Menschen vor Riesenbüchern

APA/DPA/HENDRIK SCHMIDT

Kontext

Sachbücher im Dezember

Die monatlich erscheinende Sachbuch-Bestenliste der Medienpartner "Die Literarische Welt", Radiosender WDR 5, "Neue Zürcher Zeitung" sowie Ö1.

Unabhängiges Gremium

Unsere Liste wird von einem unabhängigen Gremium erstellt, dem Fachjournalisten und renommierte Publizisten angehören, darunter Wissenschaftler wie Herfried Münkler und Jochen Hörisch. Das Gremium, das ab Januar noch erweitert werden wird, ermittelt monatlich zehn Bücher auf Basis von Punkten. Jeder Juror, jede Jurorin kann 8, 6, 4 oder 2 Punkte für vier Bücher vergeben.

1. Sigmund Freud

"Dich so zu haben, wie Du bist. Die Brautbriefe", Band 5, herausgegeben von Gerhard Fichtner, Ilse Grubrich-Simitis und Albrecht Hirschmüller, S. Fischer Verlag. 716 Seiten

2. Sven Beckert

"Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution", übersetzt von Helmut Dierlamm, Werner Roller, Sigrid Schmid und Thomas Stauder, Rowohlt Verlag, 1279 Seiten

3. Gabriel Zuchtriegel

"Pompejis letzter Sommer. Als die Götter die Welt verließen", Propyläen Verlag, 320 Seiten

4. Giuliano da Empoli

"Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten", übersetzt von Michaela Meßner, C. H. Beck Verlag, 127 Seiten

5. Annekathrin Kohout

"Hyperreaktiv. Wie in sozialen Medien um Deutungsmacht gekämpft wird", Verlag Klaus Wagenbach, 160 Seiten

6. Florence Gaub

"Szenario. Die Zukunft steht auf dem Spiel", Deutscher Taschenbuch-Verlag (dtv), 507 Seiten

ex aequo, Christoph Safferling

"Ohnmacht des Völkerrechts. Die Rückkehr des Krieges und der Menschheitsverbrechen", Deutscher Taschenbuch-Verlag (dtv), 314 Seiten

8. Katja Gloger/Georg Mascolo

"Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik", Ullstein Verlag, 496 Seiten

9. Bernd Greiner

"Weißglut. Die inneren Kriege der USA. Eine Geschichte von 1900 bis heute", C. H. Beck Verlag, 464 Seiten

10. Birgit Aschmann

"Die Deutschen und die Natur. Eine andere Geschichte des 19. Jahrhunderts", Propyläen Verlag,714 Seiten

"Im Kampf gegen Rechts kennen wir keine Gnade - auch nicht die Gnade einer begrifflichen Differenzierung. Von gewaltbereiten Neonazis über identitäre Remigrationstheoretiker bis zu plakativen Populisten und zum CDU-Kanzler, von bürgerlichen Konservativen über migrationsskeptische Wissenschaftler bis zu Kritikern des Gendersternchens gilt alles als rechts und damit verwerflich. Zwar fiele es aus guten Gründen niemandem ein, nach linksextrem motivierten Attacken auf Politiker oder islamistisch motivierten Gewalttaten zu einem Kampf gegen Links oder den Islam aufzurufen, für das rechte politische Spektrum gilt diese vornehme Zurückhaltung aber nicht. Grund genug, sich einmal der Geschichte dieser politischen Verortungen im Links-rechts-Schema zu vergewissern. Der Würzburger Historiker Peter Hoeres legt nun eine kompakte und luzide Studie zu dieser Frage vor, die einen weiten Bogen schlägt: von den anthropologischen Fundamenten von Rechts und Links, der Bedeutung dieser Unterscheidung in den Religionen und im Straßenverkehr - der Rechtsverkehr geht auf Napoleon zurück! - bis zur Politisierung dieser Orientierungshilfen seit der Französischen Revolution. Hoeres macht kein Hehl aus seiner Ansicht, dass er die pauschale Denunziation und Verdächtigung der Rechten für einen demokratiepolitischen Fehler hält und dass er auf die Rückkehr von 'Rechts' in die politische „Normalsprache“ hofft, denn für ihn gilt: 'Rechts und Links sind ungleiche Geschwister, die einander bedürfen.' Auch wenn man diese Ansicht nicht teilt, wird man diesen Essay mit Gewinn lesen - sofern es darum geht, jenseits von Schlagworten und reflexartigem Aktionismus politisch brisante Begriffe mit historischem Wissen und analytischer Präzision zu schärfen. (Konrad Paul Liessmann)