Salzburger Nachtstudio
"Not specified". Vom Schwund der Identität. Gestaltung: Ulrike Schmitzer
30. Juni 2010, 21:00
Norrie May-Welby fühlt sich weder als Mann noch als Frau und galt für kurze Zeit auch offiziell als "ohne Geschlecht". Der/die Australier/in hatte vom Standesamt von New South Wales eine entsprechende Urkunde lautend auf "Sex not specified" ausgestellt bekommen. Ärzte hatten Norrie bescheinigt, dass das Geschlecht nicht zu bestimmen sei. Norrie war somit der erste androgyne Mensch. Ein paar Tage später wurde das Dokument allerdings für ungültig erklärt.
Identitäten verschwimmen heute. In den "Queer studies" werden Zuschreibungen nach Geschlecht vermieden, weil sie normativ sind. Identitäten werden zusehends von Grenzgängern mit flexiblen Lebensentwürfen unterlaufen.
Doch was ist überhaupt Identität? Sind das jene Merkmale, durch die sich ein Individuum vom anderen unterscheidet - wie Geschlecht, Name, Hautfarbe, Physiognomie oder auch Staatszugehörigkeit und Kultur? Gibt es die noch eindeutig bestimmbaren ethnischen Identitäten, fühlen sich nicht eher viele Migranten heute als Österreicher und Türken?
Die Debatte um ethnische Identität ist brisant, angesichts des gesellschaftlichen Wandels. Wie werden Identitäten bestimmt, wenn die Merkmale Arbeit und Familie immer weniger Menschen definieren? Wenn der "Identitätsverlust" massiv wird?
Die Entwicklung einer eigenen Identität ist nicht nur in der Jugend eine Entwicklungsaufgabe, meinte der Psychoanalytiker Erik H. Erikson. In der Psychologie spricht man von einer inneren Einheit der Person, die sich als "Selbst" erlebt. Über die Vielfalt von Identitäten diskutieren Kultur- und Medienwissenschafter sowie Psychologen.
Interviewpartner/innen:
Elisabeth Holzleithner, Institut für Rechtsphilosophie, Religions- und Kulturrecht, Universität Wien
Robert Pfaller, Philosoph
Ramona Loeschke, Psychologin
Hildegard Weiss, Soziologin
Andrea Sick, Medienwissenschafterin
Peter Berz, Philosoph
Stefan Rieger, Germanist und Philosoph
Natascha Frankenberg, Medienwissenschafterin
Michael Andreas, Medienwissenschafter
Service
Walter Benjamin: Der destruktive Charakter
Robert Pfaller: Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft: Symptome der Gegenwartskultur. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 2008
Peter Berz /Roger Caillois : Meduse & Cie, Verlag Brinkmann & Bose
Elisabeth Holzleithner: Geschlecht und Identität im Rechtsdiskurs, in: Beate Rudolf (Hg.),
Geschlecht im Recht. Eine fortbestehende Herausforderung (Querelles Jahrbuch 2009), Göttingen: Wallstein Verlag, 37-62
Elisabeth Holzleithner, Gerechtigkeit. Ein Band in der Reihe utb profile, 123 Seiten, Wien: facultas:wuv 2009
Maria Froihofer/Elke Murlasits/Eva Taxacher (Hg.), lieben. Lesbischwules Leben und Lieben in der Steiermark, Wien: Löcker Verlag 2010
