"Bion" von Adam Brown und Andrew H. Fagg

AFP/NELSON ALMEIDA

Radiokolleg - Kybernetik

Zur Selbststeuerung von Systemen in Natur, Gesellschaft und Technik (4). Gestaltung: Richard Brem

1948 veröffentlichte der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener sein Buch "Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine", mit dem er nicht nur einen Bestseller landete, sondern auch die Grundlagen für eine neue Wissenschaft legte: die Kybernetik. Deren Ziel war es, Steuerungssysteme sowohl in biologischen wie auch in sozialen und technischen Systemen zu beschreiben. Den Begriff Kybernetik hatte Wiener dabei vom griechischen Wort für Steuermann: "kybernetes" entlehnt. So wie ein Steuermann auf einem Schiff zwar Ziel und Route kennt, während der Fahrt aber fortlaufend auf Informationen über die äußeren Verhältnissen wie Strömung, Wind und Wellengang angewiesen ist, um den Kurs anpassen zu können, so benötigt auch jedes andere komplexe System solche zirkulären Rückkoppelungsmechanismen. Die Kybernetik nach Norbert Wiener verstand sich als die Wissenschaft dieser Regelkreisläufe.

In den 1960er und 1970er Jahren gab es starke Bestrebungen, Prinzipien aus der kybernetischen Theorie auch in der Praxis, etwa bei der Steuerung gesellschaftlicher Prozesse, zur Anwendung zu bringen. So wurde in Chile unter der sozialistischen Regierung von Salvador Allende das "Projekt Cybersyn" gestartet, das eine kybernetische Selbstorganisation der Wirtschaft mit Hilfe eines Zentralcomputers und eines Netzwerkes an Fernschreibern versuchte. Von der Kybernetik inspirierte Ideen kamen zu jener Zeit auch beim Neubau des Bundeskanzleramtes in Bonn zur Anwendung - das Gebäude war als eine Art Regierungsmaschine konzipiert, die praktische Politik und wissenschaftliche Erkenntnisse miteinander verzahnen sollte.

Die Kybernetik hat ab den 1950er Jahren auch in den Künsten Impulse gesetzt. Angefangen bei der Entwicklung der elektronischen Musik über literarische Experimente in der Literatur bis zu Film und Populärkultur, wo vor allem die Figur des "Cyborgs", in der Mensch und Maschine zu einem "kybernetischen Organismus" verschmelzen, für Furore sorgte.

Heutzutage ist kaum mehr von Kybernetik die Rede, sie gilt seit langem nicht mehr als die viele Disziplinen zusammenführende Einheitswissenschaft wie in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Dennoch hat sie in vielen Bereichen Grundlagen geschaffen - etwa bei selbstfahrenden Systemen, Künstlicher Intelligenz oder in den Neurowissenschaften. Darüber hinaus hat kybernetisches Denken auch Eingang in die Ökologie mit ihrer Betonung natürlicher Kreisläufe, in die Psychologie und Systemtheorie sowie in Managementtheorien zur Führung von Unternehmen und Organisationen gefunden. Und bei genauerer Betrachtung lässt auch die heutige Kultur der Selbstoptimierung ihre Wurzeln in der Kybernetik erkennen.

70 Jahre nach der Veröffentlichung von Norbert Wieners bahnbrechendem Buch über die "Regelung und Nachrichtenübertragung in Lebewesen und Maschine" rekapituliert das Radiokolleg die Geschichte der Kybernetik und ihre weitreichenden Folgen.

Service

LITERATUR:

Norbert Wiener: "Cybernetics: Or Control and Communication in the Animal and the Machine", MIT University Press, Cambridge/Massachusetts, 212 Seiten, 978-0262730099

Erich Hörl & Michael Hagner (Hrsg.): "Die Transformation des Humanen: Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik", Suhrkamp Verlag, Berlin, 1.472 Seiten, 978-3730604533

Merle Ziegler: "Kybernetisch regieren: Architektur des Bonner Bundeskanzleramtes 1969-1976", Droste Verlag, Düsseldorf, 396 Seiten, 978-3770053315

Paul Buckermann? Anne Koppenburger &? Simon Schaupp (Hrsg.): "Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen: Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel", Unrast Verlag, Münster, 304 Seiten, 978-3897712256

Heinz Michael Mirow: "Kybernetik: Grundlage einer allgemeinen Theorie der Organisation", Gabler Verlag, Wiesbaden, 160 Seiten, 978-3663010609

Fredmund Malik: "Strategie des Managements komplexer Systeme: Ein Beitrag zur Management-Kybernetik evolutionärer Systeme", Haupt Verlag, Bern, 562 Seiten, 978-3258079189

Thomas Rid: "Maschinendämmerung: Eine kurze Geschichte der Kybernetik", Propyläen Verlag, Berlin, 496 Seiten, 978-3549074695

Hans Esselborn (Hrsg.): "Ordnung und Kontingenz: Das kybernetische Modell in den Künsten", Königshausen u. Neumann, Würzburg, 220 Seiten, 978-3826037801

Hans-Christian Dany: "Morgen werde ich Idiot. Kybernetik und Kontrollgesellschaft", Edition Nautilus, Hamburg, 128 Seiten, 978-3894017842

Karin Harrasser: "Körper 2.0: Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen", Transcript Verlag, Bielefeld, 144 Seiten, 978-3837623512

Gotthart Günther: "Lebenslinien der Subjektivität: Kybernetische Reflexionen" (Audiobuch), supposé Verlag, 978-3932513145

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