Zwischenruf

von Superintendent Paul Weiland (St. Pölten)

Warum haben so viele Menschen heute den Eindruck, es geht nichts weiter? Ja, nicht nur das, viele meinen, es geht ständig nur bergab. Alles und jedes wird zur Krise. Die Bildung, die Wirtschaft, die Arbeit, die Politiker, der Staatshaushalt, die Kirchen, die Flüchtlinge.

In der Geschichte des protestantischen Holzknechts Georg Hubmer, genannt der Raxkönig, der Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts das niederösterreichische Raxgebiet um Naßwald kultiviert hat, gab es einen Holzknecht, der auf alle neuen Ideen, Initiativen und Vorhaben zur Bewältigung der Herausforderungen gesagt hat: "Des tuats nit." Er meinte damit, das ist unmöglich, das lässt sich nicht verwirklichen.

Georg Hubmer ist es aufgrund seiner Eigeninitiativen und dem Wahrnehmen seiner Verantwortung - auch für die gesamte Gemeinschaft der Holzknechte - gelungen, das Holz aus dem damaligen Urwaldgebiet durch die wilden Bergschluchten und das unwegsame Gelände nach Wien zu bringen. Er hat am Gscheidl nahe Lahnsattel den ersten alpenländischen Tunnel gebaut und zwei Flusssysteme, die Mürz und die Schwarza, verbunden, um das Holz durch den Berg flößen zu können. Er hat in Naßwald ein Bethaus und eine Schule gebaut, einen Friedhof errichtet und ist schließlich sogar Schifffahrtsunternehmer mit 30 Schiffen am Wiener Neustädter Kanal geworden. Heute noch sind Kirche, Friedhof und Gasthaus, das seinen Namen trägt, in dem kleinen niederösterreichischen Ort Zeugen dieser Zeit und dieses Engagements.

Warum erwähne ich diesen legendären Raxkönig? Weil ihn etwas auszeichnet, was heute vielfach fehlt und was zum Teil wenigstens wohl auch mitverantwortlich ist für den Zustand in unserer Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, viele Menschen haben heute die Grundstimmung, einfach einmal abzuwarten, was geboten wird. Anzutreffen ist vielfach die Erwartungshaltung, dass andere eigentlich zuständig sind und die einmal zeigen sollen, was sie können.

Die Schule ist das klassische Beispiel. Da erwarten viele Eltern, und oft auch die Gesellschaft, dass Versäumnisse in Erziehung und Bildung in der Familie in der Schule nachgeholt werden. Und viele Schülerinnen und Schüler sitzen im Klassenzimmer und warten einfach ab, was ihnen geboten wird. Passt es nicht in das derzeitige Lebensgefühl, schalten sie einfach ab oder reagieren sich durch Stören ab.

Das Wahrnehmen der eigenen Verantwortung wird Menschen heute aber oft auch schwer gemacht. Ich erwähne ein einfaches Beispiel aus dem Bereich der Ernährung. Durch die Fertigprodukte der verschiedensten Art ist es Menschen nur ganz schwer und nur mit erheblichem Aufwand möglich, festzustellen, wie viel er oder sie von einzelnen Inhaltsstoffen zu sich nimmt. Natürlich trägt auch die Globalisierung und weltweite Vernetzung zu diesem Gefühl der Ohnmacht und des Nichts-Tun-Können bei.

Manchmal habe ich aber den Eindruck, Menschen beobachten ihr reales Leben wie einen Film, der vor ihnen abläuft, und wundern sich dann, dass sie im falschen Film sitzen.

Ich denke, dass die Bewegung der Dorferneuerung, wie immer sie sich in den einzelnen Regionen nennen mag, ein gutes Modell für dieses partizipatorische Leben ist, und in einem relativ kurzen Zeitraum viel an Verbesserung, Erneuerung und Lebensqualität gebracht hat.

Als vor 500 Jahren Martin Luther die Reform der Kirche angegangen ist, war dieses Anliegen sowohl für das geistliche als auch für das weltliche Leben einer der zentralen Punkte. Nicht immer nur die Konsumenten- und die Konsumhaltung einnehmen, sondern sich selbst informieren, sich eigene Meinungen zu bilden, mitzugestalten und mitzuentscheiden, das war für Luther die Motivation der Bibelübersetzung in die deutsche Sprache und für seinen Einsatz für ein umfassendes Bildungsangebot für alle. Zur Eigenverantwortlichkeit gehört für mich, sensibel sein für die Menschen und die Entwicklungen um mich herum, wahrnehmen der Verantwortung in den Bereichen, in denen ich handeln kann, solidarisch sein in der Freude und im Leid der Mitmenschen.




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