Da capo: Im Gespräch
"Als Historiker bin ich eben auch Detektiv". Michael Kerbler spricht mit Tom Segev, Historiker und Journalist
24. September 2010, 16:00
Tom Segev ist Historiker und gilt als einer der bekanntesten Journalisten Israels. Fünf Jahre nach dem Tod von Simon Wiesenthal legt der in Jerusalem geborene Schriftsteller die erste Biografie jenes Mannes vor, der als sogenannter Nazi-Jäger bezeichnet wurde, "sein Leben lang aber ein Verfolgter blieb" (Tom Segev).
Faktum ist, dass Wiesenthal, der die Jahre von 1941 bis 1945 in mehreren KZ-Lagern interniert war, unmittelbar nach seiner Befreiung den Amerikanern eine Liste mit 91 Namen von Naziverbrechern übergab. Dem Historiker Segev war es möglich, als erster und bisher einziger Zugang zu Wiesenthals persönlichen Dokumenten zu bekommen.
Wiesenthals Archiv ist weder geordnet noch indiziert. "Hundertausende von Briefen, Zeitungsausschnitten und Notizen liegen unberührt in seiner kleinen Wiener Wohnung, so als hätte er noch gestern darin gearbeitet", so Segev. Dem Journalisten ist es gelungen, in Verschlussmaterial des israelischen Geheimdienstes Mossad, aber auch in Dokumente des Kreisky-Archivs Einblick zu nehmen. Segev beschreibt in seiner Biografie Wiesenthal als Zionismus-Kritiker. Dieser habe im Jahr 1946 den Köpfen der zionistischen Bewegung vorgeworfen, zu wenig während des NS-Regimes unternommen zu haben, um Juden zu retten. "Wir könnten auch einen Nürnberger Prozess gebrauchen, um all jene anzuklagen, die ihre Pflicht nicht erfüllt haben, uns gegenüber, unseren Familien gegenüber und dem jüdischen Volk", sagte Wiesenthal damals beim Zionistenkongress in Basel zu einem Freund.
Segev gehört zu einer Gruppe israelischer Historiker, die die Meinung vertreten, dass zur Errichtung des Staates Israel die Vertreibung eines Teils der arabischen Bevölkerung nötig war, was von der traditionellen israelischen Geschichtsschreibung bis dahin als freiwillige Migration gedeutet wurde. Daraus ergibt sich nach Meinung der "Neuen Historiker" eine Mitverantwortung des Staates Israel für den Nahostkonflikt und das palästinensische Flüchtlingsproblem.
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- Judentum
