Radiokolleg - Das Nähe - Distanz Verhältnis

Zwischen Symbiose und Abgrenzung (2). Gestaltung: Margarethe Engelhardt-Krajanek

Das ausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz bestimmt die Qualität unserer Beziehungen. Ob als Paar, in der Familie, oder im Arbeitsprozess: der Balanceakt zwischen empathischer Anteilnahme und Abgrenzung reguliert das Zusammenleben. Die Grenzen zwischen Ich und Du sind flexibel, sie verändern sich und brauchen eine fortwährende Korrektur. Ein frisch verliebtes Paar gerät auch hormonell bedingt in einen Strudel symbiotischer Verschmelzung. Zwangsläufig rücken beide voneinander ab. Damit stellt sich die Frage, wie viel Distanz eine Beziehung verträgt.

Wie lässt sich Nähe wieder herstellen? Im Alltag ist selten Platz für die Frage nach dem, was gut tut und was Sinn macht. Die Auseinandersetzungen mit sich und dem anderen wird vertagt: auf den Urlaub und auf gemeinsame Reisen. In kurzer Zeit soll nachgeholt werden, was monatelang nicht funktionierte: Zweisamkeit, ein wir, ein gemeinsames Miteinander. Oft beginnen Reisen darum mit heftigen Auseinandersetzungen und enden manchmal sogar mit Trennung.

Denn die Erwartungen an den anderen werden enttäuscht. Man ist sich fremd geworden. Nähe herstellen und Distanz wahren ist eine der zentralen Aufgaben im Familienleben. Eltern müssen gewähren lassen und gleichzeitig Regeln setzen. Mit einer liebevollen Umarmung vermitteln sie Wärme und Geborgenheit. Doch dürfen sie ihre Position als Erwachsene, als Erfahrene nicht verlassen. Und letztlich müssen sie ihre Kinder gehen lassen, damit sie wieder kommen können.

Einen respektvoll distanzierten und zugleich empathischen Umgang miteinander fordern auch viele Berufsfelder. Ärzte, Pflegerinnen, Sozialarbeiter und Lehrerinnen müssen Anteil nehmen, ohne ihre professionelle Distanz zu verlassen. Denn: manches Vertraute entpuppt sich bei genauen Hinschauen als fremd.

Service

LITERATUR:

Mariam Irene Tazi-Preve, "Das Versagen der Kleinfamilie. Kapitalsismus, Liebe und der Staat", Verlag Barbara Budrich 2017

Harville Hendrix, "So viel Liebe wie du brauchst. Der Wegbegleiter für eine erfüllte Beziehung." Taschenbuch 2009

Eva Illouz, "Warum Liebe weh tut. Eine soziologische Erklärung" Suhrkamp Verlag 2012

Stefanie Stahl, "Vom Jein zum Ja. Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner." Ellert & Richter Verlag 2015

Jürg Willi, "Die Zweierbeziehung" Rowohlt Taschenbuch 2012

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