireblog "Die Tagespresse" gegründet und verfasst laufend viral gehende Fake News - allerdings im Dienste der Satire und nicht der Aufhetzung.

Fritz Jergitsch, "Die Geister, die ich teilte - Wie soziale Medien unsere Freiheit bedrohen", Residenz Verlag

Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Benedicte Savoy: "Afrikas Kampf um seine Kunst"

Nach dem Überfall der Briten auf Benin City 1897 wurden Kulturgüter aus Benin außer Landes gebracht und später auf dem Londoner Kunstmarkt angeboten wurden - ein Fall von Raubkunst also; viele Objekte in europäischen Museen wurden nur unzulänglich aufbewahrt, Objektlisten mit Herkunftsangaben fehlten oftmals und waren auch gar nicht erwünscht, da sonst "Begehrlichkeiten" geweckt werden könnten. Kunsthandel und westliche Museen lehnten eine Rückgabe strikt ab. Ihre Begründung: der vermeintlich "katastrophale" Zustand vieler afrikanischer Institutionen und das angeblich geringe Wissen der Afrikaner um den tatsächlichen Wert der Objekte und ihre Unfähigkeit, die eigene Geschichte angemessen zu bewahren und zu präsentieren. Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin und am Collège de France in Paris, beschreibt Afrikas Kampf um seine Kunst als Geschichte einer postkolonialen Niederlage.

Benedicte Savoy, "Afrikas Kampf um seine Kunst - Geschichte einer postkolonialen Niederlage", C. H. Beck Verlag

Wolfgang Seibel

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