Johanna Schwanberg über Egon Schiele

"Schonungsloser Blick auf das Selbst". Anlässlich seines 100. Todestages beleuchtet Johanna Schwanberg, Direktorin des Dom Museum Wien, die skandalumwitterte Biografie des Ausnahmekünstlers im Wien der Jahrhundertwende - Egon Schiele. Gestaltung: Alexandra Mantler

Egon Schiele und Spiritualität? Das Enfant terrible der Wiener Moderne und Religion? Das scheint auf den ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen, verbindet man mit dem expressionistischen Oberwildling doch in erster Linie männliche Aktbildnisse und sinnlich-erotische Darstellungen von Frauen und jungen Mädchen.

Das Spannende an herausragenden Künstlerinnen und Künstlern ist aber, dass sie sich nicht in Schubladen stecken lassen. Egon Schiele ist einer, der mich stets aufs Neue überrascht. Sein unverkennbares und zugleich vielgestaltiges Werk spiegelt, dass das Leben nicht entweder Weiß oder Schwarz ist. Vielmehr besteht es aus Ambivalenzen und Spannungen. Aus Augenblicken, in denen sich das Leben in all seiner Sinnlichkeit präsentiert und solchen, die von Reduktion und Verzicht geprägt sind.

Dass Schiele an der Körperlichkeit und der physischen Präsenz des Daseins genauso interessiert war wie an jenen Phänomenen, die jenseits der greifbaren Wirklichkeit liegen, ist unübersehbar. Sein Interesse an spirituellen und religiösen Aspekten zeigt sich an einer Reihe von Werken, die er "Die Offenbarung", "Andacht" oder "Eremiten" betitelt hat. Überhaupt spielt die Sprache in Schieles Schaffen eine große Rolle. Nicht nur in Form von Briefen und Gedichten.

Oft bringt mich erst der Titel in Zusammenhang mit dem figürlichen Dargestellten dazu, über den tieferen Sinn eines Schiele-Blattes nachzudenken. So fasziniert mich auf einer Papierarbeit der Wiener Albertina aus dem Jahr 1913 die geheimnisvolle, schräg ins Bild gesetzte Rückenansicht eines Mannes. Die männliche Figur ist gerade dabei, sich ihr kurzes grünes Hemd abzustreifen, rechts unten hat Schiele unter die Signatur ein einziges Wort notiert. Es weist darauf hin, dass es hier wohl um die Befreiung von allen irdischen Gütern geht. Denn da steht in Blockbuchstaben geschrieben: "Erlösung".

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Cecile Chaminade
Album: FLÖTEN FANTASIEN: WEGNER, KROEKER SPIELEN VIRTUOSE MUSIK DES 19.JH.
Titel: Serenade aux etoiles für Flöte und Klavier op.142
Solist/Solistin: Hans Jörg Wegner /Flöte
Solist/Solistin: Christiane Kroeker /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: Thorofon CTH 2187

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