Gedanken für den Tag

"Die Weisheit der indianischen Völker Kolumbiens" von Werner Hörtner

Werner Hörtner ist Redakteur bei der entwicklungspolitischen Zeitschrift "Südwind".

Ökologie ist Religion

"Was ist das Wichtigste im Leben?", fragte ich meinen Begleiter, Mamo Francisco Zabaleta. "Die wichtigste Qualität eines Menschen ist es, die ,leyes de orígen' zu kennen und einzuhalten, das sind die ursprünglichen Gesetze der Natur und des Lebens", war seine Antwort.

Im hohen Norden Kolumbiens, nahe der Karibikküste, erheben sich die vergletscherten Gipfel des Gebirgsmassivs der Sierra Nevada de Santa Marta bis in eine Höhe von fast 6000 Metern. In den Gebirgstälern und an den Flanken dieses Massivs leben noch einige indianische Völker wie die Kogi und die Arhuacos. Sie leben großteils noch wie ihre Vorfahren vor der Zeit der spanischen Eroberung und pflegen noch die alten Riten. Die spirituellen Führer der Arhuacos werden Mamos genannt, Mamo Francisco ist einer von ihnen. Sein kegelförmiger weißer Hut - einem türkischen Fes ähnlich - symbolisiert die Verbindung zu den verschneiten Gipfeln der Sierra, wo die Götter wohnen.

Doch nicht nur das ewige Eis ist der Sitz der göttlichen Wesenheiten. Diese befinden sich überall, in jedem Baum, jedem Lebewesen, jedem Stein. Das Wort Umweltschutz ist ihrem Sprachschatz fremd, ebenso der Ausdruck Ökologie. Es gibt keine Lehre von den Beziehungen zwischen den Lebewesen und der Natur, denn es gibt keine Trennung. Ökologie ist für sie Religion. Ihr Leben ist eingebettet in den Schoß der Großen Mutter Natur, zu der die Nabelschnur nie abgerissen wird.

Die Kogi und die Arhuacos bezeichnen sich selbst als die "Älteren Brüder" der Menschheit - im Gegensatz zu den "Jüngeren Brüdern". Das sind alle jene, die in den letzten 500 Jahren in ihr Land kamen oder die heute noch jenseits des großen Meeres leben. Und diese Jüngeren Brüder gefährden das Gleichgewicht der Welt - das haben die Mamos aus verschiedenen Signalen der Natur erkannt. Es ist fünf Minuten vor zwölf, sagen die Weisen der Sierra Nevada. Wenn wir keine radikale Umkehr einschlagen, wird das Leben auf der Erde sein Ende finden.

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