Gedanken für den Tag

von Anita Pollak. "In den Hütten sollt Ihr wohnen" - Gedanken rund um die jüdische Holiday-Season

Wann und wie ein Jahr beginnt, ist eine Frage des Standortes und nicht zuletzt der Religion. Das jüdische Neujahr beginnt mitten im Herbst und läutet eine Zeit der Einkehr, der Umkehr, der Besinnung und der Buße ein, die im Versöhnungstag ihren Höhepunkt erreicht. Das darauf folgende einwöchige Laubhüttenfest dagegen ist ein fröhliches Familienfest.

Die Herbstfeiertage bilden das Zentrum des religiösen jüdischen Lebens. Was können sie heute bedeuten, wie werden sie in einer nicht-jüdischen Umgebung begangen und welche spirituelle Kraft geht von ihnen aus? Fragen und Gedanken der Kulturpublizistin Anita Pollak.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

"In den Hütten sollt Ihr wohnen, sieben Tage lang". Ein göttliches Gebot. Eine lakonische Anweisung.

Heute Abend beginnt für Jüdinnen und Juden das Laubhüttenfest. Ein Feiertag, dessen Bedeutung sich immer wieder gewandelt hat. Doch wie eh und je errichten gläubige Juden allerorts, zum Beispiel auch mitten in New York, eine Hütte auf ihrem Balkon oder einem anderen Platz unter freiem Himmel. Freilich nicht irgendeine Bretterbude, denn wie fast alles im Judentum ist auch dieser Hüttenbau genauestens vorgeschrieben.

Das wichtigste ist das Dach. Aus Zweigen gefügt soll es Schatten spenden, aber nachts den Blick auf die Sterne freigeben. In der bunt geschmückten Laubhütte, der Sukkah, wird gegessen, gefeiert, gesungen, gebetet. Sukkoth, so heißt es, ist ein fröhliches Familienfest, und die Fröhlichkeit ist sogar Teil des Gebots.

Warum aber soll man heute in wetterausgesetzten, meist engen Hütten sitzen und singen, wenn man daneben eine bequeme Wohnung hat? Eben deshalb. Die Hütte, ein vielfältiges Symbol, gemahnt an die Unsicherheit des Daseins. Ihr Schutz ist gering. Ohne Gottvertrauen, so kann man es verstehen, ist der Mensch ausgesetzt, unbehaust. Besonders dann, wenn er glaubt in einem sicheren Haus sicher sein zu können. Eine Hütte kann man schnell verlassen und weiterwandern, wenn es sein muss. Und es musste oft sein, in der jahrtausende alten Geschichte des jüdischen Volkes. Beginnend mit der Wanderung durch die Wüste Sinai, an die Sukkoth vor allem erinnert. Sesshaftigkeit war immer die Ausnahme. Daran sollen Menschen denken, wenn sie in einer Sukkah sitzen. "Damit auch eure künftigen Geschlechter erfahren, dass ich die Kinder Israels in Hütten wohnen ließ, als ich sie einst aus Ägypten hinwegführte", heißt es in der Bibel.

Innehalten und sich erinnern, das ist der Sinn vieler Feiertage. Sieben Tage in einer Hütte verbringen, vielleicht inmitten von Hochhäusern, das ist ein ziemlich starkes Statement.

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