Wolfgang Müller-Funk über Gerechtigkeit

"Die vielen Gesichter der Gerechtigkeit". In der Woche des Ö1 Schwerpunkts "100 Jahre Erste Republik" macht sich der Literatur- und Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk "Gedanken für den Tag" über die vielen Gesichter der Gerechtigkeit. - Gestaltung: Alexandra Mantler

"Ich hab mir das alles genau überlegt, das mit dem Staat, Krieg, Friede, diese ganze Ungerechtigkeit", sagt der Protagonist in Ödön von Horváths Theaterstück Sladek oder Die schwarze Armee. Es ist eine Bilanz, was der Krieg und sein unrühmliches Ende mit den Menschen, hier vor allem mit den Männern, angerichtet haben. Zudem eine Diagnose, warum das Morden nicht enden wird.

Auch wenn ihm kein Arm oder kein Bein fehlt, ist Sladek, der Mensch mit dem slawischen Namen, einer, der durch den Krieg zu einem Nichts geworden ist. Als Soldat einer geschlagenen Armee ist er ein symbolischer Niemand ohne Beruf, er findet sich in der Nachkriegsordnung nicht zurecht und ist von einer älteren Frau abhängig, die ihn ökonomisch aushält und der er sexuell und emotional unterlegen ist. Unbeirrbar ist er davon überzeugt, dass er ungerecht behandelt wird und dass es das, wonach er sich sehnt, nämlich Gerechtigkeit, in dieser Welt nicht gibt. Diese (Un-)Gerechtigkeitserfahrung treibt ihn in die illegale Reichswehr und macht ihn zum strammen Hakenkreuzler, der wegen seiner kaum verborgenen sanften Konstitution dort wiederum zum Außenseiter wird. Horváth hat mit Sladek die exemplarische Figur eines Nationalisten geschaffen, der sich von der Gerechtigkeit betrogen fühlt und deshalb zu den Waffen greift.

Wenn die Welt grausam zu mir ist, muss ich auch grausam sein. Das ist das erste Gebot einer Ethik der Grausamkeit. Horváths dramatische Kunst zeichnet aus, dass er sich in einen prekären Menschen hineinversetzt, ohne eine Minute lang den Zweifel zu erwecken, dass die Gerechtigkeit sich an einem anderen Ort befindet als in jenen verhängnisvollen Männerbünden in Deutschland und Österreich, die maßgeblich zur Zerschlagung der Demokratie beitrugen.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Übersicht

Playlist

Komponist/Komponistin: Robert Schumann/1810 - 1856
Titel: Märchenbilder op.113 - für Klavier und Viola
* Langsam mit melancholischem Ausdruck (00:05:24)
Solist/Solistin: Ricardo Requejo /Klavier
Solist/Solistin: Hirofumi Fukai /Viola
Ausführender/Ausführende: Hirofumi FUKAI /< japan.Bratschist >/10.2.1942 Saitama
Länge: 05:24 min
Label: Claves 508201

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