Gedenkjahr vor dem Parlament, 1918

ÖNB

Radiokolleg

Radiokolleg Spezial "1918"

Anatomie einer Zeitenwende.
Gestaltung: Günter Kaindlstorfer, Tanja Malle, Sabine Nikolay, Wolfgang Ritschl und Peter Zimmermann

Trennungslinien. Die jungen Nationalstaaten straucheln.
Unruhe herrscht in Europa in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs - das gilt besonders für die Nachbarschaft der Ersten Republik: Ungarn, Italien und Jugoslawien. Aber auch für Polen. Und während in Italien Mussolinis Faschisten an die Macht drängen und in Rumänien die nicht minder faschistische "Eiserne Garde" Aufwind bekommt, etablieren sich in den Nachfolgestaaten der k. u. k. Doppelmonarchie autoritäre Regierungen. Nur die Tschechoslowakei bleibt demokratisch und gilt eine Zeitlang als demokratischer Vorzeigestaat, schildert Günther Kaindlstorfer.

Sabine Nikolay erklärt Entstehung und Folgen des Versailler Vertrags, der im Mai 1919 nahe Paris unterzeichnet wird. Mit ihm endet der Erste Weltkrieg auch völkerrechtlich. Gleichzeitig wird damit der Völkerbund gegründet. Die neuen Staatsgrenzen Österreichs werden erst im September 1919 mit dem Vertrag von St. Germain festgelegt. Inhalt und Umstände der Errichtung dieser beiden Verträge werden oft als Auslöser für die politischen Entwicklungen der Folgejahre und das Aufkommen des Faschismus gesehen.

"Der wahre Völkerkerker waren die Nationalstaaten", sagt dazu der Historiker Pieter Judson im Studiogespräch mit Wolfgang Ritschl. Die beiden reden über vermeintliche nationale Gegensätze und die Klassenfrage, sowie über die Situation der Minderheiten bzw. Volksgruppen in den neuen Nationalstaaten.

Nicht nur in Österreich, auch in Deutschland, folgt auf das Kaiserreich die Republik - allerdings ohne territoriale Zersplitterung. In München und Berlin blüht die Moderne kurz auf. Doch gleichzeitig kämpfen verschiedene Gruppen um die Neuausrichtung der Politik und bilden paramilitärische Einheiten. Der Einfluss der russischen Revolution und Lenins radikale Reformen beflügeln linke sowie rechte Parteien. Ein politisches Experiment, die in München ausgerufene sozialistische Räterepublik, endet innerhalb weniger Monate im Blutbad. Die Situation in Deutschland nimmt Peter Zimmermann in den Blick.

Und Tanja Malle erzählt, wie Wien einmal mehr zum Ziel- und Ausgangsort von Zu- und Abwanderung wird. Die Hauptstadt zieht viele deutschsprachige Jüdinnen und Juden aus den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns an. Das gilt auch für die Universitäten, wo der Antisemitismus dadurch noch virulenter wird. Sie sind damals Hochburgen des Judenhasses. Bereits Anfang der 1920er Jahre erlässt die Wiener Technische Hochschule, die heutige TU Wien, den ersten antisemitischen Numerus Clausus im gesamten deutschen Sprachraum.

Moderation: Wolfgang Ritschl. Recherche der zeithistorischen Originaltöne: Michael Liensberger. Redaktion: Tanja Malle und Ina Zwerger.

Service

Die Hannes Androsch (Hrsg.): 1848-1918-2018 - 8 Wendepunkte der Weltgeschichte. Brandstätter Verlag

Vicki Baum: Menschen im Hotel, Roman, Kiepenheuer & Witsch

Hugo Bettauer: Der Herr auf der Galgenleiter, Roman, Milena Verlag

Dieter A. Binder, Ernst Bruckmüller: Essay über Österreich. Grundfragen von Identität und Geschichte 1918 - 2000, Böhlau Verlag

Ernst Bruckmüller: Symbole österreichischer Identität zwischen Kakanien und Europa, Picus Verlag

Marion Dotter und Stefan Wedrac: Der hohe Preis des Friedens: Geschichte der Teilung Tirols. 1918 bis 1922. Tyrolia Verlag

Heinz Fischer: 100 Jahre Republik: Meilensteine und Wendepunkte in Österreich 1918-2018. Czernin Verlag

Egon Friedell, Selbstanzeige, Löcker Verlag

Robert Gerwarth: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. Siedler Verlag

Christian Glanz, Hanns Eisler. Werk und Leben, erschienen in der Reihe "Neue Musikportraits", Edition Steinbauer

Anton Holzer: Die erkämpfte Republik: 1918/19 in Fotografien. Residenz Verlag

Pieter M. Judson: Habsburg. Geschichte eines Imperiums 1740 -1918. C.H. Beck

Christian Koller, Matthias Marschik (Hg.), Die ungarische Räterepublik 1919, Promedia

Helmut Konrad/Wolfgang Maderthaner: Das Werden der Ersten Republik: Der Rest ist Österreich. Gerold Verlag

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Suhrkamp

Andreas Latzko: Menschen im Krieg, Novellen, Milena Verlag

Hannes Leidinger und Verena Moritz: Umstritten, verspielt, gefeiert. Die Republik Österreich 1918/2018. Haymon Verlag

Ernst Lothar, Der Engel mit der Posaune, Zsolnay

Sarah Mohi von Känel: Kriegsheimkehrer. Politik und Poetik 1914 - 1939, Wallstein Verlag

Verena Pawlowsky und Harald Wendelin: Die Wunden des Staates Kriegsopfer und Sozialstaat in Österreich 1914-1938. Böhlau Verlag

Anton Pelinka: Die gescheiterte Republik: Kultur und Politik in Österreich 1918-1938. Böhlau Verlag

Alfred Pfoser und Andreas Weigl: Die erste Stunde Null. Grünungsjahre der österreichischen Republik. 1918 - 1922. Residenz Verlag

Oliver Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 - 2005. Zsolnay

Manfried Rauchensteiner: Unter Beobachtung. Österreich seit 1918. Böhlau Verlag

Walter Rauscher: Die verzweifelte Republik. Österreich 1918-1922. Kremayr und Scheriau

Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende, Roman, Kiepenheuer & Witsch Verlag
Joseph Roth: Radetzkymarsch, dtv

Reinhard Schlüter: Der Haifisch. Aufstieg und Fall des Camillo Castiglioni, Zsolnay

Dieter Stiefel: Camillo Castiglioni oder Die Metaphysik der Haifische, Böhlau Verlag

Emmerich Talos unter Mitarbeit von Florian Wenninger: Das austrofaschistische Österreich 1933-1938, Lit Verlag

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen, Kiepenheuer & Witsch

Heinrich August Winkler: Weimar 1918 - 1933: Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie, C.H. Beck

Stefan Zweig, Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers, Fischer TB

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