Gedanken für den Tag
"Lob des Zweifels und der Hoffnung" von Martin Urban
17. Juni 2010, 06:57
Martin Urban ist Wissenschaftspublizist in München.
Der Diplomphysiker, Gründer und langjährige Leiter der Wissenschaftsredaktion in der Süddeutschen Zeitung widmet sich in seinem "Ruhestand" auf durchaus anregende Weise theologischen, philosophischen und psychologischen Themen. Seine jüngsten Bücher tragen nicht von ungefähr Titel wie "Warum der Mensch glaubt. Von der Suche nach dem Sinn", "Wer leichter glaubt, wird schwerer klug. Wie man das Zweifeln lernen und den Glauben bewahren kann" oder "Die Bibel - Eine Biographie".
Gottesbilder
Der Mensch kann gar nicht anders, als sich Bilder zu machen; auch von seinem Gott. Der Gott des Alten Testaments will, anders als die anderen orientalischen Gottheiten, nicht im Bild verehrt werde. "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen .", heißt es im Dekalog. Für die reformierten Protestanten ist dies bis heute das 2. Gebot geblieben. Doch Jesus selbst hat seinen Jüngern sein Gottes-Bild vermittelt, eines die Menschen wie seine Kinder liebenden Vaters, der "Unser Vater im Himmel" angerufen werden darf, übrigens nicht "Heiliger Vater". Dieser ist nur ein Mensch.
Im biblischen Buch der Könige steht der merkwürdige Satz: "Die Sonne hat der Herr an den Himmel gestellt, er hat aber gesagt, er wolle im Dunkel wohnen." Im alten Orient ist nämlich der Gott Israels zunächst noch gemeinsam mit dem Sonnengott verehrt worden. Der von den Nationalsozialisten verfolgte deutsche Schriftsteller Jochen Klepper hat den Satz so gedeutet, dass aus Verzweiflung Hoffnung wird: "Gott will im Dunkel wohnen, und hat es doch erhellt." Daraus wurde ein Lied, das Eingang ins Evangelische Kirchengesangbuch fand.
Der Theologe und Widerstandskämpfer gegen Hitler, Dietrich Bonhoeffer, hat im Gefängnis sein Bild Gottes verbunden mit dem des Lichtes: "Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht". Wenige Monate vor seiner Ermordung schrieb er im Kerker der Gestapo diesen Satz in einem Gedicht als Schlusszeilen:
" . Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Service
Buch, Martin Urban, "Die Bibel. Eine Biographie", Verlag Galiani
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