Da capo: Tonspuren

"Old Shatterhand, das bin ich." Die abenteuerlichen Schreibtischreisen des Karl May. Feature zum 100. Todestag des Erfolgsschriftstellers. Von Peter Henisch und Eva Schobel

Im Frühjahr 1904 klopft Rudolf Lebius, Journalist und Winkelpolitiker, an die Tür der Villa Shatterhand in Radebeul, in der Karl May mit seiner zweiten Frau Klara wohnt. Die verleugnet ihn. Er sei auf Reisen. Als Kara Ben Nemsi im Orient oder als Old Shatterhand in Amerika. Tatsächlich versteckt sich May in seiner Schreibkammer und kommt erst hervor, als der unangenehme Besucher durchblicken lässt, dass er das weiß.

Lebius behauptet, eine Kampagne gegen die Rufschädigung Karl Mays organisieren zu wollen. Aber tatsächlich führt er Erpressung im Schilde. Der Hintergrund: Der populäre Autor hat die Abenteuer, die er immer obsessiver als die seinen ausgegeben hat, nie wirklich erlebt. Jedenfalls weder im Wildem Westen noch im Wilden Osten.

Sein Ruhm verdankt sich aber nicht zuletzt der vorgespiegelten Authentizität, die er am Schreibtisch erträumt. Jahrelang hat man ihn sein Garn spinnen lassen. Doch als der Mann zu berühmt wird und als Propagandist seiner selbst von immer mehr Fans besuchte Vorträge hält, in denen er die Identifikation mit seiner Ich-Figur auf die Spitze treibt, wird es einigen Leuten zu bunt. Im Nu ist eine Hetzmeute von moralisierenden Pressemenschen, klerikalen Heuchlern und geifernden Mitläufern hinter ihm her.

Aufgedeckt wird, dass der Bestsellerautor sein frühes Erwachsenenleben bis um die dreißig keineswegs auf Reisen sondern vorwiegend im Gefängnis verbracht hat. Wegen zum Teil geradezu origineller Hochstaplerdelikte musste der Sohn einer bitterarmen Weberfamilie mehr als sieben Jahre hinter Gitter. Von dort nahmen seine Fantasiereisen seinen Ausgang. Das von Eva Schobel gestaltete Feature erzählt nicht nur die Geschichte dieses tragikomischen Lebens, sondern lässt auch den österreichischen Schriftsteller Peter Henisch zu Wort kommen, der die Geschichte seiner Karl-May-Erfahrung erzählt.

Service

Freitag, 30.3.2012, 20.00 Uhr, Wien, Kammerspiele
Szenische Lesung: Vom Wunsch Indianer zu werden. Wie Franz Kafka Karl May traf und trotzdem nicht in Amerika landete.
Mit: Erwin Steinhauer (Karl May), Florian Teichtmeister (Franz Kafka), Silvia Meisterle (Klara May), Peter Henisch (Erzähler)

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