Brennende Kerze auf einem verschneiten Ast

APA/BARBARA GINDL

Bischof Hermann Glettler über Stille Nacht, Heilige Nacht

"Stille Nacht, Heilige Nacht". Gedanken über ein soziales und mystisches Glaubenslied, das vor 200 Jahren komponiert wurde, macht sich Hermann Glettler, Bischof der katholischen Diözese Innsbruck. - Gestaltung: Alexandra Mantler

Das Herz des Menschen sehnt sich nach einem Zuhause, nach einer verbindlichen Zugehörigkeit. Das Lied "Stille Nacht", das vor 200 Jahre in der Christmette in Oberndorf zum ersten Mal gesungen wurde, gibt dieser Sehnsucht einen weiten Raum. Es weiß um die Nächte, in denen "alles schläft", irgendjemand aber "einsam wacht" - meist nicht freiwillig. Das Lied erinnert an die harten Nächte nach den Franzosenkriegen Anfang des 19. Jahrhunderts. Europa musste sich politisch neu finden.

In der Weihnachtsnacht vor einem Jahr ist mir in der Innsbrucker Innenstadt, in der Nähe meines Hauses, ein älterer Mann aufgefallen. Er war offensichtlich verwirrt und fand nicht mehr den Weg zurück in sein Hotel - mitten in der Stadt faktisch verloren. Er stammte aus Südafrika und war mit einem internationalen Reiseunternehmen auf einer 4-Tages Reise "White Europe" unterwegs - davon einen Tag in Innsbruck. Nach mühsamen Recherchen konnten wir sein Hotel finden.

Es gibt nicht nur diese umherirrenden Touristen, die in der Überfülle der Reiseangebote "verloren" gehen. In unserer Wohlstandsgesellschaft gibt es neben der großen Not der unzähligen Fluchtreisenden und physisch Obdachlosen - mindestens so bedrängend das Problem der seelischen Obdachlosigkeit. Wo gehöre ich hin? Wo bin ich zu Hause? Im Zuviel die Adresse verloren.

"Jesus, der Retter ist da!" lautet der Zuspruch aus dem Weihnachtslied, das nichts an Attraktivität verloren hat. Es ist jemand "da", ganz verlässlich "da". Gott hat sich in unserer flüchtigen Welt beheimatet. Sein Dasein ist heilsam - auch wenn sich damit die bittere Erfahrung von Einsamkeit nicht schlagartig vertreiben lässt. Wer sich auf seine sanfte Gegenwart einlässt, irrt nicht mehr planlos umher. Durch den Menschgewordenen sind wir bei Gott zu Hause. Eine verlässliche Adresse, auch mitten in der Nacht.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Traditional
Bearbeiter/Bearbeiterin: Liona Boyd
Album: WE WISH YOU A MERRY CHRISTMAS
Titel: What child is this ?/instr.
Solist/Solistin: Liona Boyd /Gitarre
Länge: 02:57 min
Label: CBS MK 39093

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