Gedanken für den Tag

"Zum 400. Todestag des Malers Caravaggio" von Johanna Schwanberg

Johanna Schwanberg ist Kunstkritikerin und Universitätsassistentin für Kunstwissenschaft und Ästhetik in Wien und Linz.

Er gilt als "Rockstar der Kunstgeschichte" - als verruchter, kompromissloser Künstler par excellence. Genial, zügellos, gewalttätig. Zugleich war seine unkonventionelle, sinnliche Malerei mit ihren dramatischen Licht- und Schatteneffekten lange in Vergessenheit geraten. Wie kaum ein zweiter ist der barocke Meister der Lichteffekte seit seinem Tod am 18. Juli 1610 von zahlreichen Mythen umgeben. Die "Gedanken für den Tag" gehen dem Menschen und Künstler anhand ausgewählter Bildbesprechungen unterschiedlicher Sujets (religiöse Motive, Stillleben, weltliche Porträts) auf die Spur und beleuchten das Faszinosum Caravaggio auf vielgestaltige Weise.
Gestaltung: Alexandra Mantler

Ein blasser schwerer Männerkörper mit herunterhängendem Arm und geknickten Beinen schwebt über einem geöffneten Grab. Im Hintergrund eine beängstigende Dunkelheit. Gehalten wird der sinkende Körper in erster Linie von einem bäuerlich gekleideten Mann mit sehnigen nackten Beinen. Unterstützt wird er von einem zweiten, zarteren Mann, der den Oberkörper trägt. Dahinter drei weinende Frauen unterschiedlichen Alters. An sich keine ungewöhnliche Szene und auch für biblisch nicht sonderlich bewanderte Betrachterinnen und Betrachter schnell als "Grablegung Christi" zu erkennen. Mit Nikodemus, Johannes, der Muttergottes, Maria Magdalena und Maria Cleophas. Dennoch interessiert mich dieses Bild, das Caravaggio um 1604 für die "Chiesa Nuova" in Rom malte, mehr als so manch andere Grablegung. Neben der dramatischen Lichtinszenierung und der realistischen Körperlichkeit fasziniert mich die Art und Weise, wie der Maler mich als Betrachterin in das Bild holt. So lässt er den tragenden Nikodemus so direkt aus dem Bild blicken, als würde er mich ansprechen wollen. Zugleich bezieht er die Welt außerhalb der Malerei mit ein, indem das Grab nicht im Bild liegt, sondern imaginativ unterhalb der gemalten Gruppe im realen Raum.

Besonders spannend ist die Dynamik dieses Gemäldes. Christus ruht weder auf dem Boden noch im Schoß Mariens. Es ist vielmehr der Prozess des Grablegens, den Caravaggio hier in einer nahezu filmischen Darstellung zeigt. Auch sind die Figuren durch ihre Gestik und Mimik fächerartig miteinander verbunden. Und die Steinplatten, auf denen die Männer stehen, sind äußerst labil befestigt. Alles, so scheint Caravaggio mit diesem Bild zu sagen, kann jede Sekunde ins Wanken geraten. Alles scheint miteinander in Beziehung zu stehen. Genau das mag ich an den Bildern Caravaggios. Sie führen mir keine endgültigen - weder religiösen noch weltanschaulichen - Wahrheiten vor Augen, sondern visualisieren vielmehr Augenblicke des Schwebens. Momente, in denen die Handlung des Einzelnen wie der Gruppe entscheidet, in welche Richtung es weitergehen wird.

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