Gedanken für den Tag

"Der jüdische Jesus" - Joseph Lorenz liest Texte von Pinchas Lapide. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Schadenfreude, Feindeshass und Vergeltung des Bösen mit Bösem sind im Judentum nachdrücklich verboten, während Großmut und Liebesdienste für den Feind in der Not geboten werden - aber Feindesliebe als moralisches Prinzip scheint doch nur für Heilige zugeschneidert zu sein, wie fünf Jahrtausende von Weltgeschichte einhellig beweisen.
"Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen", heißt es in der Bergpredigt Jesu im Matthäus-Evangelium. Wenn Bismarck sagte, "mit der Bergpredigt lässt sich kein Staat regieren", dann dachte er wohl vorerst an diese Feindesliebe als Realprogramm im Ernstfall eines politischen Konflikts.

Überraschender klingt der Protest von der Gegenseite: "Mit der Bergpredigt kann man nicht revoltieren", so erklärte Herbert Marcuse, der Philosoph der Jungen Linken, auf einer Studentenversammlung in Berlin anno 1968.

Wenn man aber mit dieser Liebeslehre weder regieren noch revoltieren kann, kann man dann überhaupt mit ihr oder nach ihr leben? Ist das nicht sittliche Utopie? Ist das nicht eine Illusion?

Doch hier wird weder Sympathie noch Gefühlsduselei, Rührseligkeit oder gar Selbstaufgabe gefordert, denn weder Gefühle noch das Martyrium können befohlen werden, sondern einzig und allein "das Tun".

Da Jesus weder ein Schwärmer war noch ein Utopist, wohl aber ein welterfahrender Menschenkenner, verlangt er keine übermenschliche Selbstlosigkeit, keine Empfindungen, die so gut wie jedes Menschenherz überfordern müssten, sondern praktische Liebeserweise, wie etwa: Krankenbesuche, das heimliche Geben von Almosen, Beistand in der Not, Brotteilen mit den Hungrigen, und all die 1001 wirksamen Wohltätigkeiten, die Vertrauen schaffen, Feindschaft abbauen und die Liebe fördern. "Liebet eure Feinde" ist ein Aufruf zum versöhnlichen Umgang mit dem Gegner, der letzten Endes seine Entfeindung bezweckt.

Feindesliebe, jesuanisch verstanden, heißt also viel mehr als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, indem man den Feind erträgt oder ihn sich durch Höflichkeiten vom Leibe hält, sondern es geht um ein redliches Sich-Bemühen, ein Werben und ein Ringen um den anderen, auf dass er sich ändere, seinen Hass aufgebe und zum Bruder, zur Schwester werde.

Service

Buch, Pinchas Lapide, "Auferstehung. Ein jüdisches Glaubenserlebnis", LIT-Verlag
Buch, Pinchas Lapide, "Die Bergpredigt. Utopie oder Programm?", LIT-Verlag

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