Gedanken für den Tag

von Wolfgang Häusler, Historiker. "WIE WIR". Gestaltung: Alexandra Mantler

Wir schaffen das nicht allein

"Wir schaffen das". Angela Merkels Wort ist zur Entscheidungsfrage für das global verschuldete Flucht- und Migrationsproblem geworden. Die Negation folgte auf dem Fuß, zuletzt hilflos: "Wir schaffen das nicht allein." Unser, als Friedensprojekt gegründetes Europa ist zur Festung Frontex mit vorgelagertem Wassergraben Mare nostrum geworden, mit dichten Grenzen, Hotspots, Stacheldraht, Menschenkontingenten, in fragwürdigen Deals verhandelt, ein Instrumentarium "hässlicher Bilder" zur Abschreckung. Die Bilder sind freilich Realität: Ihr Hintergrund ist die von imperialistischen Macht- und Wirtschaftsinteressen erfasste Kriegszone vom Nahen zum Mittleren Osten, hin zum fälschlich Balkan genannten südosteuropäischen Raum, zusammen mit dem Scheitern des Arabischen Frühlings und der katastrophalen Situation Nord- und Zentralafrikas. Die Folgen dieses permanenten Kriegszustandes haben ihren Weg nach Europa gefunden.

Im siegreichen Wahlkampf 2008 gab Barack Obama auf die Frage, ob man in den USA Gerechtigkeit und Wohlstand schaffen, den Weltfrieden sichern könne, die Antwort: "Yes, we can." Die lateinamerikanische Entsprechung "Si, se puede" war in der Landarbeitergewerkschaft schon 1972 aufgetaucht. Das große Wir der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, verkörpert im Wirken von Martin Luther King, hallt nach: We shall overcome. Als Gospelsong begegnet We will overcome Some Day schon 1903; streikende Tabakarbeiterinnen und Tabakarbeiter formten die Baptistenhymne I'll be All Right zu We shall overcome, zum 1. Mai 1945, um.

Schillers Ode an die Freude (1785) ist als Schluss von Beethovens Neunter Symphonie die instrumental gespielte Europa-Hymne geworden. Wir sollten ihren vorrevolutionären Text in der gegenwärtigen Krise mitdenken, wenn wir "feuertrunken … das Heiligtum der himmlischen Freude betreten": "Bettler (nicht allein Menschen!) werden Fürstenbrüder … Männerstolz vor Königsthronen, dem Verdienste seine Kronen, / Untergang der Lügenbrut! …Rettung von Tirannenketten."

Die Stellung von Ich und Wir im Umbruch der Gesellschaft und Politik des Revolutionszeitalters hat Goethe vielfach gespiegelt. 1815, am Ende einer langen Kriegsperiode, die eine neue revolutionäre Geschichtsperiode eingeleitet hatte, dichtete er sein Symbolum, Glaubensbekenntnis heißt das, mit dem Ernst Blochs Prinzip Hoffnung vorwegnehmenden Appell: "Wir heißen euch hoffen."

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Titel: GFT 160609 Gedanken für den Tag / Wolfgang Häusler
Länge: 03:49 min

Komponist/Komponistin: Traditional
Album: STEAL AWAY
Titel: We shall overcome/instr.
Solist/Solistin: Charlie Haden /Bass
Solist/Solistin: Hank Jones /Piano
Länge: 02:00 min
Label: Verve 5272492

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