Kirchturm mit Kreuz

AFP/KAMIL KRZACZYNSKI

Franz Josef Weißenböck über den "Welttag der Religionen"

"Deutung des Weltganzen". Der katholische Theologe Franz Josef Weißenböck stellt Fragen wie "Was ist Religion?", "Haben alle Menschen Religion?", "Verändert sich Religion?" - Gestaltung: Alexandra Mantler

Was ist "Zeit"? fragt Augustinus in seinen "Bekenntnissen". Und er stellt fest: "Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht." Ganz ähnlich ist es mit "Religion". Jede und jeder weiß, was damit gemeint ist. Aber wer könnte erklären, was Religion genau ist?

Viele Definitionen und Umschreibungen gibt es - aber keine allgemein anerkannte. Haben alle Menschen "Religion", von den Anfängen der Menschheit bis in die fernste Zukunft? Wenn alles sich ändert, ändert sich dann auch die Religion? Beim römischen Dichter Lukrez - übrigens einem Materialisten - lesen wir die folgende Erkenntnis: "Was sich ändert, endet auch". Gilt das auch für die Religion?

Religionen sind Deute-Systeme. Es geht ihnen nicht um das einzelne, sondern um das Ganze, um das Woher, das Wohin und das Wozu von allem. Religionen sind Versuche, dem Ganzen einen Sinn zu geben - und zu diesem Ganzen gehört der Tod. Bei André Malraux lese ich den Satz: "Nur Religionen wissen, wie man mit dem Tod umgeht; dazu wurden sie zweifellos erfunden".

Am anderen Ende der Skala steht die moderne Naturwissenschaft. Sie beschäftigt sich nicht mit dem Ganzen, sondern mit dem Einzelnen. Sie strebt nicht nach Deutung, sondern nach Wissen und Verstehen. Dabei werden die Ausschnitte, die beobachtet, vermessen, gewogen und quantifiziert werden, immer schmäler. Es gibt ein Spottwort über diese Art von Experten: Sie wissen immer mehr über immer weniger, bis sie am Ende alles über nichts wissen.

Die Religionen haben ihre frühere Deutungshoheit heute weitgehend verloren, zumindest in unserer westlichen Kultur. Die christliche Weltdeutung, die früher unseren Kontinent beherrschte und ihn bis heute prägt, hat ihre Kraft verloren. Ob die alten Deutungen wieder an Kraft gewinnen oder ob neue Deutungen Gefolgschaft finden und ob diese zum Gedeihen der Welt beitragen, steht nicht einmal in den Sternen.

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Michael Nyman/geb.1944
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Robert Herrick
Album: MICHAEL NYMAN: NO TIME IN ETERNITY / ENSEMBLE CÉLADON, P. BÜNDGEN
Titel: No Time in Eternity - création
Textanfang: Before you can say, "Come" and "Go", and breathe twice, and cry, "So, so"
Solist/Solistin: Paulin Bündgen /Countertenor
Leitung: Paulin Bündgen /Countertenor
Ausführende: Ensemble Céladon
Länge: 10:50 min
Label: aeon/outhere AECD 1757

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