Wasserwirbel

AP/JOE GIBLIN

Radiokolleg - Ozean der Klänge

Die Klangfarbe als Medium einer zeitgenössischen Musikrevolution (4). Gestaltung: Thomas Mießgang

In seiner berühmten "Harmonielehre" schrieb Arnold Schönberg 1911, dass bis dato in der Musiktheorie vor allem die Dimension der Tonhöhe systematisiert worden sei. Dagegen befinde sich "die Bewertung der Klangfarbe, der zweiten Dimension des Tons, in einem noch viel unbebauteren, ungeordneteren Zustand".

Schönberg machte sich gleich daran, diesen Sachverhalt zu ändern und stellte die Vision einer "Klangfarbenmelodie" zur Diskussion, die nach ähnlichen Prinzipien funktionieren solle wie die an der Tonhöhe orientierten Melodien. In seinem Orchesterstück op. 16, Nr. 3, mit dem Titel "Farben" führte er dann gleich am praktischen Beispiel vor, wie diese Vorstellung künstlerisch umzusetzen sei.

Arnold Schönbergs Faszination von der Klangfarbe hat sich im Hinblick auf die Erneuerung der Musik im 20. und 21. Jahrhundert vielleicht als noch wirkungsvoller erwiesen als die Erfindung der 12-Ton-Musik. Während Harmonie und Melodie, ja selbst der Rhythmus als Innovationsparadigmen eher an Bedeutung verloren haben, ist die Klangfarbe vor allem in Zeiten digitaler Musikproduktion immer wichtiger geworden.

Im Ozean der Klänge, der uns heute umgibt, wo immer wir uns auch befinden, ist es vor allem das Timbre/die Textur, die Sounds ihre spezifische Kontur verleiht und sie unverwechselbar macht. Es gibt einen "klassischen" Entwicklungsstrang in der Entwicklung der Klangfarbe, der von experimentellen Instrumenten wie dem Theremin über die Musique concrète bis zur Computermusik der Gegenwart reicht.

Hier soll aber vor allem interessieren, wie die Arbeit am Timbre Pop und Jazz revolutioniert hat. In prädigitalen Zeiten waren es vor allem Gadgets wie Verzerrer, Wah Wah-Pedal, Echo, Hall, Tape Delay und Phase Switcher, mit denen ein akustisches Signal modifiziert werden konnte. Jimi Hendrix war wahrscheinlich der erste Gitarrist, der nicht nur sein Instrument meisterhaft beherrschte, sondern auch über seine Effektgeräte - man könnte auch sagen prothetischen Apparaturen - mit solcher Souveränität verfügte, dass er einen ganz neuen klangfarblich orientierten musikalischen Kosmos erschaffen konnte.

Miles Davis "zerstörte" mit dem Wah-Wah-Pedal seinen herb-melancholischen Trompetenton und generierte damit gleichzeitig einen Sound, der vom Chaos der Metropolen in Zeiten des politischen Umbruchs erzählte. Brian Eno schuf mit Ambient eine Musik, die von atmosphärischen Klangflächen lebt, die digitalen Nomaden der Gegenwart benutzen immer raffiniertere Software, um die Algorithmen ihrer Soundscapes tanzen zu lassen und Psychoakustiker wie Florian Hecker oder Russell Haswell dringen vollends in den Bereich des Ungehörten vor.

Das Radiokolleg unternimmt eine Erkundungsfahrt auf dem Ozean der Klänge, die jenseits ästhetischer Konventionen und mit postpsychedelischer Abenteuerlust an der Expansion des akustischen Feldes ins potenziell Unendliche arbeiten: Turn on, tune in, Freak-out!

Sendereihe

Gestaltung

  • Thomas Mießgang