Gedanken für den Tag

von Magdalena Miedl. "Faszination Film" - Irrsinn und Glück

Anlässlich des Filmfestivals "Viennale" spricht die Journalistin Magdalena Miedl in den "Gedanken für den Tag" über die Faszination, die von den bewegten Bildern ausgeht, vom "Camera Obscura" Kino.

Sie beschreibt dabei aus eigenem Erleben den Irrsinn und das Glück, das ein Filmfestival für Leib und Seele bedeuten kann, wenn sich das eigene Leben in den Bildern auf der großen Leinwand widerspiegelt oder ein Film dazu einlädt, sich mit dem ganz Anderen zu konfrontieren.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Eine Fischerhütte auf Stelzen, irgendwo in der Karibik. Ein Vater und sein kleiner Sohn beim Angeln nach Barracudas. Der kleine Bub beim Zeichnen, der Vater beim Reparieren der Hütte. Die Sonne, und das ständige Schwappen der Wellen, und das Blaugrün des klaren Wassers. Der mexikanische Film Alamar beschreibt Zustände wie im Paradies. Hier lernt ein Kind gemeinsam mit seinem Vater den Ort seiner Herkunft kennen, bevor es mit seiner Mutter nach Europa geht, um in einer Großstadt aufzuwachsen.

Selten hat mich ein Film so berührt wie dieser. Alamar ist voller Sehnsucht und Melancholie nach diesem verlorenen Paradies fernab aller Annehmlichkeiten der Zivilisation. Die Magie, die diese Bilder für mich haben, hat mich überrascht: Der Film erlaubt eine Realitätsflucht, die bis in den Alltag hinein dauert. Er hat mich auch nach dem Abspann nicht losgelassen, sondern mir einen anderen Blickwinkel auf so manches in meinem Leben ermöglicht.

Kino wirkt wie eine wahrnehmungsverändernde Droge: Es gibt kein anderes Medium, das so virtuos darin ist, seine Konsumenten emotional zu packen. Und die technischen Möglichkeiten werden immer raffinierter, den Zuschauer in die Welt des Films hineinzuziehen.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Mein eigenes Leben kann durch einen Film eine neue Dimension bekommen, ein neuer Blickwinkel erweitert meinen Horizont. Ich kann im Kino als Zuschauerin andere Perspektiven anprobieren wie fremde Kleidung. Was die Menschen auf der Leinwand erleben, kann ich verknüpfen mit meinen eigenen Erfahrungen. Oft genug, wenn ich im Leben in schwierigen Situationen war, schien es mir, als würde fast jeder Film von mir handeln.

Und was einen im Kino berührt, kann bis in die Wirklichkeit herüberreichen: Diesen Sommer habe ich auch in der Realität die Insel besucht, auf der Alamar gedreht wurde. Ich war im warmen salzigen Wasser schwimmen, ich habe den Wind gespürt und den Fisch geschmeckt. Es war eine großartige Reise. Und das Erstaunliche ist: Wenn ich daran zurückdenke, sind mir die Kinobilder fast intensiver im Gedächtnis. Die Sehnsucht, die sie geweckt haben nach diesem paradiesischen Ort, war wichtiger für mich als ihre Erfüllung.

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