Salzburger Nachtstudio

Bourdieu und seine Erben. Die soziologische Feldforschung nach französischem Vorbild. Gestaltung: Ulrike Schmitzer

Der Philosoph Pierre Bourdieu hätte am 1. August seinen 80. Geburtstag gefeiert. Der im Jahr 2002 in Paris verstorbene Star-Philosoph schaffte, was kein Wissenschafter vor ihm erreicht hatte. Er machte einen 1.000-Seiten-Schmöker - die erste grundlegende Sozialrecherche Frankreichs - zum Bestseller: "Das Elend der Welt" inspirierte einen ganzen Wissenschaftszweig. Grazer Kulturanthropologen griffen seine Theorien und Feldforschungen auf und schrieben über "Das ganz alltägliche Elend. Begegnungen im Schatten des Neoliberalismus" (Löcker Verlag).

Wie der Franzose setzen die Grazer Forscher nicht bei der materiellen Armut, sondern beim gesellschaftlichen Leiden durch den Neoliberalismus an, beim Verlust sozialer Gewissheiten. "Für nicht gelingendes Leben ist jeder selbst verantwortlich" - mit dieser fatalen, neoliberalen Maxime gab sich Bourdieu nie zufrieden. Er entlarvte die Systeme, in die Sieger und Verlierer hineingeboren werden.

Der Bourdieu-Erbhalter Franz Schultheis in Genf arbeitet derzeit an einer Elendsstudie in Deutschland. Die Eliten, der "Habitus", das "Ritual", "das soziale Feld" - all diese Forschungsthemen wären ohne Bourdieus Theorien heute undenkbar. Und schließlich ist seit Bourdieus "raison d'agir" (Grund zu Handeln) die Rolle, die die Wissenschafter zu übernehmen haben, klar: mit ihrer Kompetenz in die Politik einzugreifen und "Gegenfeuer" gegen Menschenrechtsverletzungen, Rassismus oder Ausbeutung zu liefern. Bourdieu sprach sogar von "unterlassener Hilfeleistung", wenn Wissenschafter schweigen.

Interviewpartner/innen:
Franz Schultheis / Genf
Gunter Gebauer / Berlin
Gerhard Fröhlich / Universität Linz
Erziehungswissenschafter Christoph Wulf / Freie Universität Berlin
Gerlinde Malli / Universität Graz
Anita Niegelhell / Universität Graz
Harald Katzmair / FAS.research Wien
Günther Hefler / 3s research lab in Wien

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