Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Kai Kupferschmidt: "Blau"

Blau ist die Farbe des Himmels und der Meere. Bilder aus dem Weltall zeigen die Erde als einen blauen Planeten. Blau ist in allen Schattierungen ist die am häufigsten getragene Modefarbe - Blue Jeans sind zudem das weltweit meistverkaufte Kleidungsstück. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass diese Farbe als Bleu Royal nur Mitgliedern des Königshauses vorbehalten war. Am Hof des französischen König Ludwig XIV. trugen Leibgardisten und Hofbeamten tiefblaue, königsblaue Uniformen. Blau ist seit 1955 traditionell aber auch die Farbe Europas. Die Vereinten Nationen haben ebenfalls eine blaue Flagge, deren Farbe Frieden symbolisieren soll. Der Journalist Kai Kupferschmidt war schon als Kind von Blau fasziniert und hat jetzt versucht, das Geheimnis dieser Farbe zu ergründen.

Kai Kupferschmidt, "Blau - Wie die Schönheit in die Welt kommt", Hoffmann & Campe

Maicke Mackerodt

Marzio G. Mian: "Die neue Arktis"

Die von Meereis bedeckte Fläche in der Arktis ist so klein wie seit sieben Jahren nicht mehr. Dazu kamen diesen Sommer wochenlange Waldbrände in der Arktis. Das heurige Jahr, so meinen Wissenschaftler, bestätigt den weiteren langfristigen klimabedingten Rückgang des Eises in der Arktis, womit es immer wahrscheinlicher wird, dass es in ein paar Jahrzehnten eisfreie Sommer in der Arktis geben wird. Diese Veränderungen wecken auch Begehrlichkeiten. Schifffahrtsstraßen, Rohstoffe und militärische Stützpunkte lauten da die Stichwörter. Der Kampf um den hohen Norden ist bereits in vollem Gange, schreibt der italienische Journalist Marzio Mian in seinem Buch "Die neue Arktis".

Marzio G. Mian, "Die neue Arktis - Der Kampf um den hohen Norden", Folio Verlag

Erich Klein

Martin Schürz: "Überreichtum"

Armut lässt sich mit Zahlen leicht definieren, es gibt eine anerkannte Armutsgrenze. Weniger klar ist, ab wann man reich ist. Wenn man hunderttausend Euro hat oder eine Million Euro? Eine wissenschaftliche Definition gibt es nicht. Auch nicht zur Frage, ab wann Reichtum gefährlich wird für die Demokratie. Wirklicher Reichtum, und da sprechen wir von Milliarden, bedeutet nämlich auch Macht. Der Ökonom und Psychotherapeut verwendet statt dem Begriff "Superreichtum" lieber den Begriff "Überreichtum". Warum die Überreichen gefährlich sind für Gesellschaften, das legt Martin Schürz dar in einem Buch mit dem Titel "Überreichtum". Ein Studiogespräch über Einfluss, Neid und Regulierung.

Martin Schürz, "Überreichtum", Campus Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Randall Munroe: "How To"

Sie kennen das vielleicht aus Ihrem Alltag: Man will ein Paket verschicken, einen Umzug planen, eine Poolparty schmeißen oder vielleicht auch einfach nur ein perfektes Selfie machen. Es sind einfache Problemstellungen, die man möglichst praktisch und sinnvoll erledigen möchte. Es geht aber auch anders. Und hier kommt Randall Munroe ins Spiel. Der amerikanische Bestsellerautor, Comiczeichner und ehemalige Roboteringenieur verspricht in seinem neuesten Buch "how to" "absurde", aber "wirklich wissenschaftliche Empfehlungen für alle Lebenslagen".

Randall Munroe, "How To - Wie man's hinkriegt: Absurde, wirklich wissenschaftliche Empfehlungen für alle Lebenslagen", übersetzt von Ralf Pannowitsch und Benjamin Schilling, Penguin Verlag

Ivo Kaufmann

Zwei sehr alte Menschen halten Hände

AP/HIROKI KITANO

Brinkbäumer/Shafy: "Die Weisheit der Hundertjährigen"

Wie lebt man ein erfülltes Leben? Das ist wohl, nach der Bewältigung des Klimawandels, die drängendste Frage unserer Zeit. Haben die Alten, die richtig Alten darauf eine Antwort? Sie werden zumindest befragt. Worauf sie am Ende stolz sind. Und was sie bedauern. Mit solchen und ähnlichen Fragen im Gepäck, machten sich Brinkbäumer und Shafy auf die Reise - und suchten Hundertjährige in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf, in Peking und Sankt Petersburg, in den sogenannten "blue zones ", den "blauen Zonen" mit auffällig hohem Altersdurchschnitt, wie Sardinien oder Okinawa, sie waren in Thailand, auf den Seychellen und in den USA.

Die Neunzig- bis Hundertjährigen sind die am schnellsten wachsende Altersgruppe der Welt. Mehr als eine halbe Million Menschen ist heute hundert Jahre oder älter, bis 2050 sollen es mehr als drei Millionen sein, achtzig Prozent davon Frauen. In Österreich gibt es heute rund 1.400 Hundertjährige. "Tue das, was dich begeistert", "Genieße jeden Tag voll und ganz", "Koch das Gemüse aus deinem Garten": So lauten einige der "Weisheiten", die die Hundertjährigen den Autoren mit auf den Weg gaben. Andere wiederum sagten: "Eine Portion Frechheit schadet nie" oder: "Man sollte sündigen, aber nicht zu viel". Ob das nun die Lehren sind, mit denen man hundert wird, oder jene, die man erst am Ende eines langen Lebens begriffen hat, sei dahingestellt. Klaus Brinkbäumer und Samiha Shafy fächern ihre Recherchen zu einem Kaleidoskop vieler kurzer Kapitel, in dem manches zwangsläufig skizzenhaft bleibt, das Porträt Roger Angells dagegen weit ins Private reicht. Sie verbinden die Geschichte der Hundertjährigen-Forschung mit den Geschichten der Hundertjährigen zu einem flott und flüssig geschriebenen, unterhaltsamen, aber auch sehr informativen und nicht selten berührenden Buch - mit barockem Titel.

Klaus Brinkbäumer und Samiha Shafy, "Das kluge, lustige, ungebremste, glückliche, sehr lange Leben - Die Weisheit der Hundertjährigen. Eine Weltreise", S. Fischer Verlag

Wolfgang Seibel

Martínez, "Man nannte ihn El Nino de Hollywood"

Der kleine mittelamerikanische Staat El Salvador gilt als das tödlichste Land der Welt. 105 von 100.000 Menschen sterben hier eines gewaltsamen Todes. Das ist 20 Mal so hoch wie der weltweite Durchschnitt. Schuld an diesem Gewaltexzess ist organisierte Bandenkriminalität. Der Investigativjournalist Oscar Martinez und sein Bruder, der Anthropologe Juan Jose Martinez haben jahrelang zur Geschichte und den Strukturen dieser Banden recherchiert. Sie verknüpfen das Leben des chancenlosen Halbwaisen Tobar, genannt "El Nino de Hollywood", der schon im Alter von elf Jahren seine ersten Morde begeht, nämlich geschickt mit der brutalen Geschichte El Salvadors im 19. und 20. Jahrhundert. Sie erläutern, wie die stattlichen Gewinne der Landbesitzer im 19. Jahrhundert über Nacht versiegten.

Ihr Reichtum beruhte auf dem Anbau der traditionellen Jiquilite-Sträucher, aus deren Früchten der Farbstoff Indigo gewonnen wurde, bis 1850 der erste synthetische blaue Farbstoff entdeckt wurde und der Exportpreis für Indigo verfiel. Die Latifundienbesitzer sattelten auf Kaffeebohnen als Exportprodukt um. Dieser Prozess veränderte die Gesellschaft El Salvadors gravierend: Die von den Eliten kontrollierte Politik erließ Gesetze zur Enteignung der Indigenen Bevölkerungsteile, denen hoch gelegenes Land zugesprochen worden war, auf dem Kaffeesträucher gut gediehen. Weiters verpflichteten die neuen Gesetze einen großen Teil der Bevölkerung zu schlecht bezahlter Arbeit auf den Kaffeeplantagen, wo sie von brutalen Vorarbeitern und Plantagenbesitzern drangsaliert wurden. 1932 kam es zu einem kommunistisch geführten Aufstand der Indigenen, der brutal niedergeschlagen wurde. Die Spannungen jedoch blieben aufrecht. 1980 brach schließlich ein Bürgerkrieg aus, der das Land in linke Rebellengruppen und Kämpfer auf Seiten des Militärs spaltete. Dieser Krieg ist mittelbar für die Entstehung der kriminellen Banden verantwortlich.

Die Autoren beschreiben, wie tausende traumatisierte und militärisch ausgebildete junge Männer während des Bürgerkriegs in die USA flüchteten. Viele davon landeten in Los Angeles, wo sich die entwurzelten Jugendlichen zuerst zu ihrem Schutz gegen mexikanische und schwarze Banden zusammenschlossen und schließlich immer tiefer in die kriminellen Strukturen der Stadt eindrangen. Als die USA in den 1990er Jahren begannen, straffällige Salvadorianer nach El Salvador abzuschieben, verlagerten diese Banden ihre Aktivitäten aus Drogenhandel und brutalen Revierkämpfen in ihre Heimat. Dabei trafen sie nach Ende des Bürgerkriegs auf fruchtbaren Boden: Fast eine ganze Generation war mit Krieg und Gewalt aufgewachsen, hatte Foltermethoden erlernt und es befanden sich eine Million illegale Waffen im Umlauf. Einige aus den USA ausgewiesene Bandenchefs begannen systematisch Kinder zu Bandenmitgliedern auszubilden. Eines von ihnen war der Protagonist dieser packendenden Reportage.

Das Besondere an der Perspektive der beiden Autoren ist es, dass sie die Verbrechen dieses Mörders in ein großes soziologisches Panorama einpassen und zeigen, dass er zugleich Täter und Opfer war. Seine Schuld wird an keiner Stelle angezweifelt oder relativiert, die moralischen Standards der Autoren werden nie schwammig. Und doch schafft es diese packende und glänzend recherchierte Reportage, den Blick auf die verbauten Lebenschancen ihres Protagonisten zu schärfen. Und sie verlieren die Verantwortung der politischen Akteure in diesem Gewaltexzess der Bandenkriminalität nicht aus dem Blick.

Oscar und Juan Jose Martinez, "Man nannte ihn El Nino de Hollywood - Leben und Sterben eines Killers der Mara Salvatrucha", Übersetzung: Hans-Joachim, Kunstmann Verlag

Florian Baranyi

Ulrich Ladurner: "Der Fall Italien"

Die Geburtenrate Italiens ist die niedrigste in ganz Europa. Italien hat mittlerweile nach Japan die zweitälteste Bevölkerung. Dazu kommt, dass die Jungen in Scharen auswandern. Warum sie keine Perspektive mehr in ihrer Heimat sehen, hat viel mit der italienischen Politik zu tun. Jahrzehntelang lebte man aus Angst vor einer immer stärker werdenden kommunistischen Partei auf Pump. Als diese Bedrohung mit Beginn der 1990er Jahre wegfiel, kamen die Populisten an die Macht, Silvio Berlusconi und zuletzt Matteo Salvinis Lega und das Movimento 5 Stelle. Lega und 5 Stelle radikalisieren die Menschen, egal womit, hemmungslose Emotionen beherrschen die Debatten, Fakten werden ignoriert“, schreibt der Journalist Ulrich Ladurner. Sinnbild für Italiens Zustand ist für ihn der Einsturz der Morandi-Brücke letztes Jahr in Genua. 41 Menschen stürzten in den Tod. Alle Strukturen, Organisationen, alle Ideen und Überzeugungen, welche Italien geprägt hatten, hatten sich bereits aufgelöst, als die Brücke einstürzte.

Ulrich Ladurner, "Der Fall Italien -Wenn Gefühle Politik beherrschen", edition koerber

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Jon Larsen: "Sternenjäger"

Er wurde ausgelacht, zum Spinner erklärt und im besten Fall nur schief angesehen. Aber der Norweger Jon Larsen ließ sich nicht beirren: Er suchte in den Metropolen dieser Welt nach Sternenstaub. Bis dahin waren nur einige außerirdische Partikel auf Expeditionen am Südpol gefunden worden. Larsen sollte der erste werden, der außerirdisches Material in Städten fand. Die Mikrometeoriten sind Bruchstücke von Asteroiden oder Kometen und schmelzen auf dem Weg zur Erde zu winzigen Kügelchen. Der Sternenjäger hat seine irrwitzige Reise zu den Anfängen des Universums in einem Buch festgehalten. Warum sollte Sternenstaub nur in der Antarktis zu finden sein und nicht auch auf der Straße? Eisenoxide sind magnetisch, Larsen besorgte sich also einen Magneten, ging den Straßenrand entlang und sammelte Staub. In jeder Stadt, in der er als Jazzmusiker auftrat. Sieben Jahre lang. Wenn jeden Tag zig Tonnen interstellares Material irgendwo auf die Erde fallen, muss es doch auch zu finden sein, dachte er sich. Und er sollte recht behalten. Man liest das Buch wie einen Wissenschaftskrimi, kann aber nicht umhin, dabei anerkennend den Kopf zu schütteln über so viel - nennen wir es - Enthusiasmus.

Jon Larsen, "Sternenjäger -Meine Suche nach dem Stoff, aus dem das Universum gemacht ist", Benevento Verlag

Ulrike Schmitzer

Frauen beim Hürdenlauf

APA/AFP/JEWEL SAMAD

Hajo Seppelt: "Feinde des Sports"

Über 1.900 Leichtathleten kämpfen derzeit bei den Weltmeisterschaften in der katarischen Hauptstadt Doha um Medaillen. Auch Russland wird mit 29 Athleten antreten, allerdings wieder unter neutraler Flagge. Der russische Verband RUSAF wurde 2016 wegen des angeblich staatlich gelenkten Dopings in etlichen Sportarten gesperrt. Dass heute alle Welt Bescheid weiß über das russische Staatsdoping, das verdankt sie dem Mut zweier Whistleblower, Julia und Witali Stepanow. Die vertrauten sich vor fünf Jahren dem Reporter Hajo Seppelt an. Das Interview wurde 2014 in der ARD-Sendereihe "Geheimsache Doping" gezeigt. Seitdem dürfen Russlands Athleten nur unter neutraler Flagge starten. Für seine investigativen Recherchen zum Thema Doping wurde Hans-Joachim Seppelt, kurz Hajo Seppelt bereits mehrfach international ausgezeichnet. Er hat unter Dopingexperten weltweit ein hohes Ansehen. Wenn auch nicht unumstritten. Der weltweite Antidopingkampf ist für Hajo Seppelt pure Heuchelei. Trotz aller Dopingenthüllungen fasziniert der Spitzensport die Menschen weiterhin. Die Wirtschaft nutzt ihn als Werbefläche. Die Sender zahlen hohe Summen, um Wettkämpfe zu übertragen. Die Möglichkeiten der Vermarktung scheinen grenzenlos: "Sportfunktionäre stehen moralisch mehr denn je in der Pflicht, den Sport auch als Kulturgut zu erhalten", schreibt Hajo Seppelt in seinem aktuellen Buch.

Hajo Seppelt, "Feinde des Sports- Undercover in der Unterwelt des Spitzensports" über die Unterwelt des Spitzensports, Econ Verlag

Maicke Mackerodt

Paul Scheffer: "Wozu Grenzen?"

Der Niederländer Paul Scheffer ist Soziologe und Professor für European Studies an der Universität Tilburg. Wer die Sehnsucht vieler Menschen nach Halt und Orientierung in einer unübersichtlicher gewordenen Welt negiere, der nehme, so der Autor, den Aufschwung populistischer Parteien und nationalistischer Bestrebungen in Kauf. Die Nöte der "ortsfesten Mehrheit", wie Scheffer sie nennt, müssten sich endlich in politischem Handeln niederschlagen: "Wer nicht dazu kommt, eine Migrationspolitik zu entwickeln, die von großen Mehrheiten für wünschenswert gehalten wird, der darf sich nicht wundern, wenn sich eine wachsende Zahl von Menschen von der Demokratie abwendet. Eine offene Gesellschaft braucht Grenzen. Je besser es uns gelingt, der Gesellschaft Form zu geben, umso mehr werden die Menschen bereit sein, Veränderungen mitzutragen. Ist das Gegenteil der Fall und wird die Migration zum Symbol einer Globalisierung, die ‚out of control‘ ist, dann wird der Vertrauensverlust der Bürger in den Staat und der Bürger untereinander weiter zunehmen."

Wie soll nun aber Europa konkret agieren? Wie lässt sich staatliche Souveränität garantieren und dabei trotzdem den humanitären Verpflichtungen, die es gegenüber den Flüchtlingen gibt, gerecht werden? Scheffer glaubt, dass es vor allem darum geht, "die moralische Unsicherheit bezüglich Grenzen", wie er schreibt, in den Griff zu bekommen. Deshalb betreibt er einen großen Aufwand, um die Bedeutung von Grenzen aufzuzeigen. Dabei schreibt er jedoch am eigentlichen Problem vorbei, gibt es mittlerweile doch einen Konsens darüber, Europas südliche Grenze angemessen zu schützen. Die entscheidende Frage ist, welche Mittel dabei zum Einsatz kommen sollen. Wie durchlässig und wie human diese Grenze sein kann. Dazu jedoch erfährt man in Paul Scheffers Buch leider fast gar nichts.

Paul Scheffer, "Wozu Grenzen? - Freiheit in Zeiten von Globalisierung und Migration", übersetzt aus dem Niederländischen von Gregor Seferens, Hanser Verlag

Holger Heimann

Konrad Kramar: "Neue Grenzen, offene Rechnungen"

Britische EU-Gegner kämpften in der Brexit-Debatte gegen eine deutsche Vorherrschaft über Europa, katalanische Separatisten sehen sich von einem Franco-Spanien unterdrückt, der ungarische Ministerpräsident Orban beschwört stets ein Großungarn in den Grenzen von 1918 und am Balkan liefert die Geschichte genügend historische Motive für jeden Gewaltakt. Warum funktionieren diese oft völlig haltlosen Rückgriffe auf die Geschichte heute politisch so gut? Warum feiert gerade in einem Vereinten Europa der Nationalismus ein Comeback? Der Außenpolitik-Redakteur Konrad Kramar schildert Begegnungen auf einer Reise durch Europa und seine unbewältigte Geschichte.

Das Buch vertritt keine These, es wagt sich stattdessen mitten hinein in all den Ärger und die Frustration, unter die Fahnenschwinger und Parolenschreier, in die Dörfer, wo der Rassismus Mauern wieder in die Höhe wachsen lässt, und in die Vorstädte, wo Politiker irgendein Erbe aus irgendeiner großen Zeit beschwören. Im rumänischen Siebenbürgen reicht es schon, ohne jede weitere Ergänzung oder Erklärung den Begriff "Trianon" auszusprechen, um die Stimmung aufzuheizen. Bei den im Pariser Vorort Trianon unterzeichneten Friedensverträgen nach dem Ersten Weltkrieg verlor Ungarn 60 Prozent seines damaligen Gebiets, ein Drittel seiner Bewohner wurden mit einem Federstrich aus Ungarn verbannt. Mehr als 40 Trianon-Denkmäler hat die Orban-Regierung bisher aufstellen lassen.

Im Alltag in diesen Regionen funktioniert das Zusammenleben einigermaßen, Minderheitenrechte werden respektiert. Dennoch ist es ein Feld politischer Agitation. Dazu kommt eine Opferhaltung, die der Autor im gesamten ehemaligen Ostblock ausmacht. Eine zeitgenössische Manifestation wäre der Verdacht, dass Lebensmittel ein und derselben Marke im Osten schlechter wären als im Westen. Das geht so weit, dass etwa ein Rumäne dem Autor erklärte, dass er sich einen rumänischen Dacia in Deutschland kaufe, weil er glaubt, dass in Rumänien nur die fehlerhaften Autos in den Verkauf gelangen, die guten gingen in den Westen.

Konrad Kramar, "Neue Grenzen, offene Rechnungen - Eine Reise durch Europa und seine unbewältigte Geschichte", Residenz Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Michaela Lindinger: "Hedy Lamarr"

In den 1930er und 40er Jahren wurde sie als "die schönste Frau der Welt" bezeichnet. Neben ihrer steilen, wenn auch kurzen, Hollywood-Karriere, engagierte sie sich aktiv im Kampf der USA gegen die NS-Diktatur. Mit ihrer Erfindung eines "geheimen Kommunikationssystems" habe sie, so wird ihr gerne zugeschrieben, die Grundlage für kabellose Telefonie, Internet, Bluetooth und GPS geschaffen. Die Historikerin Michaela Lindinger beleuchtet in der Biografie die zahlreichen Mythen, die sich um den aus Wien stammenden Hollywoodstar Hedy Lamarr ranken. In erster Ehe, noch bevor sie in die USA emigrierte, war sie mit dem Waffenproduzenten Fritz Mandl liiert gewesen. Damals hatte sie Gelegenheit gehabt, Diskussionen über aktuelle Entwicklungen in der Waffenbranche mitzuverfolgen. Nun war sie überzeugt, basierend auf diesem Wissen, eine Technik entwickeln zu können, die Torpedos vor feindlichen Störsignalen schützen und somit entscheidend zum U-Bootkrieg in den 1940er Jahren beitragen kann. Gemeinsam mit dem Musiker George Antheil entwickelte sie ein Frequenzsprungverfahren - angelehnt an jene Technik, die Antheil in seinem Musikstück "Ballet Mécanique" nutzte, um selbstspielende Klavierautomaten zu synchronisieren. Hedy Lamarr war ihr Leben lang überzeugt, hier eine wichtige Erfindung vorgelegt zu haben. 1997 erhielt sie tatsächlich einen der wichtigsten Technik-Preise, den amerikanischen Electronic Frontier Foundation Pioneer Award.

Im deutschsprachigen Raum wird an Lamarrs Geburtstag der Tag der Erfinderinnen und Erfinder gefeiert. Und seit 2018 verleiht die Stadt Wien den Hedy-Lamarr-Preis für Leistungen im Bereich der Informationstechnologien. Michaela Lindinger aber entlarvt diese Vorstellung, Hedy Lamarr sei eine große Erfinderin gewesen, als Legende: "Nach einer gründlichen Begutachtung des Patents ‚Secret Communication System‘ von Hedy Lamarr und George Antheil halten die Kommunikationstechnik-Experten fest, dass der Einsatz von Papierrollen, also praktisch der alten Lochkartentechnik aus dem 19. Jahrhundert, im Jahr 1941 ‚natürlich ein alter Hut’ gewesen sei. Die Papierrollen-Steuerung, wie sie Antheil bei seinem ‚Ballet Mécanique‘ im Einsatz gehabt hatte, um die automatischen Klaviere zu synchronisieren, stammt aus dem Bereich der Mechanik und hat weder etwas mit geheimer Kommunikation noch mit der Steuerung von Lenkwaffen zu tun. Aus einem militärischen Blickwinkel waren die Vorschläge von Lamarr und Antheil längst obsolet." Filmgöttin, Antifaschistin, Erfinderin. Hedy Lamarr hat viele Gesichter. Und hinter ihrem nach zahlreichen Schönheitsoperationen maskenhaften Gesicht stecken viele Geschichten. Diesen geht Michaela Lindinger in ihrem Buch auf den Grund und versucht dabei konsequent Legende von Wahrheit zu trennen. Dabei rückt Michaela Lindinger auch immer wieder die Tragik hinter dem Glamour in Hedy Lamarrs Leben ins Licht: "Hedy Kiesler war einst ausgezogen, um das amerikanische Versprechen Liebe, Leben und Freude für sich wahrzumachen. Geblieben waren ihr Tablettensucht, Einsamkeit und die Leere des ausbleibenden Glücks. Ein amerikanischer Albtraum."

Michaela Lindinger, "Hedy Lamarr - Filmgöttin, Antifaschistin, Erfinderin", Molden Verlag

Sophie Menasse

Verschiedene Lichter

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Sascha Lobo: "Realitätsschock"

Aufgewacht, die Augen gerieben und gedacht, die Welt ist irgendwie verrückt geworden? So ungefähr muss es dem deutschen Autor und Netzaktivisten Sascha Lobo vor einiger Zeit ergangen sein. Klimakrise, Migration, Soziale Medien - viele Entwicklungen in diesen Bereichen haben ein Gefühl der Verstörung bei den Menschen verursacht. Lobos Ansatz, dieser Erkenntnis etwas entgegen zu setzen, war ein Buch zu verfassen, das den Titel "Realitätsschock" trägt. Darin zieht er zehn Lehren aus der Gegenwart, die zwei grundlegende Entwicklungen verbinden: die Globalisierung und die Digitalisierung. Das Buch beginnt mit der Klimakrise, die jetzt endlich als solche anerkannt wird, deren Existenz aber bereits vor mehr als vier Jahrzehnten bekannt war. Lobo schreibt, dass der Begriff "Klimawandel" 1974 zum ersten Mal im deutschen Nachrichtenmagazin "Spiegel" auftauchte. Anlass dafür war eine Hungersnot in der Sahelzone in Folge einer Dürre.

Zwischen damals und heute liegen unzählige Lobbyaktivitäten und Desinformationskampagnen großer Konzerne, wie des Ölriesen Exxon oder des Autoherstellers Chrysler. Und bis heute warten viele Menschen auf eine einfache Lösung für die Klimakrise, die keine großen Veränderungen mit sich bringt. Für junge Menschen muss der Schock wesentlich größer sein, als für die Älteren. Ein heute in Europa geborenes Mädchen, schreibt Sascha Lobo, wird um 2050 herum wahrscheinlich mit der Gründung ihrer eigenen Familie beschäftigt sein. Dieses Mädchen habe statistisch beste Chancen, das Jahr 2100 zu erleben. 2050 und 2100 sind genau jene Jahreszahlen, mit denen Prognosen für die Klimakatastrophe arbeiten. Was für viele Erwachsene eine unerreichbare Zukunft darstellt, ist für Jugendliche Teil ihres Lebens. Der Weisheit der Jugend widmet Lobo auch sein letztes Kapitel. Er schließt mit einem sanft optimistischen Gefühl: Die Jugend habe verstanden, dass die Zukunft des Planeten auf dem Spiel steht. Die Alten sollten ihnen endlich zuhören.

Sascha Lobo, "Realitätsschock - Zehn Lehren aus der Gegenwart", Verlag Kiepenheuer und Witsch

Edward Snowden: "Permanent Record"

Für die einen ist Edward Snowden ein Held, für die US-Regierung ist er ein Verräter Seit er mit seinen Enthüllungen über das massenhafte Sammeln von Daten durch die amerikanischen Geheimdienste 2013 an die Öffentlichkeit ging, ist in seinem Leben nichts mehr, wie es war. Er lebt inkognito im russischen Exil. Und beteuert stets, den Russen keine Informationen gegeben zu haben. Die Geschichte liest sich wie ein aktueller James-Bond-Film - allerdings spielt eine Nebenfigur die Hauptrolle: Er ist der unscheinbare Computer-Nerd, blass, schmal, bebrillt. Er arbeitet, bis sein Körper rebelliert. Als IT-Techniker der CIA wurde er nach Genf entsendet, als Mitarbeiter der Firma Dell Technologies, einem Hersteller von Speichersystemen, arbeitete er auf einem Armeestützpunkt in Japan. Letzte Station seiner Karriere: Hawaii, ein unterirdisches Security Operations Center der NSA. Die Antiterrorpolitik der USA nach 9/11 sei in "Gegenterror" ausgeartet, außenpolitisch, aber auch im Inneren - in Form von Massenüberwachung.

Edward Snowden weist ausdrücklich auf den Bruch mit der amerikanischen Verfassung hin, deren Sinn hauptsächlich darin bestehe, Übergriffe der Regierung auf die Persönlichkeitsrechte ihrer Bürger einzuschränken. Auf der Basis solcher Überlegungen hat Snowden schließlich den entscheidenden Schritt getan, wie er schreibt: "Ein Whistleblower ist nach meiner Definition eine Person, die durch bittere Erfahrungen zu dem Schluss gelangt ist, dass ihr Leben innerhalb einer Institution sich nicht mehr mit den Prinzipien verträgt, die sie in der Gesellschaft außerhalb dieser Institution entwickelt hat. Eine solche Person weiß, dass die Institution nicht aufgelöst werden kann und aufgelöst werden wird. Eine Reform der Institution ist aber vielleicht möglich, also bläst sie die Pfeife und legt die Information offen, um so öffentlichen Druck zu erzeugen." Snowdens Buch beschreibt seinen langen Weg an die Öffentlichkeit, beginnend bei entscheidenden Momenten in der Kindheit, die seine Persönlichkeit geprägt haben. Es sind viele verschiedene Aspekte, die Snowden schließlich zu seinem Akt des zivilen Ungehorsams führten. Und der hat einiges bewirkt: In den vergangenen sechs Jahren sind gravierende Sicherheitslücken im Internet geschlossen worden - aber angesichts der rasenden technologischen Entwicklung müssten wir weiterhin wachsam bleiben.

Edward Snowden, "Permanent Record - Meine Geschichte", S. Fischer Verlag (Übersetzung: Kay Greiners)

Bert Rebhandl, "Der Dritte Mann"

Eine Stadt in Trümmern. Lange Schatten. Schieber in der Unterwelt. Carol Reeds Film "Der dritte Mann" hat das Bild Wiens nachhaltig geprägt. Touren zu den Schauplätzen des Films, insbesondere in das Kanalsystem stehen bei Touristen hoch im Kurs. Wien konnte mit dem dritten Mann das walzerselige Kaiserstadt-Image ablegen, oder sagen wir besser, sich ein weiteres in Schwarz-Weiß zulegen. Ein moderneres, wenn auch ein düsteres. Vor 70 Jahren hatte der Film in England Premiere, für den Filmkritiker Bert Rebhandl war dies ein willkommener Anlass, diesen Klassiker neu zu entdecken. Flucht und Vertreibung, Schwarzmarkt und Korruption, Staatlichkeit und internationale Institutionen sind die Themen, die uns erneut bewegen. Die Schieber am Schwarzmarkt benötigen gute Kontakte zur Politik, sonst können sie ihren Geschäften nicht nachgehen. Damals wie heute. 1989 begann für Bert Rebhandl eine Epoche, von der Harry Lime im Dritten Mann noch nicht einmal träumen konnte, die sogenannte Transformationszeit im Osten. Harry Limes Schieberei, schreibt er, sei heute die global vorherrschende Wirtschaftsform. Harry Lime sei der Vorläufer heutiger Oligarchen. Auch Flucht und Vertreibung sind wieder aktuell geworden, im Dritten Mann zeigt sich das kurz an der Harry Lime-Geliebten Anna Schmidt, die mit gefälschten Papieren in Wien lebt, der Russen wegen. Sie ist nämlich aus der Tschechoslowakei, die 1948 kommunistisch wurde.

Bert Rebhandl, "Der Dritte Mann - Neuentdeckung eines Filmklassikers", Czernin Verlag

Johannes Neuhauser, "Harry Merl"

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, ein Krieg, der rund 120.000 österreichische Jüdinnen und Juden ins Exil trieb und 65.500 das Leben kostete. Nur ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung überlebte in Wien. Einer der Überlebenden ist Harry Merl, der Vater der Familientherapie, wie er gerne genannt wird. Über seine Pionierarbeit und seine Erfolge als Psychotherapeut ist schon einiges geschrieben worden, wenig bekannt war bisher Harry Merls berührende Kindheit in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Vater wird zur Zwangsarbeit verpflichtet, die Mutter macht die Buchhaltung für einen Nationalsozialisten, später stehen beide Eltern im Dienst der Verwertungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo, müssen verwaiste Wohnungen vertriebener Juden räumen. Harry Merl sagt über diesen Abschnitt, es wäre eine Zeit gewesen, "in der es eigentlich nur Verluste gegeben hat. Verluste von Menschen".

In einer Sammelwohnung ist kaum Platz für den Buben, geschweige denn gibt es die Möglichkeit für Unterricht. Der Vater bringt ihm Harry Hugh Loftings Buch "Dr. Dolittle" mit. "Immer und immer wieder las ich das Buch. Es war mein einziges. Bis heute hat Dr. Dolittle eine große Bedeutung für mich. So wie Dr. Dolittle die Tiere retten wollte, sollte ich später Menschen in schweren psychischen Krisen helfen. Dr. Dolittle war mein Lehrbuch. Das erste Lehrbuch und das beste!“ Der zweite Teil des Buches ist ganz dem Berufsleben Harry Merls gewidmet, vom Medizinstudium über erste Erfahrungen mit Psychiatriepatienten in Mauer-Öhling bis hin zu seinen neuen Ideen und Ansätzen in der Psychotherapie. Jeden Menschen, so Merl, müsse man immer im Zusammenhang mit seiner Familie denken. „Wenn der Mensch sich jetzt verändert, wie wird sich das auf seine Familie auswirken? Wird die Familie es zulassen? Denn wo immer wir sind, unsere Familie ist in unserem Kopf mit dabei." Auch Harry Merls Geschichte gäbe es nicht ohne seine Familie. Alles, was er erlebt hat, hat dorthin geführt, wo er schließlich beruflich landete. Man hat dieses Buch schnell gelesen, die Geschichte des Harry Merl bleibt jedoch lange im Gedächtnis.

Johannes Neuhauser, "Harry Merl - Vater der Familientherapie", Verlag Bibliothek der Provinz

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