Kröten

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Klaus Taschwer über den spektakulären "Fall Kammerer"

Er hat Kröten geküsst, das Treiben von Salamandern erforscht, und er war ein glühender Verehrer Alma Mahlers. Der Journalist Klaus Taschwer hat einem ungewöhnlichen Grenzgänger der Naturwissenschaft sein jüngstes Buch gewidmet. Der Band mit dem Titel "Paul Kammerer. Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit" wird übermorgen Sonntag im Wiener Jüdischen Museum präsentiert.

Es war im frühen 20. Jahrhundert, als Kammerer die internationale Fachwelt mit einem spektakulären Experiment aufhorchen ließ: Er bewies, dass Lebewesen neue - vererbbare - Eigenschaften ausbilden, wenn man deren Umwelt verändert. Paul Kammerers Anschauungsobjekt: die Geburtshelferkröte.

Daher kommt auch Kammerers Beiname, der "Krötenküsser": der Forscher, der Tiere bei seinen Versuchen niemals quälte, war ob des Ergebnisses so entzückt, dass er jene mutierte Kröte an sich drückte und innig herzte. Die Veränderung an den Beinchen der Tiere enthielt aber auch eine epochale gesellschaftspolitische Botschaft: Denn Kammerer folgerte, dass sich durch Verbesserung der Lebenswelt auch bessere Menschen schaffen ließen. Das Rote Wien mit seinem Credo, die Lebensqualität der armen Gesellschaftsschichten zu verbessern, auf dass diese selbst zu klügeren und gesünderen Menschen würden, erklärte Kammerer zum Vordenker. Die Reformidee sprach sich bis nach Moskau herum, wo man Kammerer eine Professur an einer Universität anbot.

Bei aller wissenschaftlichen Akribie war Paul Kammerer aber auch ein begnadeter Exzentriker. Er liebte die Frauen und komponierte für sie. Eine Passage auf einer CD mit Kammerers Musik heißt "dass ich dich nie besitzen werde" - und steht sinnbildlich für Paul Kammerers Beziehungen zu Frauen, die stets glücklos verliefen.

Eine weniger romantische Facette ist die politische: Paul Kammerer wurde der Fälschung seiner Forschungsergebnisse beschuldigt. Womöglich der Grund für seinen Selbstmord am 23. September 1926. Man hatte nachgewiesen, dass die berühmt gewordenen schwieligen Krötenbeinchen mit Tinte unterspritzt waren, und sah das Experiment als gescheitert an. Autor Klaus Taschwer deckt nun in seinem Buch über Paul Kammerer erstmals auf, dass deutschnational, katholisch und antisemitisch gesinnte Personen in Wiener Universitätskreisen die Fälschung manipuliert haben, um Paul Kammerer beruflich zu vernichten. Überhaupt war die Uni Wien schon vor dem ersten Weltkrieg weit ins rechte Fahrwasser abgedriftet, so Taschwer.

Das Ende Paul Kammeres zeigt noch einmal, wie sehr der "Zwischenschaftler" in zwei Welten gelebt hatte. Da der romantische Schwärmer und Künstler, dort der Forscher und Wissenschaftler, der etwas Neues schaffen wollte - für das die Welt offenbar noch nicht bereit war.

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Buchpräsentation am Sonntag, 16 Okt., 11:00:
Klaus Taschwer „Der Fall Kammerer. Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit“ (Hanser Verlag) im Jüdischen Museum, Dorotheergasse 11, 1010 Wien
Der Autor im Gespräch mit Dr. Peter Iwaniewicz
Einlass 10:45 Uhr
Eintritt frei









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