Radiokolleg - Artisten, Tierdressur und Clowns

Der europäische Wanderzirkus (1). Gestaltung: Christa Nebenführ

Wenn es nach frischem Popcorn, Sägespänen und Tieren riecht, und das Orchester den Triumphmarsch "Einzug der Gladiatoren" von Julius Fucík anstimmt, ist klar: Der Zirkus ist da!

Der klassische Wanderzirkus im großen Zelt, an welchen wir meist im ersten Impuls denken, hat sich erst um die vorletzte Jahrhundertwende in Europa etabliert. Die Namen Renz, Busch, Althoff, Rebernigg und Knie stehen im deutschsprachigen Raum für traditionelle Familienunternehmen, deren Stammbaum zum Teil bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. So war der Vater des Zirkusgründers Friedrich Knie Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia. Das Familienunternehmen ist heute mit dem Direktor des österreichischen Zirkus Louis Knie junior in der 7. Generation angekommen. Auch der Schweizer Nationalzirkus unter der Leitung von Franco, Fredy und Rolf Knie entstammt dieser Linie.

In den romanischen Ländern ist der Zirkus als traditionelle Kultur stark verankert und wird zum Teil subventioniert. Die Wurzeln der französischen Zirkusfamilie Bouglione gehen auf pakistanische Romanes zurück. Wegen der Diskriminierung dieser Volksgruppe wurde aber lange Zeit der Mythos aufrechterhalten, die Vorfahren hätten einer italienischen Seidenhändlerdynastie angehört. 1924 wurde die ursprüngliche Menagerie zum Cirque Bouglione, 1934 übernahmen die vier Brüder in Paris den Cirque d'Hiver, das feste Haus des Winterzirkus.

Christa Nebenführ hat die aktuellen Vorstellungen dieser beiden Unternehmen besucht und sich in den Pausen mit Artist/innen unterhalten. In Gesprächen mit Zirkusgründern und Museumsleitern ist sie den Ursprüngen des Wanderzirkus nachgegangen. Diese reichen bis zu den Gauklern des Mittelalters. Der Name "Circus" geht auf den ehemaligen Dragoner Philip Astley zurück, der 1768 südlich der Westminster Bridge in London Reitvorführungen organisierte. Mit der Unterwerfung von Kolonien in Übersee hielt die Dressur exotischer Wildtiere Einzug ins Programm. Auf alten Plakaten findet man die Überschrift: "Aus unseren Kolonien!" In Österreich ist - wie in Schweden, Finnland und Dänemark - seit 2005 die Haltung von Wildtieren für jeden durch das Land tourenden Zirkus verboten. Louis Knie, der schon als Kind die Dressur von Elefanten erlernte, dressiert daher inzwischen als besondere Attraktion Kühe.

Artisten, Tierdressur und Clowns gelten als die drei Säulen des Zirkus. Dabei sind Clowns wie der Spanier Charlie Rivel, der Franzose Jacques Lecoq, der Schweizer Grock, der Russe Oleg Popow, der Amerikaner Django Edwards und der Österreicher Bernhard Paul weit über die gewöhnlichen Zirkusdarbietungen hinausgewachsen und international bekannt geworden. Die Zukunft des Zirkus wird unterschiedlich eingeschätzt. Hightech-Shows wie die des kanadischen Cirque du Soleil, bei denen eine große Anzahl namenloser Akrobaten zu durchgeplanten Licht-, Musik- und Kostümeffekten auftritt, finden jedenfalls zurzeit oft zeitgleich auf allen Kontinenten statt.

Service

Jörn Merkert (Hrsg): Zirkus Circus Cirque. 28. Berliner Festwochen 1978. Ausstellung vom 9. 9. bis 5. 11. 1978. Verlag: Nationalgalerie Berlin1978

George Tabori: Unterammergau oder die guten Deutschen. Übersetzerin: Ursula Menck-Adrianí. edition suhrkamp 1981

Aglaja Veteranyi: Warum das Kind in der Polenta kocht. Roman. Verlag: dtv 2001

Carl Hagenbeck: Von Tieren und Menschen: Erlebnisse und Erfahrungen. Verlag: Hofenberg 2014. Erstdruck: Berlin (Vita Deutsches Verlagshaus) 1908.

Circus- & Clownmuseum Wien

Circus Louis Knie

Circus Roncalli

Circus Pikard

Cirque d' hiver Bouglione

Le cirque Bouglione

Cirque Romanes

Sendereihe