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Wolfgang Müller-Funk über religiöse Zweifler: Fjodor M. Dostojewski

"Der göttliche Zweifel". Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk tritt in einen Dialog mit göttlichen Zweiflern wie Blaise Pascal, Sören Kierkegaard, Muguel de Unamuno oder Hans Blumenberg. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Wenn Gott tot ist, ist alles erlaubt, äußert die Hauptfigur Raskolnikow in Dostojewskis Roman "Schuld und Sühne". Es ist der Satz, in dem sich Dostojewskis Ansicht von der Moderne zur Sentenz verdichtet. Raskolnikow wird durch seine Sühne den Weg zurück zu Gott finden.

In seinem letzen großen Roman "Die Brüder Karamasow" wird Dostojewski auf dieses Thema zurückkommen. Mit dem engelhaften Aljoscha hat er eine Figur geschaffen, die in Kontrast zu fast allen anderen Protagonisten im Roman steht, insbesondere zu seinem Vater, einem moralisch verkommenen Lebemann und Egoisten, dem Zerrbild eines ethisch ungebundenen Menschen, der wie die beiden anderen Söhne ein gottloses Leben führt.

Aljoscha ist schüchtern, er befindet sich im Zustand engelhafter Unschuld. Dadurch gewinnt er die Sympathie seiner Umwelt. Die ganze Hoffnung nach allem Glaubenszweifel liegt in der Figur Jesu Christi. Der charismatische junge Mann, der vor dem lasterhaften Leben des Vaters und seiner Generation ins Kloster flüchtet, ist als Wiedergänger Christi gezeichnet, der von der düster gezeichneten Gottlosigkeit der Zeit unberührt bleibt. Einer der frommen Männer bei Dostojewski spricht davon, dass selbst die Atheisten das Antlitz Christi in sich tragen und dass das göttliche Vorbild des Menschen wieder aufgerichtet werden kann.

Aljoscha, der irrende, zuweilen auch zweifelnde und strauchelnde, aber sich stets treue neue fromme Mensch, trägt dieses Antlitz Jesu in sich, er, der Boshaftigkeit und Sünde der Welt mit Sanftmut begegnet. Was Dostojewski, dem die Erfahrung des Todes Gottes nicht fremd war, vorschwebte, war eine innere Vision Gottes, die nicht auf dem Gesetz des Vaters, sondern auf dem des Sohnes beruht. Dostojewski zweifelt nicht an Gott, sondern an der Welt.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Johann Sebastian Bach/1685 - 1750
Bearbeiter/Bearbeiterin: Myra Hess /Transkription/1890 - 1965
Album: TZIMON BARTO SPIELT BERÜHMTE ZUGABEN
Titel: Jesus bleibet meine Freude - Choral / Nr.10 aus der Kantate "Mit Herz und Mund und Tat und Leben" BWV 147 / Bearbeitung für Klavier
Solist/Solistin: Tzimon Barto /Klavier
Länge: 02:10 min
Label: EMI CDC 7549002

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