Gedanken für den Tag

"Die Abenteuer des Lobens" - Über Kurt Marti und Marie Luise Kaschnitz. Von Cornelius Hell

Cornelius Hell ist Literaturkritiker und Übersetzer.

Das Leben loben bis in seine Abgründe hinein - ohne blind zu sein für Unrecht und Leid: Der 90-jährige Schweizer Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti und die vor 110 Jahren geborene Marie Luise Kaschnitz haben dafür eine poetische Sprache gefunden. Abseits harmloser Konvention haben sie damit ein Reservoir der Religionen neu zugänglich gemacht: Den Hymnus auf die Schöpfung, das dankbare Lob erfahrener Gnade. Oft ist es ein dissonantes, ein "barfüßig lob" (Kurt Marti). Und eine Anstiftung, nach eigenen Worten für außergewöhnliche Erfahrungen zu suchen. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

"Die Sprache, die einmal ausschwang Dich zu loben, / Zieht sich zusammen, singt nicht mehr / in unserem Essigmund". So hat Marie Luise Kaschnitz, die heute vor 110 Jahren in Karlsruhe geboren wurde, ihre Erfahrung mit den Lobliedern auf Gott zusammengefasst. Kaschnitz kommt aus der christlichen Tradition, und da spielte das Lob Gottes immer eine zentrale Rolle - nicht nur in den kirchlichen Gebetsbüchern, sondern auch in der sogenannten christlichen Dichtung. Aber mitten im 20. Jahrhundert, als ihr Gedichtzyklus "Tutzinger Gedichtkreis" entstand, machte sie die Erfahrung, dass das Gotteslob nicht mehr funktioniert. Es ist überdeutlich, dass diese Erfahrung für Marie Luise Kaschnitz schmerzlich ist, formuliert sie doch ihren Abschied von den Hymnen auf Gott und Schöpfung selbst in einer hymnischen Sprache, die an Gott gerichtet ist. "Irgendwo anders hinter sieben Siegeln / Stehen Deine Psalmen neuerdings aufgeschrieben", heißt es wenige Zeilen später. Die Psalmen, die einzigartige religiöse Lyrik des Judentums, das gemeinsame Fundament jüdischer und christlicher Gebetstradition - die Psalmen wenden sich vor allem in zwei Sprechhaltungen an Gott: In der Klage und im Lobpreis. Aber der Lobpreis, so die Erfahrung von Marie Luise Kaschnitz, gelingt nicht mehr: "Die Sprache ... zieht sich zusammen ... in unserem Essigmund".

Genau 20 Jahre jünger als Kaschnitz ist der Schweizer Schriftsteller Kurt Marti; er wird heute 90 Jahre alt. Marti, der sein ganzes Berufsleben lang reformierter Pfarrer war und die biblischen Psalmen und christlichen Hymnen in- und auswendig kennt, will auf das Lob Gottes nicht verzichten – und fühlt sich dabei in einem seiner Gedichte wie Don Quijote:

wer ach lachte nicht
da quijote der narr
sich dennoch und blindlings stürzt
in die abenteuer des lobens?

Was ist es, das Kurt Marti und Marie Luise Kaschnitz, aber auch viele andere Poetinnen und Poeten so beharrlich um das Thema des Lobes kreisen lässt? Was fehlt den Menschen, und wie verändert sich die Kunst, wenn der enthusiastische Lobpreis des Lebens nicht mehr möglich ist?

Service

Buch, Marie Luise Kaschnitz, Gedichte, ausgewählt von Peter Huchel, Suhrkamp BD. 436
Buch, Marie Luise Kaschnitz, Gedichte, ausgewählt von Elisabeth Borchers, Insel Taschenbuch Nr. 2803
Buch, Christian Büttrich, Norbert Miller (Hg.), Gesammelte Werke, Insel Verlag, antiquarisch
Buch, Kurt Marti, Gott im Diesseits. Versuche zu verstehen, Radius Verlag
Buch, Kurt Marti, Abendland. Gedichte, Luchterhand Verlag, antiquarisch
Buch, Kurt Marti, Mein barfüßig Lob. Gedichte, Luchterhand Verlag, antiquarisch

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