Bücherstapel

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Kontext

Sachbücher und Themen

Von den Krisenherden dieser Welt über Entdeckungen der Neurowissenschaften bis zu den schönen Künsten. "Kontext" bietet Orientierungsservice im Sachbuch-Dschungel. Reportagen, Diskussionen, Rezensionen, Studiogespräche, Hintergrundberichte zu spannenden Büchern über Zeitgeschichte, Wirtschaft und Wissenschaft. Und ab und zu darf auch gelacht werden.

I./M. Yalom: "Unzertrennlich"

Er ist Psychoanalytiker und Psychotherapeut von weltweitem Renommee, sie war eine der angesehensten Literaturwissenschaftlerinnen der USA: Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom waren 65 Jahre miteinander verheiratet, als sie im Jahr 2019 eine folgenschwere Diagnose bekam: Sie würde an Knochenmarkkrebs leiden. Als nach einiger Zeit klar wurde, dass Marilyn Yalom an dieser Krankheit sterben würde, beschloss sie, gemeinsam mit ihrem Mann Irvin ein Buch über die letzte Phase ihres gemeinsamen Lebens zu schreiben. Dieses Buch ist nun - zwei Jahre nach dem Tod der prominenten Wissenschaftlerin - unter dem Titel "Unzertrennlich" in deutscher Übersetzung erschienen. Eine herzzerreißende Lektüre.

Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom, "Unzertrennlich - Über den Tod und das Leben", Übersetzung von von Regina Kammerer, btb

Günter Kaindlstofer

Elmar Schenkel: "Unterwegs nach Xanadu"

Wenn wir reisen und fremde Länder und Kulturen erkunden, sind oft die beglückendsten Momente jene, in denen wir in Kontakt mit den dort lebenden Menschen kommen. Bei Begegnungen und in Gesprächen lernen wir meist viel mehr über Gebräuche, Traditionen und Lebensumstände als beim Sightseeing und Abfotografieren von Sehenswürdigkeiten. Von Yoga über Haikus bis Zen: Elmar Schenkel nimmt uns mit auf eine spannende Entdeckungsreise durch die Geschichte des kulturellen Austauschs des Westens mit Ost- und Südostasien.

Elmar Schenkel, "Unterwegs nach Xanadu - Begegnungen zwischen Ost und West", Fischer

Uli Jürgens

Helga Lüdtke: "Der Bubikopf"

The Roaring Twenties, Les annees folles oder Die goldenen Zwanziger Jahre - da schwingt an Assoziationen der Tanz auf dem Vulkan mit, erste Schritte zur Befreiung der Frau und natürlich der Bubikopf: jene Kurzhaar-Frisur, die zwischen 1924 und 1929 die Mode- und Lifestyle-Magazine dominierte. Der aus Paris kommende "Coupe a la garconne"-Schnitt wirkte auf viele wie ein Schock: Wider die Natur wäre er, er würde die Frau vermännlichen, verunsicherte Männer beklagten eine Entsexualisierung der Frau. Wieviel mehr Freiraum das Großstadt-Phänomen Bubikopf-Frisur den Frauen wirklich brachte, das untersucht Helga Lüdtke in einem Buch über männlichen Blick und weiblichen Eigen-Sinn.

Helga Lüdtke, "Der Bubikopf - Männlichen Blick und weiblichen Eigen-Sinn", Wallstein

"Kontext"-Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl

I. Goldin/R. Muggah: "Atlas der Zukunft"

Die meisten der Herausforderungen, mit denen sich die Menschheit aktuell konfrontiert sieht, sind global und viele der Bedrohungen existentiell: Klimawandel, Migration und Pandemien etwa. Lösungen für diese Probleme erfordern neue Denk- und Handlungsmuster, die über die Grenzen der Nationalstaaten hinausgehen. Einen solchen Blick auf die Welt wollen Ian Goldin und Robert Muggah in ihrem "Atlas der Zukunft" vermitteln. Die darin versammelten Karten, Grafiken und Analysen machen grenzüberschreitende Phänomene einer globalisierten Welt sichtbar und liefern damit Perspektiven, die zur Überwindung aktueller Herausforderungen beitragen können.

Ian Goldin und Robert Muggah, "Atlas der Zukunft - 100 Karten, um die nächsten 100 Jahre zu überleben", Übersetzung von Tobias Rothenbücher, DuMont

Sophie Menasse

Plastiksackerl

APA/DPA/PATRICK PLEUL

Reiner Klingholz, "Zu viel für diese Welt"

Reiner Klingholz ist promovierter Chemiker beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Demografie und mit dem verheerenden Einfluss des Menschen auf seine Umwelt. Erst als Wissenschaftsjournalist, dann leitete er von 2003 bis 2019 das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, ein Thinktank zu globalen demografischen Fragen. In seinem Buch "Zu viel für diese Welt" bringt der renommierte Bevölkerungsforscher seine beiden Lebensthemen zusammen und geht der Frage nach, was es eigentlich heißt für den Planeten Erde, wenn demnächst acht Milliarden Menschen darauf Platz finden müssen. Das eigentliche Problem ist für den Autor eine gefährliche Mixtur aus anhaltendem Bevölkerungswachstum, nicht enden wollender Konsumexplosion und einem überproportionalen Ressourcenverbrauch.

Reiner Klingholz, "Zu viel für diese Welt - Wege aus der doppelten Überbevölkerung", Edition Körber

Maicke Mackerodt

Manuel Menrath: "Unter dem Nordlicht"

Die schockierenden Nachrichten aus Kanada reißen nicht ab: Immer neue anonyme Gräber auf dem Gelände ehemaliger kirchlicher Umerziehungslager für indigene Kinder werden entdeckt. Die Wut auf die Kirche wächst und äußert sich auch in Vandalismus in ganz Kanada. Während sich die kanadische Regierung bereits entschuldigt hat, fordern immer mehr Menschen eine offizielle Entschuldigung des Papstes. So auch der Schweizer Historiker Manuel Menrath. Er ist Experte für die Geschichte der indigenen Bevölkerung Kanadas und weiß, wie sehr diese noch heute an den Folgen der brutalen Umerziehung leidet. Für sein Buch "Unter dem Nordlicht" ist er noch vor der Coronakrise in entlegene kanadische Regionen gereist, um die Menschen kennenzulernen, deren Kultur seit Jahrtausenden existiert. Ivo Kaufmann hat das Buch gelesen, seinen Beitrag präsentieren Aimee Rehburg und Raphael Sas.

Manuel Menrath, "Unter dem Nordlicht - Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land, Galiani Berlin

Ivo Kaufmann

Lutz Hachmeister: "Hôtel Provençal"

Claude Monet und andere haben Ende des 19. Jahrhunderts die Strände an der französischen Riviera gemalt, als die Siedlungen dort verschlafene Kurorte für die tuberkulosegeplagte Aristokratie waren. Mit dem Jazz Age in den 1920er Jahren kam dann der Weltruhm als Emblem für Sex, Sea and Sand an die von Briten und reichen Amerikanern kolonisierte Côte d'Azur. Cole Porter hielt hier Hof, Picasso, Hemingway und F. Scott Fitzgerald zogen Wall-Street-Banker und Industriebarone sowie deren Gefolge an. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam ein Zweites Jazz Age, aber auch die Filmindustrie sowie die Halbwelt, die Côte d'Azur wurde zum Synonym für Juwelenraub, Casinobetrug und Superyachten. Reichtum aus nicht immer klaren Quellen dominiert auch heute noch die Atmosphäre an dieser prestigeträchtigen Sommerdestination.

Lutz Hachmeister, "Hôtel Provençal - Eine Geschichte der Côte d'Azur", C. Bertelsmann

"Kontext"-Heimstudiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Peter Burke: "Giganten der Gelehrsamkeit"

Der heute 83-jähjrige Historiker Peter Burke war bis zu seiner Emeritierung Professor an der University of Cambridge. Sein eigentliches Spezialgebiet ist die Renaissance. Doch Burke hat auch über anderes nachgedacht und geschrieben: Über Soziologie und Geschichte im Allgemeinen, über die Sozialgeschichte der Sprache und auch über die Explosion des Wissens im Digitalen Zeitalter. Man könnte also sagen: Peter Burke ist ein Gelehrter mit breiter, ja, fast universeller Ausrichtung. Was Wunder also, dass der Historiker nun eine "Geschichte des Universalgenies" vorgelegt hat - von Aristoteles bis zu Umberto Eco und noch namenlosen künstlichen Intelligenzen.

Peter Burke, "Giganten der Gelehrsamkeit - Die Geschichte der Universalgenies", Übersetzung von Matthias Wolf und Ursula Wulfekamp, Wagenbach Verlag

Andreas Puff-Trojan

Blauer Himmel

APA/DPA/ARNO BURGI

N. Mappes-Niediek: "Der Himmel über Europa ist geteilt!"

Der Westen benimmt sich gegenüber Osteuropa belehrend bis ignorant, behauptet Norbert Mappes-Niediek. Der langjährige Osteuropa-Korrespondent bricht von Graz aus immer wieder in nach Ost- und Südosteuropa auf; besonders die Länder des ehemaligen Jugoslawiens hat er intensiv bereist. Norbert Mappes-Niedieks Buch durchzieht Verständnis und Sympathie für die Länder Osteuropas. Sein Verdienst ist es, kundige Erklärungsversuche für Widerspenstigkeit und mangelnde Willfährigkeit gegenüber westlichen Normen und westlicher Moral zu bieten - auch gegenüber als schulmeisterlich empfundener westlicher Diskussionskultur. Mappes-Niediek zitiert den ungarischen Schriftsteller György Konrad: "Der Westler fühlt sich immer in seiner Logik, der Ostler immer in seiner Würde verletzt."

Norbert Mappes-Niediek, "Der Himmel über Europa ist geteilt! - Warum der Westen den Osten nicht versteht", Christian Links Verlag

Alexander Musik

Johann Chapoutot: "Gehorsam macht frei"

Im Mittelpunkt von Johann Chapoutots Buch steht die Person von Reinhard Höhn, Jurist und hochrangiger SS-Mann. Während des Zweiten Weltkriegs war Höhn federführend beteiligt an einer neuen Konzeption der Verwaltung. Reinhard Höhn und seine Kollegen befassten sich dabei mit Fragen des Managements von - unter Kriegsbedingungen immer knapper werdenden - Ressourcen, und eingehend auch mit dem Thema "Menschenführung". Nach dem Krieg fiel es Höhn und seinen Kollegen daher auch relativ leicht, sich den veränderten politischen Bedingungen in der Bundesrepublik Deutschland mit ihrer "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" anzupassen und neu Fuß zu fassen. Höhn tat dies, indem er 1956 in Bad Harzburg die "Deutsche Hochschule für Management" gründete. Bis zu Höhns Tod im Jahr 2000 durchliefen etwa 600.000 Führungskräfte aus den wichtigsten deutschen Unternehmen diese Akademie. Chapoutot steuert mit seinem Buch ein interessantes und wenig bekanntes Kapitel zur Geschichte des Managements vor und nach 1945 in Deutschland bei.

Johann Chapoutot, "Gehorsam macht frei: Eine kurze Geschichte des Managements - von Hitler bis heute", Übersetzung von Klemens Klünemann, Propyläen Verlag

Richard Brem

Jens Balzer: "High Energy"

Zu Beginn der 80er Jahre spitzte sich der Kalte Krieg zu, groß war die Angst vor einer atomaren Apokalypse. Auch Walsterben und saurer Regen schienen ein nahes Ende heraufzubeschwören, Mitte der 80er wurde dann noch das Ozonloch entdeckt und 1986 schrammte die Welt beim Reaktor-Unfall in Tschernobyl nur ganz knapp an der Mega-Katastrophe vorbei. Die 80er waren aber auch ein Jahrzehnt des technischen Wandels und der Entfesselung neuer Energien: HI-NRG heißt nicht umsonst das musikalische Genre, mit dessen Erfindung der Pop der 80er beginnt. Die 80er sind auch das Jahrzehnt, in dem die Optimierung des Körpers, durch Joggen und Aerobic, einsetzt, die Geschlechterrollen weichen sich auf, androgyne Künstler wie Grace Jones werden zu Stars. Jens Balzer porträtiert die 80er Jahre als pulsierendes Jahrzehnt.

Jens Balzer, "High Energy: Die Achtziger - Das pulsierende Jahrzehnt", Rowohlt Berlin

Heimstudiogespräch mit Wolfgang Ritschl

Jochen Hörisch: "Hände"

Jochen Hörisch, Jahrgang 1951, war Professor für Neuere Germanistik und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Bei ihm lässt sich lernen, dass auch Napoleon, Nietzsche und Beethoven Linkshänder waren. Ein Kapitel seines Buches widmet er der Anthropologie der Hand. Vor allem aber präsentiert der Autor zahlreiche Lesefrüchte, die sein pointiert geschriebenes Buch nicht zuletzt zu einem Fundus literarischer Preziosen machen. Hörischs Hände-Studie wird begleitet von der Frage nach den Handlungsräumen unserer Existenz. Der Autor regt zum Nachdenken darüber an, ob und in welchem Maße wir das Leben und unser Glück in der Hand haben oder nicht. Zwischen dem stets unfreiwilligen Anfang und der Möglichkeit eines selbstbestimmen Endes spannt Jochen Hörisch den weiten Bogen seiner Erkundungen. Egal, wo man das Buch aufschlägt: Die assoziativ mäandernden Überlegungen überraschen immer wieder und sind zugleich auf unterhaltsame Weise lehrreich.

Jochen Hörisch, "Hände - Eine Kulturgeschichte", Hanser Verlag

Holger Heimann

Alte Illustration zeigt versklavte Menschen in Louisiana

AP

Andreas Eckert: "Geschichte der Sklaverei"

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Sklaverei“ hören? An das alte Rom vielleicht – oder an die Menschenschindereien, die auf den Baumwollfeldern von Alabama oder South Carolina über Jahrhunderte hinweg üblich waren. Indes: Sklaverei hat es zu fast allen Zeiten und an fast allen Orten dieser Welt gegeben. Und es gibt sie auch heute noch. Andreas Eckert, Professor für afrikanische Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, hat eine 128 Seiten schmale, aber ebenso gehaltvolle wie erschütternde „Geschichte der Sklaverei“ vorgelegt.

Andreas Eckert, "Geschichte der Sklaverei - Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert", C. H. Beck

Rezension: Stefan May

Rainer Hank: "Die Loyalitätsfalle"

Loyalität: Das Wort hat einen guten Klang. Loyalität gilt vielen als Tugend. Zu Recht? Der deutsche Wirtschafstpublizist Rainer Hank hat seine Zweifel daran. Warum, das erläutert der FAZ-Journalist, von Kritikern als Neoliberaler abgestempelt, in einem neuen Buch: „Die Loyalitätsfalle. Warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen“. Hank plädiert da auf 200 Seiten für einen aufgeklärten Individualismus.

Rainer Hank, "Die Loyalitätsfalle - Warum wir dem Ruf der Horde widerstehen müssen", Penguin Verlag

Rezension: Kirstin Breitenfellner

Marie-Theres Arnbom: "Die Villen vom Ausseerland"

Von romantischen Gemütern wird das Ausseerland als österreichische Seelen- und Sehnsuchtslandschaft gepriesen: herrliche Seen, saftige Wiesen, majestätische – aber nicht zu majestätische Berge. Eine Region, in die sich schon viele verschaut haben – von Erzherzog Johann bis Johannes Brahms, von Hugo von Hofmannsthal bis zum langjährigen Altausseer Sommergast Marcel Reich-Ranicki. Die Wiener Erfolgsautorin Marie-Theres Arnbom hat die Geschichte und die Gegenwart dieser urösterreichischen Region erforscht. In bewährter Weise mit Fokus auf die Villen des Ausseerlands.

Marie-Theres Arnbom, "Die Villen vom Ausseerland - Wenn Häuser Geschichten erzählen", Amalthea Verlag

"Kontext"-Studiogespräch mit Günter Kaindlstorfer

Fabian Sommavilla: "55 kuriose Grenzen"

Wir sind von Grenzen umgeben – immer und überall. Grenzen, die unseren persönlichen Lebensbereich definieren. Grenzen, die seit Jahrhunderten als Zankapfel für die jeweils Herrschenden dienen. Und Grenzen, die überwunden werden wollen, wenn man sich von einem Land ins andere bewegen will. Für ein Buch mit dem Titel „55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn“ hat der „Standard“-Journalist Fabian Sommavilla nun eine Reihe von erstaunlichen Geschichten gesammelt.

Fabian Sommavilla, "55 kuriose Grenzen und 5 bescheuerte Nachbarn", Katapult Verlag

Rezension: Uli Jürgens

Uli Jürgens

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