Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

Richard Wrangham: "Die Zähmung des Menschen"

Die Menschheit ist heute eine zivilisierte Spezies. Und zwar deswegen, weil die Menschheit die Todesstrafe eingeführt hat. Diese provokante Theorie vertritt der Harvard-Anthropologe und Schimpansenforscher Richard Wrangham. Gezähmt, so Wrangham, hat sich der Mensch selbst, indem er dafür sorgte, dass sich nur noch diejenigen fortpflanzen konnten, die sozial eingestellt waren. Die gescheiten Schwächeren konnten so triumphieren, einzeln hatte sie gegen einen Tyrannen keine Chance. Strategisches Planen und eiskaltes Kalkül stehen nicht nur hinter dem möglicherweise gerechtfertigten Sturz von Tyrannen und Diktatoren. Die genau gleiche Fähigkeit ist verantwortlich für systematische Gräueltaten; für den Holocaust, für den Genozid in Ruanda. Ein Widerspruch, der sich auch für Richard Wrangham nicht auflösen lässt.

Richard Wrangham, "Die Zähmung des Menschen - Warum Gewalt uns friedlicher gemacht hat. Eine neue Geschichte der Menschwerdung", Übersetzung: Jürgen Neubauer, Deutsche Verlags-Anstalt

Madeleine Amberger

Thekla Chabbi: "Die Zeichen der Sieger"

Englisch ist heute die meist benutzte Sprache der Welt. Doch nur rund ein Drittel derer, die es regelmäßig verwenden, haben es auch als Muttersprache. Ganz anders beim Chinesischen, das nur knapp hinter Englisch auf Platz zwei liegt. Mehr als 80 Prozent derer, die des Chinesischen mächtig sind, haben es als Muttersprache. Während Englisch in den unterschiedlichsten Lebensbereichen der internationalen Kommunikation dient, bleibt Chinesisch für die Mehrheit der Weltbevölkerung im wahrsten Sinn des Wortes "Chinesisch", will heißen unverständlich und unzugänglich. Kein Geringerer als Mao Zedong, Mitinitiator der Kommunistischen Partei und 1949 Gründer der Volksrepublik China, befürwortete selbst einmal den Umstieg auf die lateinische Schrift. Als Machthaber beschränkte er sich dann allerdings auf eine große Schriftreform, die KP fand allerlei Gründe, warum sie im Wesentlichen doch bei den Zeichen bleiben wollte, die sich über Jahrtausende entwickelt hatten.

Thekla Chabbi, "Die Zeichen der Sieger - Der Aufstieg Chinas im Spiegel seiner Sprache", Rowohlt Verlag

Brigitte Voykowitsch

Martin Haidinger: "Wilhelm Höttl"

Untergrund-Spion für die SS im Wien der 30er Jahre, Freund von Holocaust-Organisator Adolf Eichmann, Spion für die USA und eventuell auch für die Sowjetunion, und nach Kriegsende Schulbetreiber in Bad Aussee. Wilhelm Höttl, Teil der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie, landete nicht auf der Anklagebank in Nürnberg, sondern durfte im Zeugenstand aussagen. Diesem Wilhelm Höttl, bisher Held der Fußnoten in der Literatur über den Nationalsozialismus, hat Martin Haidinger nun eine Biografie gewidmet, in der er auch der Frage nachgeht, warum ein solch Schwerbelasteter 1995 trotz Protesten der Lagergemeinschaft Mauthausen aus den Händen von Landeshauptmann Josef Krainer das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark bekommen hat.

Martin Haidinger, "Wilhelm Höttl - Spion für Hitler und die USA", Ueberreuter Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

David Byrne "Wie Musik wirkt"

Mitte der 1980er Jahre zählte David Byrne mit seiner Band Talking Heads zu den erfolgreichsten Vertretern der Postpunk-Ära. Auch als Solokünstler, Soundtrack-Komponist, Schauspieler, Filmproduzent, Fahrrad-Aktivist und Autor hinterließ Byrne bleibende Eindrücke. Der Vordenker des Pop hat nun eine Art Autobiografie vorgelegt, die aber weit mehr ist als ein Fazit seiner bisherigen Lebens- und Karrierestationen. Es ist eine interessante Mischung aus Musikgeschichte, Forschung und Handbuch. Zunächst beschäftigt sich David Byrne mit der Frage: Wo klingen verschiedene Musikarten eigentlich am besten? Musik, die von Percussion dominiert ist, funktioniert gut unter freiem Himmel, weil sie nicht von Nachhall erzeugenden Wänden gestört wird. In Kirchen wiederum, also zumeist hohen, weiten Räumen, braucht der Nachhall lange, um von den Wänden zurückzukommen. Deshalb hat sich dort eine modale Struktur mit oft sehr lang anhaltenden Tönen durchgesetzt. Er spekuliert, dass westliche Musik des Mittelalters deshalb oft recht simpel strukturiert war, weil sich komplexere Harmonien in Kirchen furchtbar angehört hätten. Johann Sebastian Bach wiederum komponierte und spielte deshalb in einer relativ kleinen Kirche, in der sich seine Musik wunderbar anhörte.

David Byrne, "Wie Musik wirkt", Übersezung: Achim Stanislawski, S. Fischer Verlag

Ivo Kaufmann

Pottwal

KODIKARA/AFP/picturedesk.com

Andreas Tjernshaugen: "Von Walen und Menschen"

Meeresbiologen der Universität Stanford ist es erst vor kurzem gelungen, den Herzschlag eines Blauwals zu messen: In den Ruhephasen schlägt das Herz großen Säugers nur zwei Mal in der Minute - schnellen die Blauwale an die Meeresoberfläche, um Sauerstoff aufzunehmen, steigt die Herzfrequenz auf bis zu 37 Schläge pro Minute an. "Von Walen und Menschen" erzählt eine Geschichte, in der es um große Dimensionen geht: vom enormen Eingriff des Menschen in die Blauwalpopulation, die knapp ein Jahrhundert andauerte und fast die Auslöschung dieser Art bedeutet hätte - der größten Spezies, die je auf diesem Planeten existiert hat. Seine enorme Größe dürfte der Blauwal zu jenen Zeiten erreicht haben, in denen das Weltklima eher kühl war. Die steigenden Temperaturen bedrohen den Blauwal auch auf andere Weise: Die zunehmende Übersäuerung der Meere könnte dazu führen, dass die Krillkrebsbestände, die Nahrungsgrundlage der Tiere, zusammenbrechen. Das würde endgültig zum Aussterben der riesigen Säuger führen und das Aus für die Beziehung von Walen und Menschen bedeuten.

Andreas Tjernshaugen, "Von Walen und Menschen - Eine Reise durch die Jahrhunderte", Übersetzung: Martin Bayer, Rowohlt Verlag

Marlene Nowotny

Michi Strausfeld: "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren"

Auf den Straßen Ecuadors, Boliviens, Chiles und Kolumbiens lässt sich derzeit ein Versagen der staatlichen Institutionen beobachten. Als Ursache der aktuellen Unruhen werden Verteilungskämpfe, auch um Naturschätze, genannt. Auch wenn die Anlässe für die Straßenkämpfe unterschiedlicher Natur sind, die soziale Ungleichheit ist amerikaweit sehr hoch. Für Leser lateinamerikanischer Literatur kommt die aktuelle Entwicklung nicht überraschend. Die Geschichte Lateinamerikas erzählt die deutsche Übersetzerin Michi Strausfeld anhand der Geschichten ihrer hervorragendsten literarischen Vertreter und Vertreterinnen.

Michi Strausfeld, "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren - Lateinamerika erzählt seine Geschichte", S. Fischer Verlag

Erhard Stackl

Oliver Scheiber: "Mut zum Recht!"

An einem Bezirksgericht werden zum Großteil Bagatellen verhandelt. Die Beschädigung von Glücksspielautomaten, der Diebstahl von Parfums, Raufereien. Für viele der betroffenen Personen ist das Wort "Strafverfolgung" unpassend, meint der Strafjurist Oliver Scheiber. Er weiß, wovon er spricht, leitet er doch ein Wiener Bezirksgericht. Er findet, dass die Justiz zu viel Energie in die Aufklärung und Verfolgung kleinster Regelverstöße steckt, und viel zu wenig in die Verfolgung von Verbrechen, die den Staat bedrohen, etwa in die Vorgänge rund um die Hypo Alpe Adria oder in Umweltverbrechen. Im internationalen Vergleich verdient das österreichische Justizsystem ein gutes Zeugnis, findet der Richter. Dennoch gibt es offene Wunden, wie etwa die Tendenz in Richtung Klassenjustiz.

Oliver Scheiber: "Mut zum Recht! - Plädoyer für einen modernen Rechtsstaat", Falter Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

"Zocker, Drogenfreaks & Trunkenbolde"

Die Geschichte des Films kann auch als Geschichte legaler und illegaler Drogen gesehen werden. Denn seit über 100 Jahren liefert Sucht in vielfältigen Formen mehr oder weniger harten Stoff für spannende Leinwand-Stories. Von witzig, tragisch, aufklärerisch, propagandistisch bis sozialkritisch ist da alles dabei. Die filmhistorische Erkundung beginnt in der bisher wenig erforschten Stummfilmzeit, geht über die rauschhaft wilden Zwanzigerjahre der Prohibition, die psychedelischen Sechziger, bis hin zum gegenwärtigen "Rausch der Gewalt". Neben Spiel-, Trunk- und Drogensucht kommen auch andere Manien nicht zu kurz: sexuelle Besessenheit, fiebrige Realitätsflucht oder etwa der Blutrausch der Vampire. Über 30 Beiträge zum Thema machen das Buch zur idealen Einstiegsdroge für Interessierte.

Martin Poltrum, Bernd Riecken und Thomas Ballhausen (Hg.), "Zocker, Drogenfreaks & Trunkenbolde - Rausch, Ekstase und Sucht in Film und Serie", Springer Verlag

Ivo Kaufmann

Verschwommene Spiegelungen auf der Wasseroberfläche

AFP/SAM YEH

I. Krastev, S. Holmes: "Das Licht, das erlosch"

Sie wollen keine Geflüchteten aufnehmen und mit der Demokratie nehmen sie es nicht so genau. Aber warum? Das Verhalten heutiger Regierungen in den ehemaligen Ostblock-Staaten gibt vielen im Westen Rätsel auf. Der bulgarische Politologe Ivan Krastev wartet nun mit einem erfrischend anderen Zugang auf zur Frage, wie die gegenwärtigen illiberalen Tendenzen in der Politik gerade aus dem Siegeszug der liberalen Demokratie nach 1989 zu verstehen sind. Die Nachahmung westlicher Institutionen und Werte war mit der Erwartungshaltung verbunden, die westlichen Einkommensstandards und persönlichen Freiheiten würden in spätestens fünf bis zehn Jahren auch in den ost- und mitteleuropäischen Staaten gelten. Es würde "Normalität" einkehren. Und wer nachahmt, entwickelt automatisch eine Aneignung gegen den Nachgeahmten.

Ivan Krastev, Stephen Holmes, "Das Licht, das erlosch - Eine Abrechnung", Übersetzung: Karin Schuler, Ullstein Verlag

Florian Baranyi

Andrew Blum: "Die Wettermacher"

Wie wird das Wetter morgen? Ist es zu warm oder zu kalt für die Jahreszeit? Wird die Bergtour am Wochenende ins Wasser fallen oder uns über der Nebeldecke die Sonne wärmen? Dem Spekulieren über das Wetter entkommt so gut wie niemand. Und wenn es dann anders kommt als vorhergesagt, dann lassen wir unseren Frust an den Meteorologen vulgo Wetterfröschen aus. Doch die Schimpftiraden werden Sie sich nach der Lektüre des folgenden Buches mit ziemlicher Sicherheit verkneifen. Denn der US-amerikanische Journalist Andrew Blum schwärmt darin geradezu von der aufwändigen globalen Infrastruktur, die uns täglich präzise und kleinräumige Wetterprognosen beschert. Eine Liebeserklärung an die Meteorologen.

Andrew Blum, "Die Wettermacher - Wie Wetterberichte entstehen und was sie vorhersagen können", Übersetzung: Stephan Gebauer, Penguin Verlag

Anna Masoner

Martin Grassberger: "Das leise Sterben"

Warum leiden immer mehr Menschen an chronischen nichtübertragbaren Erkrankungen wie Atherosklerose, Adipositas und Diabetes. Der Arzt und Biologe Martin Grassberger vertritt die Ansicht, dass dafür die Art und Weise, wie unsere Lebensmittel produziert und verarbeitet werden, verantwortlich ist. Da ist der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden, und auf der anderen Seite Monstertraktoren, die durch ihr Gewicht alles Leben im Boden vernichten. Auf den Pflug könne man sowieso verzichten, meint der Autor. Er plädier für eine landwirtschaftliche Revolution hin zu nachhaltigem ökologischem Landbau. Aus Gründen.

Martin Grassberger, "Das leise Sterben - Warum wir eine landwirtschaftliche Revolution brauchen, um eine gesunde Zukunft zu haben", Residenz Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Tina Soliman: "Ghosting"

Wenn man früher mit jemandem keinen Kontakt mehr haben wollte, ging man nicht mehr ans Telefon und schickte Briefe mit dem Vermerk "Unbekannt verzogen" zurück. Heute gibt es vielfältigere Möglichkeiten, jemanden aus seinem Leben zu verabschieden. Für das Verschwinden aus Beziehungen hat sich der US-amerikanische Begriff "Ghosting" durchgesetzt. Während die Funkstille früher zumeist der Selbstfindung und dem Überdenken der Beziehung diente, legt das Ghosting-Verhalten nun Menschen ad acta wie eine nicht zufriedenstellende Ware. Ohne Angabe von Gründen. Dieses Verhalten nimmt rasant zu und bedroht, glaubt man der Autorin, "weltweit alle digitalen Gesellschaften". Was hilft gegen Ghosting? Die Fähigkeit zu Selbstdistanz und Empathie, Verzeihen, der Blick nach vorne und eine höhere „Ungewissheitstoleranz“. Gesamtgesellschaftlich sollten wir uns auf ein Mindestmaß an Regeln für einen Kontaktabbruch einigen, meint Soliman, und macht dazu auch Vorschläge.

Tina Soliman, "Ghosting - Vom spurlosen Verschwinden des Menschen im digitalen Zeitalter", Klett-Cotta Verlag

Kirstin Breitenfellner

Tanzende Roboter

AP/BLANCHES

Katharina Zweig: "Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl"

Katharina Zweig gilt als Deutschlands bedeutendste Informatikerin. Auch deswegen, weil es ihr weniger um Finessen der künstlichen Intelligenz geht als um Ethik in einer Welt, in der Maschinen immer mehr Entscheidungen treffen. Die Informatikerin lehnt den Einsatz von KI ab, wenn es etwa um autonome Waffensysteme, die Rückfallquote von Straftätern oder die Identifizierung von Terroristen geht. Die gebürtige Hamburgerin wünscht sich stattdessen für Europa einen einheitlichen Qualitätssicherungsprozess für Algorithmen. Kein Gesetz, sondern einen begleiteten Einbettungs- und Entwicklungsprozess. Entscheidungen über Algorithmen müssten ihrer Meinung nach viel häufiger demokratisch getroffen werden. Dann hätte Europa einen wichtigen Standortvorteil bei künftigen Entwicklungen. Um Missbrauch zu verhindern, hat die IT-Expertin gemeinsam mit Forschern eine Risikomatrix geschaffen, mit der Algorithmen reguliert werden können. Für Katharina Zweig ist vor allem dort eine strenge Überprüfung angebracht, wo es um die Bewertung von Menschen gehe, die zu einer Schlechterstellung führen könnte.

Katharina Zweig, "Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl - Wo künstliche Intelligenz sich irrt, warum uns das betrifft und was wir dagegen tun können", Heyne Verlag

Maicke Mackerodt

Klaus Vieweg: "Hegel"

Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt als einer der ganz Großen in der Geschichte der Philosophie. Man könnte ihn den "Vollender" oder "Vollstrecker" des Deutschen Idealismus nennen. Der "Verstand" ist für ihn das A und O, um vernunftbegabt und aufklärerisch eine bürgerliche Gesellschaft zum Blühen zu bringen. Er gilt auch als Begründer einer modernen Logik und des Gedankens eines sozialen Staates. Erstaunlich ist, dass neben kleineren Arbeiten aus den 1960er und 1970er Jahren die letzten großen Biographien zum Meisterphilosophen Hegel von dessen Schüler Karl Rosenkranz (1844) und von Horst Althaus (1992) stammen. Klaus Vieweg hat eine umfassende und zum Teil auch umwerfende Neu-Biographie Hegels vorgelegt. Wer sich in das Denken des Meister-Philosophen vertiefen möchte, findet in Klaus Viewegs neuer Biografie reichlich Gelegenheit. Wer dem "Zeitgeist" in Hegels Lebenswelt nachspüren will, dem bietet sie genügend Stoff. Nur, dass der Autor Hegel als philosophischen Sonnengott präsentiert, neben dem alles andersartige Denken zu Asche zerfällt, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Klaus Vieweg, "Hegel - Der Philosoph der Freiheit", C.H. Beck Verlag

Andreas Puff-Trojan

Johannes Frasnelli: "Wir riechen besser als wir denken"

Kaffee, Rosen, Wein: Sofort hat man einen Geruch in der Nase, der Erinnerungen abruft. Das ist uns spätestens seit Marcel Prousts Suche nach der verlorenen Zeit klar. Aber erst seit kurzem wissen wir, wo im Gehirn Riechreize überhaupt verarbeitet werden. Und dass wir hundertmal mehr Rezeptoren für das Riechen haben als für das Sehen. Die lange vernachlässigte Erforschung des Geruchssinns hat nun Fahrt aufgenommen. Einer der führenden Wissenschaftler in diesem Bereich ist der Meraner Johannes Frasnelli, der in Kanada daran arbeitet, den Geruchssinn zur Früherkennung von Alzheimer nutzbar zu machen. Er konnte etwa nachweisen, dass sich das Gehirn von Riech-Profis wie Meister-Sommeliers deutlich unterscheidet vom Gehirn eines durchschnittlichen Menschen. Riechtraining verändert das Gehirn, und das ist eine gute Nachricht. Ebenso, dass wir uns Pheromon-Spars sparen können, wenn wir unsere Chancen bei der Partnersuche erhöhen wollen. Ein wenig Parfum bewirkt da mehr.

Johannes Frasnelli, "Wir riechen besser als wir denken - Wie der Geruchssinn Erinnerungen prägt, Krankheiten vorhersagt und unser Liebesleben steuert", Molden Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Wolfgang König: "Geschichte der Wegwerfgesellschaft"

Täglich schmeißen wir nach dem Einkauf Verpackungen in den Müll. Auf der Toilette spülen wir Verbrauchtes hinunter. Lebensmittel landen im Abfall. Kleidung wird aussortiert. Auch die Entscheidung langlebige Güter loszuwerden, fällt nicht allzu schwer. Wir leben in der viel zitierten "Wegwerf-Gesellschaft". Aber wie ist diese entstanden? Wann setzten wesentliche Entwicklungen ein, die das leichtfertige Wegwerfen zur gesellschaftlich akzeptierten Praxis machten? Wolfgang König hat viel Datenmaterial gesammelt, um aufzuzeigen, wann und warum Müll von einer überschaubaren Notwendigkeit zum globalen Problem geworden ist. Für ihn führt nur ein Weg aus der Sackgasse Wegwerfgesellschaft: Weniger produzieren, konsumieren und wegwerfen, sowie Produkte länger nutzen.

Wolfgang König, "Geschichte der Wegwerfgesellschaft - Die Kehrseite des Konsums", Franz Steiner Verlag

Ivo Kaufmann

der Vatikan um 1931

ASSOCIATED PRESS

Johannes Sachslehner: "Hitlers Mann im Vatikan"

Walther Rauff war für den Bau mobiler Gaswagen verantwortlich, in denen eine halbe Million Menschen ermordet wurden. Franz Stangl war Kommandant der Vernichtungslager Sobibor und Treblinka. Eduard Roschmann war Kommandant des Ghettos in Riga, seine Schreckensherrschaft brachte ihm den Beinamen "Der Schlächter von Riga" ein. Diesen und weiteren NS-Kriegsverbrechern verhalf der Grazer Bischof Alois Hudal in der unmittelbaren Nachkriegszeit über ein von ihm im Vatikan geleitetes Institut zur Flucht nach Argentinien oder Syrien. Mit einem Zynismus sondergleichen rechtfertigte er seine Fluchthilfetätigkeit als Caritas an armen Opfern einer rachgierigen Siegerjustiz. Was diesen Alois Hudal antrieb, wie er sein Netzwerk aufbaute und warum er nie zur Rechenschaft gezogen wurde, das schildert Johannes Sachslehner in diesem Buch über ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Kirche.

Johannes Sachslehner, "Hitlers Mann im Vatikan - Bischof Alois Hudal", Molden Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Bildband "Havanna"

Ursprünglich wurde Havanna im Jahr 1514 oder 1515 gegründet, am 16. November 1519 aber wurde Havanna aufgrund der überaus günstigen Lage in die Bucht Puerto de Carenas verlegt. Und weil man da ein genaues Datum hat, werden eben jetzt 500 Jahre Havanna gefeiert. La Habana - übersetzt die Schöne, ist eine Metropole, an der die fünf Jahrhunderte nicht spurlos vorübergegangen sind. Nachdem die UNESCO den historischen Stadtkern zum Weltkulturerbe erklärte, wurden erste Sanierungsmaßnahmen eingeleitet, die aber Anfang der 1990er Jahre abrupt versandeten. Seitdem stehen verfallende Gebäude neben restaurierter Pracht. Der Lateinamerika-Experte und Professor für Politikwissenschaften Bert Hoffmann und der Fotograf Sven Creutzmann haben sich zusammengetan, um zum Jubiläum ein vielschichtiges Porträt der karibischen Weltstadt zu zeichnen.

"Havanna - Im Herzen Kubas", Bildband, Verlag Frederking & Thaler

Maicke Mackerodt

Jan Werner Müller: "Furcht und Freiheit"

Vor drei Jahren landete er mit seinem Essay "Was ist Populismus?" einen Bestseller. Schließlich hatte nicht nur Europa einen Aufstieg von Populisten zu verzeichnen, es hatte auch die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA Erklärungsbedarf geschaffen. Als zentrales Kennzeichen des Populismus macht Müller dessen Alleinvertretungsanspruch aus, einen Antipluralismus, der seiner Tendenz nach antidemokratisch sei. Populismus, sagt Müller, beruhe letztlich immer auf einer Unwahrheit, nämlich der Idee, es gebe ein homogenes Volk mit einem singulären authentischen Willen, den nur die Populisten kennen würden. Nun hat der seit 2005 Politische Theorie und Ideengeschichte an der Princeton University lehrende Jan Werner Müller ein Plädoyer für einen anderen Liberalismus veröffentlicht. Er wolle keine detaillierten Lösungsvorschläge ausbreiten, erklärt Müller dezidiert, sondern strebe eine Orientierungshilfe für politische Urteile an.

Jan Werner Müller; "Furcht und Freiheit - Für einen anderen Liberalismus", Suhrkamp Verlag

Kirstin Breitenfellner

Josef H. Reichholf: "Das Leben der Eichhörnchen"

Hansi nennt man in Wien, Graz und weiteren Teilen Österreichs die Eichhörnchen. Als anpassungsfähiger Waldbewohner fühlen sich die quirligen Kletterer auch in Parks und Gärten des urbanen Raums wohl. Auch weil sie wenig scheu und tagaktiv sind, zählen sie zu den Sympathieträgern unter den Tieren. Der Evolutionsbiologe klärt die Leserinnen und Leser nicht nur über die Zusammenhänge von Physiologie, Ernährungsgewohnheiten, Fortpflanzung und Verbreitung des Eichhörnchens auf, sondern zeigt auch keinerlei Scheu, auf Erlebnisse und Erfahrungen aus der eigenen Kindheit zurückzugreifen. Dabei geht es dem erfolgreichen Sachbuchautor, der davor unter anderem über Schmetterlinge, Vögel oder die Sesshaftwerdung des Menschen geschrieben hat, keineswegs darum, mit wohlfeilen Anekdoten zu punkten. Vielmehr übt der Ökologe auch Kritik an einigen Mythen, die von selbst ernannten Natur- und Tierschützern verbreitet und aufrechterhalten werden - etwa dem, dass Fauna und Flora immer dann am besten gedeihen, wenn sich der Mensch heraushält.

Josef H. Reichholf, "Das Leben der Eichhörnchen", Hanser Verlag

Klaus Nüchtern

Service

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