Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Bausewein/Simader: "99 Fragen an den Tod"

Normalerweise denken wir kaum an den Tod. 2020 ist das dank Corona anders. Da haben wir noch oder gerade wieder die Bilder von LKW vor Augen, die im Dunkel der Nacht stapelweise Särge aus Spitälern abtransportierten. Vielen wurde da klar, dass man dann, wenn man schwer erkrankt, keine Zeit mehr hat, seine Dinge zu regeln. So unangenehm es sein mag, aber Vorbereitung hilft. Claudia Bausewein und Rainer Simader liefern in ihrem Leitfaden für ein gutes Lebensende eine Fülle von Empfehlungen, Hinweisen und Anregungen, aber keine Patentlösungen. Menschen sind verschieden und reagieren unterschiedlich auf die Gewissheit des nahen Endes. Knapp, informativ und unsentimental, in allgemein verständlicher Sprache und mit Fallbeispielen aus der eigenen Praxis klären Claudia Bausewein und Rainer Simader darüber auf, "was beim Sterben passiert" und was man konkret tun kann - sei es, wenn es um das eigene Ende geht oder um das eines Menschen, den man auf seinem letzten Weg begleitet.

Claudia Bausewein und Rainer Simader, "99 Fragen an den Tod - Leitfaden für ein gutes Lebensende", Droemer Verlag

Wolfgang Seibel

Joni Seager: "Der Frauenatlas"

Etwa zwölf Prozent der verheirateten oder in Beziehung lebenden Frauen weltweit würden das Kinderkriegen gerne aufschieben oder stoppen, sie haben aber keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. Das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung sei das A und O für die Autonomie von Frauen, sagt die feministische Geografin Jodi Seager. In einem "Frauenatlas", den sie bereits zum fünften Mal herausgibt, hat sie unter anderem Informationen und Daten zu Verhütungsmöglichkeiten und Abtreibungsraten weltweit erfasst: Ihr Atlas zum Verständnis von Ungleichheit kartografiert die Lebensbedingungen von Frauen weltweit und zwar in einem breit angelegten Spektrum und mit erstaunlichen Details.

Joni Seager, "Der Frauenatlas - Ungleichheit verstehen. 164 Infografiken und Karten", Übersetzung von Renate Weitbrecht und Gabriele Würdinger, Hanser Verlag

Andrea Roedig

Oliver Rathkolb: "Schirach"

Mit der Hitlerjugend wollte der gerade einmal 24-jährige Baldur von Schirach die größte Jugendbewegung der Welt schaffen. Mit 33 wurde Baldur von Schirach als Gauleiter und Reichsstatthalter nach Wien entsandt. Er sollte sich später rühmen, Wien judenfrei gemacht zu haben. Im Anschluss daran wollte er Wien auch noch tschechenfrei machen. Der Historiker Oliver Rathkolb betont, dass Baldur von Schirachs gut ausgestattete Kulturpolitik, die auf eine Monarchie-Nostalgie ohne Monarchie setzte, ihre Wirkung noch in der Nachkriegszeit entfaltete und zu einem guten Teil verhinderte, sich mit dem österreichischen Anteil an Nationalsozialismus und Holocaust auseinanderzusetzen. Erstaunlich, dass dies die erste ernst zu nehmende Biografie des einstigen Kronprinzen des Dritten Reichs ist.

Oliver Rathkolb, "Schirach - Eine Generation zwischen Goethe und Hitler", Molden Verlag

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

J. H. Claussen: "Die seltsamsten Orte der Religionen"

Vom Gottesdienst für Motorradfahrer bis zum japanischen "Tempel des unendlichen Grüns"; vom Sakralbau eines spanischen Eigenbrötlers bis zu geteilten Gotteshäusern in Hebron - die Sammlung von kuriosen religiösen Stätten zeigt vor allem, dass Religionen ohne ihre dazugehörigen Orte und Landschaften kaum vorstellbar sind: die Steine, die vom Himmel gefallen sind; die Gipfel, wo die Götter wohnen oder die Quellen und Flüsse mit dem gesegneten Wasser - diese Orte sind tatsächlich oft "seltsam", aber ihrem speziellen Zauber können sich auch Nicht- oder Andersgläubige selten entziehen. Als "Freak Show" will Johann Hinrich Claussen sein Buch aber keinesfalls verstanden wissen. Vielmehr möchte er für Verständnis und Respekt für das Fremde und Unverständliche werben.

Johann Hinrich Claussen, "Die seltsamsten Orte der Religionen - Von versteckten Kirchen, magischen Bäumen und verbotenen Schreinen", C. H. Beck Verlag

Ivo Kaufmann

Krankenschwester mit Mundschutz

APA/AFP/JOHANNES EISELE

Timothy Snyder, "Die amerikanische Krankheit"

Der Beginn des Lebens in den USA ist beängstigend und ungewiss. Schwarze Frauen sterben oft bei der Geburt. Die Sterblichkeitsrate von Babys, die von afroamerikanischen Frauen geboren werden, ist höher als in Albanien, Kasachstan, China und etwa siebzig anderen Ländern. Aber auch bei der Lebenserwartung hapert es. Nun ist es nicht so, meint Synder, dass andere Länder über mehr Wissen oder bessere Ärzte verfügen, aber sie haben ein besseres Gesundheitssystem. Wie es um das amerikanische steht, das beschreibt er nun anhand seiner eigenen Krankengeschichte.

Timothy Snyder, "Die amerikanische Krankheit - Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital", Übersetzung von Andreas Wirtensohn, C. H. Beck Verlag

Madeleine Amberger

"Karl V." zwei neue Biografien

Auf dem Höhepunkt seiner Macht herrschte Karl V. über ein Reich, "in dem die Sonne nie untergeht". Der Habsburger Karl war Herzog der burgundischen Niederlande, war Erzherzog von Österreich, König von Spanien, König von Italien, Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und Kolonialherrscher über Mexiko, Venezuela, Peru und Panama. Am 23. Oktober 1520 wurde er zum Römischen Kaiser gekrönt. Zum 500. Jahrestag dieses Ereignisses beleuchten Heinz Schilling und Geoffrey Parker das Leben von Karl V. im Lichte neuester Erkenntnisse. Es lässt sich aber keineswegs entscheiden, welche der beiden Biografien vorzuziehen sei. Beide sind umfangreich, sehr detailgenau und beide Historiker beherrschen die Kunst des Schreibens.

Heinz Schilling. "Karl V. - Der Kaiser, dem die Welt zerbrach", C. H. Beck Verlag

Geoffrey Parker, " Der Kaiser - Die vielen Gesichter Karls V.", Übersetzung von Thomas Bertram und Tobias Gabel, wbg Theiss Verlag

Andreas Puff-Trojan

E. Tálos/H. Obinger, "Sozialstaat Österreich"

Das goldene Zeitalter des Sozialstaats ist vorbei, etwa seit Mitte der 1980er Jahre. In der Corona-Krise zeigt sich: Er ist immer noch leistungsfähig, aber es besteht Verbesserungspotenzial im Hinblick auf Effektivität und Effizienz - so lautet das Resümee des Politologen Emmerich Tálos in einer Studie über den österreichischen Sozialstaat von 1945 bis heute. Nachdem Österreich im internationalen Vergleich überproportional viel Geld für sozialpolitische Zwecke aufwendet, könnte der Sozialstaat nach Beendigung der Corona-Krise aber unter Druck kommen: Wenn für den Schuldenabbau eingespart werden muss.

"Emmerich Tálos und Herbert Obinger, "Sozialstaat Österreich - Entwicklungen-Maßnahmen-internationale Verortung", Studien Verlag, Studien Verlag

Wolfgang Ritschl im "Kontext"-Gespräch mit Emmerich Tálos

A. Fischer/B. Ritschel, "Alpengletscher"

In früheren Zeiten, so kann man es zahlreichen Alpensagen entnehmen, galt ein Vorrücken der Gletscher als Strafe Gottes. Unsittliches Leben oder auch das Singen von gotteslästerlichen Liedern konnte demnach dazu führen, dass Gletscher ganze Orte unter sich begruben. In Bittprozessionen versuchten Alpenbewohner, die Gletscher wieder zum Rückzug zu bewegen. "Die Wirkung stellte sich womöglich mit Verspätung ein", meint die Glaziologin Andrea Fischer. Gemeinsam mit dem Fotografen Bernd Ritschel legt sie einen Bildband vor, der kein Abgesang auf die Gletscher, sondern eine vielschichtige Annäherung an die alpinen Eiswelten ist.

Andrea Fischer und Bernd Ritschel, "Alpengletscher - Eine Hommage", Tyrolia Verlag

Sonja Prieth

Brennender Wald in Borneo

AP

Edward Posnett: "Die Kunst der Ernte"

Ausrottung, Übernutzung, Klimawandel: Allzu pfleglich geht die Menschheit mit den vorgefundenen Ressourcen nicht um. Wir werden in absehbarerer Zeit sogar unsere Lebensgrundlage vernichtet haben, sind einige Pessimisten überzeugt. Edward Posnett arbeitete im britischen Finanzsektor, als er von der isländischen Tradition der Eiderdaunen-Ernte erfuhr, einem Paradebeispiel einer nachhaltigen Beziehung zwischen Mensch und Natur. Jeden Sommer kehren Eiderenten an die isländische Küste zurück. Dort brüten diese beindruckenden Meerenten zu Tausenden. Sie polstern ihre Nester mit Brustfedern, die sie sich ausrupfen. Die isländischen Bauern beschützen die Vögel vor deren Feinden. Vor den Möwen, Adlern und Polarfüchsen. Von dieser Symbiose, die seit Jahrhunderten besteht, profitieren beide Seiten: Eiderenten können ihre Jungen ungestört großziehen. Und den Bauern bleiben, wenn die Küken einmal flügge und die Enten weitergezogen sind, die Flaumfedern. Eiderdaunen sind das begehrteste und teuerste Füllmaterial für Decken. Sie zeichnen sich durch ihre hohe Isolationsfähigkeit bei extrem geringem Gewicht aus. Davon müsste es sich doch mehr Beispiele geben, dachte sich der Rohstoff-Trader und machte sich auf die Suche.

Edward Posnett, "Die Kunst der Ernte - Sieben kleine Naturwunder und ihre Geschichten", Übersetzung von Sabine Hübner, Hanser Verlag

Madeleine Amberger

Gerald Knaus: "Welche Grenzen brauchen wir?"

In nur fünf Jahren sind im Mittelmeer 18.000 Männer, Frauen und Kinder ertrunken, weil es für sie nur einen illegalen Weg nach Europa gibt. Dazu kommen menschenunwürdige Zustände in Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln. Der Ökonom und Soziologe Gerald Knaus hat vor ein paar Jahren einen Verein gegründet, der Lösungen für die Flüchtlingsproblematik entwickelt. So ging auf ihn etwa das Abkommen der EU mit der Türkei zurück, das zu einer Entspannung der Situation führte. Was daran noch nicht funktioniert, warum Victor Orban der erste identitäre Ministerpräsidenten der EU ist, wie man mit Patenschaften Empathie nützen und wie man Abschiebungen menschlich organisieren könnte, das erläutert er in seinem Buch und in einem Studiogespräch.

Gerald Knaus, "Welche Grenzen brauchen wir? - Zwischen Empathie und Angst: Flucht, Migration und die Zukunft von Asyl", Piper

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

Ludwig Hirschfeld: "Wien"

Mit der Neuauflage eines Wien-Führers des Feuilletonisten Ludwig Hirschfeld lädt der Milena-Verlag zu einem kulturgeschichtlichen Ausflug in eine Vergangenheit ein, als die Donau-Monarchie bereits untergegangen war, sich im Alltag der einstigen Reichshauptstadt aber noch so manche alten Sitten und Gebräuche erhalten hatten. Ludwig Hirschfelds Wien-Buch ist keines jener Handbücher, die zunächst die Geschichte des Ortes beleuchten und dann alle bedeutenden Kirchen, Paläste und Museen detailreich beschreiben. Diese Aufgabe erfüllte im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Baedeker-Reihe, der damals unentbehrliche Begleiter aller kulturbeflissenen Reisenden. Ludwig Hirschfelds Wien-Buch erschien dagegen in einer Reihe mit dem Motto „Was nicht im Baedeker steht“. Es galt der Atmosphäre des Ortes, seiner Eigenheiten und Alltagsrituale, dem Charakter und den Launen der Bevölkerung.

Ludwig Hirschfeld, "Wien - Was nicht im Baedeker steht", Milena

Brigitte Voykowitsch

Buchausschnitt, Kopf einer Frau als Scherenschnitt

ECON VERLAG

Zak Dychtwald: "Young China"

Die chinesische Führung hält sich nicht an Abkommen und greift in Hongkong durch, geht rigoros gegen die muslimische Minderheit der Uiguren vor und hat einen immer engmaschiger werdenden Überwachungsstaat errichtet. So weit die gängigen Themen in der Berichterstattung über das kommunistische Riesenreich, zu denen sich dann vielleicht noch die Frage nach militärischen Expansionsgelüsten gesellt. Der in den USA geborene Zak Dychtwald geht die China-Frage anders an. Sein Fokus liegt auf den jungen Menschen, auf den chinesischen Millenials. Und die sind ganz anders ausgebildet und anders aufgewachsen als die regierenden Parteikader. Es ist die erste Generation Chinas, für die es Begriffe wie Freizeit und Selbstverwirklichung gibt.

Zak Dychtwald, "Young China - Wie eine neue chinesische Generation ihr Land und die ganze Welt verändert", Übersetzung von Stephan Gebauer, Econ Verlag

Madeleine Amberger

K. Brinkbäumer/St. Lamby: "Im Wahn"

Donald Trump hat es mit seinem erratischen Verhalten geschafft, dass man sich mit den USA nicht beschäftigen kann, ohne auf seine Art und Weise des Regierens zu reagieren. So kommt auch dieses Buch nicht ohne Trump-Analyse aus. Aber die Stärke des Buchs von Klaus Birkbäumer und Stephan Lamby liegt in den Rückblicken auf die amerikanische Geschichte. Sie erzählen von Henry Kissinger, der in Harvard über den österreichischen Staatskanzler Metternich promovierte und dort als Professor International Affairs unterrichtete. Kissinger war der Berater von Richard Nixon. Mit diesem vergleichen die Autoren Trump. Nixon sprach bereits von einer witch hunt, einer Hexenjagd, gegen ihn. Knappe fünf Jahrzehnte später wählt Donald Trump dieselben Worte. Der Frame impliziert, dass Demokraten und Medien irrational handeln und gewaltbereit seien. Aus europäischer Perspektive besteht das Verdienst des Buches darin, dass es uns die Innensicht, die Player in Politik und Medien nahebringt. Das ist spannend, erhellend - und beunruhigend.

Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby, "Im Wahn - Die amerikanische Katastrophe", C. H. Beck

Christina Höfferer

Barbara Prainsack: "Vom Wert des Menschen"

Jedem Menschen 1.000 Euro im Monat zu überweisen, statt Bittgesuche mit zig Belegen einreichen zu müssen, das wäre es doch, meinten viele Menschen im Frühjahr, als der Shutdown massive Einkommensverluste mit sich brachte. Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Schwester der Krise, meint die Politologin Barbara Prainsack, verlässlich wird es immer dann eingefordert, wenn massenweise Jobs auf dem Spiel stehen. Grundeinkommens-Vorschläge kommen von Neoliberalen wie von Linken, Bedenken dagegen gibt es ebenfalls von konservativer wie von linker Seite. Barbara Prainsack geht auf viele Für und Wider ein, auch auf die Finanzierbarkeit, und kommt zum Schluss: Wir brauchen das bedingungslose Grundeinkommen.

Barbara Prainsack, "Vom Wert des Menschen - Warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen", Brandstätter

"Kontext"-Gespräch mit Wolfgang Ritschl

Merlin Sheldrake: "Verwobenes Leben"

Er nimmt einen Pilz, dem der Ruf anhängt, das Bewusstsein zu erweitern; er badet in vergammelten nassen Holzspänen, um die Verdauungshitze des Hallimasch-Pilzes direkt auf der Haut zu spüren; er beauftragt Illustrationen in seinem Buch, die mit der aus dem Schopf-Tintling gewonnenen Farbe gezeichnet sind. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Engagement, mit dem der in Cambridge lehrende britische Biologe und Wissenschaftsphilosoph Merlin Sheldrake Pilze untersucht, ganzheitlich ist. Aristoteles und Adorno fanden, man könne Unbekanntes nur verstehen, wenn man sich ihm mimetisch anverwandle. Das hat Merlin Sheldrake getan. Dass Sheldrake kapitelweise übermütig wird und Pilze promiskuitiv oder sogar queer nennt, weil sie Bündnisse mit so ziemlich jedem Lebewesen eingehen, das nicht aus purer Salzsäure besteht: geschenkt. Dass er in seiner Pilze-retten-die-Welt-Euphorie vergisst, auf die destruktiven Seiten seines Berichtsgegenstands einzugehen, ist für einen Wissenschaftler allerdings schon ein starkes Stück.

Merlin Sheldrake, "Verwobenes Leben - Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen", Übersetzung von Sebastian Vogel, Ullstein Verlag

Brigitte Neumann

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