Da capo: Tonspuren

Als Traumtänzer im Straßengraben. Die Wege des ungarischen Literaten und Neurologen Géza Csáth. Eine Spurensuche von Stefan Weber

Am Morgen des 20. April 1910 spritzt sich der 23-jährige Géza Csáth das erste Mal Morphium. Das Ende einer "durchwachten, von Angst und Verzweiflung erfüllten Nacht". Kurz zuvor ist bei ihm eine leichte Tuberkulose diagnostiziert worden.

Csáth, mit bürgerlichen Namen Jószef Brenner, wird 1887 im ungarischen Szabadka (dem heutigen Subotica in Serbien) in eine angesehene Anwaltsfamilie geboren und will Violinist oder Komponist werden. Er ist gerade sechzehn, als sein erstes Streichquartett uraufgeführt wird, "aber der schöpferische Drang tötete die zum Üben erforderliche Geduld in mir ab", also beginnt er zu schreiben. Buch- und Konzertrezensionen, danach erste Novellen. Schließlich studiert er in Budapest Medizin, schreibt aber weiterhin Prosa.

Seine Themen sind von Anfang an tabulos: Sadismus, Vergewaltigung, Mord und Pädophilie in der 'unschuldigen' Kleinbürgerwelt um die Jahrhundertwende. Dementsprechend werden seine Werke in Ungarn lange erfolgreich totgeschwiegen. Insgesamt entstehen zwischen 1908 und 1913 nebst wissenschaftlichen Publikationen zwei Dramen und fünf Novellenbände mit unverfänglichen Titeln wie "Der Garten des Zauberers" oder "Nachmittagstraum".

Nach dem Studium arbeitet Csáth ab 1910 als Neurologe an der Budapester Neuropsychiatrischen Klinik. Mit der Drogensucht beginnt der körperliche und moralische Zerfall Csáths, den er so minutiös in seinen Tagebüchern aufzeichnet, dass man meinen möchte, sein verwerfliches Leben diene ihm nur dazu, lückenlos bis zum Ende protokolliert zu werden.

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