Gedanken für den Tag
"Wir leben, weil wir uns begeistern" von Arnold Mettnitzer
24. Juli 2010, 06:57
Arnold Mettnitzer ist Theologe und Psychotherapeut in Wien.
Die Begeisterung als wesentliche Begleitmelodie des Alltags ist vielen in einer "überfunktionalisierten" Welt hoffnungslos abhanden gekommen und mit der verschwundenen Begeisterung auch die Lebensfreude. Und so ist es gut zu verstehen, dass die Menschen in einer solchen Gesellschaft krank werden. Wenn die Weltgesundheitsorganisation den westlichen Industriestaaten für die nächsten 20 Jahre den Anstieg von Angststörungen und depressiven Erkrankungen vorhersagt, dann kann die Schlussfolgerung daraus doch wohl nur lauten, dass unsere Gesundheit, das Wohlergehen an Leib und Seele in einen größeren Zusammenhang gestellt und aus einer völlig neuen Perspektive betrachtet werden muss.
Was wir brauchen sind kleine, aber ermutigende Beispiele täglicher Begeisterung, an denen deutlich wird, wie Leben gelingt und wie es anders gemacht werden muss, damit es gelingen kann.
Gestaltung: Alexandra Mantler
Sokrates (469/470 v. Chr. - 399 v. Chr.) ist für das abendländische Denken der grundlegendste griechische Philosoph, der Sohn eines Bildhauers und einer Hebamme. Tag für Tag soll er sich einfach, fast ärmlich gekleidet auf den Straßen und Plätzen Athens aufgehalten haben, umgeben von einer bunten Schar von Schülern.
Er lehrt unentgeltlich und entwickelt eine Gesprächsmethode, die er "Mäeutik" = "Hebammenkunst" nennt. Die Grundlage dieser Kunst besteht in der Überzeugung, dass die Wahrheit dem Menschen nicht "hineingesagt", sondern "hebammengleich" aus ihm heraus "freigearbeitet" werden müsse. Dabei setzt er wie der Wanderprediger aus Nazareth auf die Heilkraft menschlicher Begegnung. Es geht in erster Linie nicht um Belehrung, sondern um Ermutigung in ausschließlicher Zuwendung dem Einzelnen gegenüber; es geht darum, aus einem Menschen HERAUSZUARBEITEN, was er braucht, um in dieser Welt seinen Platz zu finden. Dadurch werden dem hilfesuchenden, wissbegierigen, bedürftigen Menschen nicht zuallererst Fragen beantwortet, sondern Lasten von den Schultern genommen und ein neuer Blick geöffnet. Durch diese Erfahrung werden bisher überlagerte persönliche Kräfte im Menschen lebendig und können nach und nach beginnen, sich frei zu entfalten.
Es gibt einen Platon zugeschriebenen Brief, in dem er von seinen Schülern gefragt wird, wie man aus der Schar der vielen Interessenten die zukünftigen Philosophen erkennen könne. Platons Rat ist einfach: Fangt an, mit ihnen Gespräche zu führen. Diejenigen, die sich Notizen machen, schickt nach Hause, denn sie wollen Wissen als Besitz festhalten. Aus denen aber, die sich ins Gespräch vertiefen, wachsen die Freunde der Weisheit.
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