Eine Gruppe von Menschen, bunt angezogen

AP/BILLY DAI

Gruppen machen Menschen

Von der Urhorde zur Whatsapp Group (1). Gestaltung: Christian Schüller

Selbstbestimmung und Individualität gelten als wichtige Errungenschaften der westlichen Gesellschaft. Doch wie unabhängig sind wir voneinander wirklich? Psychologie, Verhaltensforschung und Biologie haben längst gezeigt, dass vor dem Ich das Wir kommt. Es sind Rollen, die unser Verhalten bestimmen - ob im Kindergarten, am Arbeitsplatz oder in sozialen Medien. Wie funktionieren Gruppen, zu denen wir freiwillig oder unfreiwillig gehören? Was machen sie mit uns? Und was können wir mit Gruppen machen?

Im Anfang war die Gruppe
Die Geschichte der Menschheit beginnt mit einem Paradoxon: Verglichen mit anderen Primaten sind Menschen vergleichsweise schwach und abhängig. Was sie aber auszeichnet, ist ihre besondere Fähigkeit, größere Gruppen zu bilden. Im Wettbewerb der Gruppen dürften sich diejenigen durchgesetzt haben, die mehr inneren Zusammenhalt zeigten, also bessere soziale Fähigkeiten, meint der amerikanische Soziobiologe Edward Osborne Wilson.

Lange Zeit haben Menschen die Gemeinschaften, denen sie angehörten, nicht in Frage gestellt. Familie, Stand, Nation, Religionsgemeinschaft, soziale Klasse waren fixe Größen. Mit der Entwicklung der Städte, am Ausgang des Mittelalters, begannen Menschen sich freiwillig in Clubs, Logen, Verbindungen und Vereinen zusammenzuschließen. Dort fanden sie Halt und Identität im raschen sozialen und kulturellen Wandel.

Aber erst vor etwa fünfzig Jahren kam es in der westlichen Welt zu einem Boom der Kleingruppe. "Miteinander leben, lieben und arbeiten" wurde zum Slogan der Kommunen-Bewegung, die kaputte Beziehungsmuster der Eltern ablösen wollte. Soviel Nähe war den meisten auf Dauer dann doch zu viel. Aber aus der Jugendbetreuung und Altenfürsorge, der Psychiatrie und vielen anderen Sozialbereichen ist die Gruppe inzwischen nicht mehr wegzudenken. Und sogar die wettbewerbsgetriebene Arbeitswelt schätzt das kleine, überschaubare Team als Erfolgsmodell.

Kein Wunder also, dass gerade das weltumspannende Internet in überschaubare Gruppen mündet, wo mitunter sehr dicht kommuniziert wird und alles das passiert, was man schon aus der Familie kennt: Rivalität und Konflikt, Anpassung und Ausgrenzung, Machtspiele und Mobbing.

Service

LITERATUR:

DEUTSCH:

Bion, Wilfred: Erfahrungen in Gruppen. Klett-Cotta 2018

Elias, Norbert: Die Gesellschaft der Individuen. Suhrkamp 2001

Felsberger, Helga: Mentalisieren in Gruppen. Klett-Cotta 2016

Foulkes, H.S.: Gruppenanalytische Psychotherapie. Westarp 2017

Graf, Beatriz: Longo Mai - Revolte und Utopie nach 68. Thesis 2005

König, Oliver: Einführung in die Gruppendynamik. Carl-Auer 2018

Roth, Wolfgang Martin: Gruppenanalyse und die Entwicklung der Intersubjektivität. Facultas 2015

Sachs, Gabriele: Psychodynamische Gruppentherapie. 2018

Stahl, Eberhard: Dynamik in Gruppen. Handbuch der Gruppenleitung. Beltz 2017

Wilson, E.O.: Die soziale Eroberung der Erde. H.C. Beck 2016

Yalom, Irvin: Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie. Klett-Cotta 2019


ENGLISCH:

Dalal, Farhad: Taking the group seriously. Kingsley 1998

Nitsun, Morris: The Anti-Group. Ritledge 2014

Stacey, Ralph: Complex Responsive Processes in Organizations. Routledge 2003

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