Blätter

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Gedanken für den Tag

von Brigitte Schwens-Harrant, Theologin, Germanistin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung "Die Furche". Gestaltung: Alexandra Mantler

"Geteiltes Leid halbiert nichts"

Nachdem sein Sohn Tonio gestorben war, suchte der niederländische Schriftsteller A. F. Th. van der Heijden in seiner Verzweiflung Halt in den literarischen Werken jener Autoren, die so wie er ein Kind verloren hatten. "Descartes kam nie über den Tod seiner kleinen Tochter hinweg, doch ob ihr Sterben seine Philosophie geprägt hat, weiß ich nicht", schreibt van der Heijden. "Nachdem Simenon "Die verschwundene Tochter" veröffentlicht hatte, verschwand die eigene Tochter: Später stellte sich heraus, daß sie Selbstmord begangen hatte. Simenon verfaßte seine tausend Seiten umfassenden Memoiren in Form eines Briefes an sie."

Er habe aus dem Leid seiner Kollegen keinen Trost schöpfen können, muss van der Heijden schließlich ernüchtert feststellen. "Geteiltes Leid halbiert nichts. Es vermehrt." Es gab für van der Heijden keinen anderen Weg, als darüber zu schreiben. "Eine andere Antwort auf den schrecklichen Verlust, als über ihn zu schreiben, habe ich nicht", heißt es in seinem literarischen Requiem "Tonio", "um nach einer gewissen Zeit zu entdecken, daß auch Schreiben keine Antwort sein kann, denn es wurde keine Frage gestellt. Das macht den Verlust noch grauenerregender: daß er keine Frage enthält, sondern nur ein Ausrufezeichen wie ein messerscharfer Eiszapfen. Man kann die Sache auch umdrehen und den Verlust befragen, doch auch von ihm kommt keine Antwort."

Die Angst treibt das Schreiben an, die Angst, dass im Traum die geliebten Menschen nicht mehr begegnen, dass sie aus der Erinnerung verschwinden. Dem Schreiben wohnt dabei eine verzweifelte Hoffnung inne: "Von dem Moment an, an dem es am Pfingstsonntag klingelte und ein Polizeibeamter die Worte ‚kritischer Zustand' benutzte, war ich dabei, mein Requiem aufzuführen - erst beschwörend, in der verzweifelten Hoffnung, ihn am Leben erhalten zu können, später am selben Tag ungläubig akzeptierend, in der verzweifelten Hoffnung, ihn mit Worten und Bildern in sein früheres Leben zurückzaubern zu können."

Service

A. F. Th. Van der Heijden, "Tonio. Ein Requiemroman", Verlag Suhrkamp

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Titel: Goldberg - Variationen BWV 988 "Aria mit 30 Veränderungen aus Clavierübung IV"
* Variatio 30 - Quodlibet; "Ich bin so lang nicht bei dir gwest", "Kraut und Rüben haben mich vertrieben" (00:02:17)
Solist/Solistin: Tatjana Nikolajewa /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: Relief CR 861006

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