Gedanken für den Tag

von Matthias Hartmann. "Wechsel und Veränderung"

Aus dramatischer, philosophischer und aus sehr persönlicher Sicht denkt Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann in den "Gedanken für den Tag" zum Jahreswechsel über Zeiten der Veränderung nach. Motive dafür liefern ihm auch die Stücke, die gerade auf dem Spielplan des Wiener Burgtheaters stehen - ebenso wie die, mit denen er sich in Hinsicht auf kommende Inszenierungen gerade beschäftigt.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

So wie "Manhattan", Woody Allens filmische Eloge auf New York, ohne Gershwins "Rhapsody in Blue" nur die Hälfte wert wäre, ist auch "Eine Mittsommernachts-Sex-Komödie", die wir am morgigen Silvesterabend in der Burg präsentieren werden, untrennbar mit einem Musikstück verbunden: Felix Mendelssohn-Bartholdys "Sommernachtstraum". Mendelssohn war gerade mal 17 Jahre alt, als er die Ouvertüre verfasste und Shakespeares Lustspiel auf kongeniale Weise in die Sprache der Musik übertrug. Schon oft wurde darauf hingewiesen, dass Mendelssohn seinen Vornamen zu Recht trug. Felix scheint in der Tat glücklich gewesen zu sein. Aus vermögendem Elternhaus stammend, mit reichlich Muße ausgestattet, umgeben von fesselnden Persönlichkeiten, die im Familienhaus ein und -ausgingen, kann es für den jungen Komponisten nicht schwer gewesen sein, sich in Shakespeares Zauberwelt wiederzufinden. Glaubt man Sebastian Hensels Chronik der "Familie Mendelssohn", lebte er in einer ähnlich luftigen Atmosphäre, in einer so gar nicht unerträglichen Leichtigkeit des Seins, wie sie Woody Allen viel später an der amerikanischen Ostküste wieder aufleben ließ. Darin heißt es: "Ein eigenes Geschick wollte, dass gerade in diesem Jahr 1826 sie selber in dem wunderschönen Garten, bei dem herrlichsten Wetter, auch ein traumartig fantastisches Leben führten. Das Gartenhaus bewohnte mit ihnen zusammen eine alte Dame nebst ihren schönen und liebenswürdigen Nichten und Enkelinnen. Mit diesen Mädchen waren Fanny und Rebekka befreundet, Felix mit seinen jungen Leuten schloss sich an, und die Sommermonate wurden zu einem ununterbrochenen Festtag voll Poesie, Musik, sinnreicher Spiele, geistvoller Neckereien, Verkleidungen und Aufführungen. ... Dies ganze Leben hatte unverkennbar eine höhere, luftige Stimmung, eine idyllische Farbe, einen poetischen Schwung, wie man ihn selten im gemeinen Leben findet. Kunst und Natur, Geist, Witz und Herz, die aufstrebende Genialität Felixens, alles trug dazu bei, dem Treiben Färbung zu verleihen, das dann seinerseits wieder mitwirkte, die Knospen in Felixens Schaffen zur Entfaltung zu bringen." Das Leben als ununterbrochener Festtag, als Lustspiel, überbordend mit Kunst und Geist, Witz und Herz ... Ich finde, man kann den "Sommernachtstraum" des Felix Mendelssohn-Bartholdy auch als Eloge auf das Theater hören.

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